Von den Tücken der modernen Vorratshaltung

Da sitze ich also und denke: „Blog eingerichtet, Über-Ich besänftigt, jetzt könnte ich in Ruhe…“, als in meinem Hinterkopf ein Geräusch erklingt. Dieses Klicken, das der Held im Krimi hört, bevor er sich umdreht und merkt, dass jemand einen Pistolenlauf auf ihn richtet.

Ich: „Über-Ich?“

Über-Ich: „Ja, dear?“

Ich: „Hast du gerade meine Synapsen durchgeladen?“

Das Über-Ich grinst und fingert bedrohlich an ein paar Ganglienzellen herum.

Über-Ich: „Na, jetzt, wo ich ein Druckmittel habe…“

Ich: „Was willst du noch? Ich hab geschrieben, oder?“

Über-Ich: „Jetzt räumen wir den Kühlschrank aus.“

Ich blinzle überrascht.

Ich: „Bitte? Seit wann neigen wir zu nächtlichen Fressattacken? Und wenn wir mit solchem Scheiß anfangen, wär dafür nicht Es zuständig?“

Das Über-Ich seufzt ob meiner Begriffstutzigkeit. Und mit sowas teilt man sich ein Hirn.

Über-Ich: „Wir fahren in drei Tagen mit der geliebten, gelobten und innig geschätzten Familie auf Urlaub, oder? Wäre es da nicht vieeeeeleicht eine gute Idee, alle Viktualien zu entfernen, die in unserer Abwesenheit anfangen könnten, Eigenleben zu entwickeln? Als wir das letzte Mal aus dem Urlaub zurückgekommen sind, war der Käse schon kurz davor, seine erste Schrift zu entwickeln.“

Ich: „Ja, aber keine besonders ausgefeilte. Maximal Keilschrift oder frühes Ogam oder so.“

Über-Ich: „Nicht mein Punkt. Geh aufräumen.“

Ich: „Aber es ist zwei Uhr morgens!“

Über-Ich: „Ja, und?“

Auch wieder wahr.

Nun, liebe Freunde, was soll ich sagen? Die nächste halbe Stunde war zumindest aus biologischer Sicht sehr, sehr erhellend. Wer hätte gedacht, dass Knoblauch dermaßen interessante Dinge anstellt, wenn man ihn nicht die ganze Zeit genau im Auge behält? Wer hätte je zu träumen gewagt, dass Rote-Beete-Salat zu solcher Farbenvielfalt fähig ist? Ganz abgesehen vom Frischkäse, der dieses Mal das Keilschrift-Stadium eindeutig schon überschritten hatte und dabei war, seine kleine käsige Lebensgeschichte in kunstvollen Hieroglyphen für die Nachwelt festzuhalten. Ich hab versucht sie zu entziffern, hauptsächlich in der Hoffnung, dass ich ihm auch eine Erwähnung wert war – „Das Große Göttliche Wesen, Bei Dessen Erscheinen Das Licht Angeht Und Das Die Macht Hat Mich Zu Vernichten“ wäre zum Beispiel ein eindeutiger Stimmungsaufheller gewesen. Zu meiner Enttäuschung schien es sich aber um einen ausgesprochen säkulären Frischkäse (bzw. War-Mal-Frischkäse) zu handeln, der statt religiöser Literatur lieber hymnische Liebeslieder über die benachbarte Butter dichtete und gemeinsam mit ihr sein Grab fand. Milchproduktliebe bis über den Tod hinaus, sehr romantisch.

Hernach drangen wir weiter nach hinten vor, dort, wo die Karotten von einst schlummerten und wo ich längst vergessene Zuccini und/oder Kulturen vermutete. Es gab einen Punkt, ich will es euch nicht verschweigen, liebe Freunde, da war ich schon sehr verzagt und fragte das Über-Ich, ob wir nicht lieber mit der ganzen Aktion bis zum Montag warten sollten.

„Wieso?“

Ich: „Dann hat der Baumarkt offen und wir können uns eine Machete kaufen. Die brauchen wir spätestens, wenn wir zum Lauchstangenjungel im untersten Fach kommen.“

Über-Ich: „Mach dich nicht lächerlich.“

Ich: „Woher willst du wissen, was dort auf uns lauert? Ich finde, wir sollten uns im Notfall verteidigen können!“

Über-Ich: „Das schon. Aber der Baumarkt hat keine Macheten.“

Ich: „Auch wieder war.“

Schließlich war das Werk aber vollbracht und Ich, Über-Ich und Es versammelten uns einträchtig am Sehnerv, um die verbliebenen Vorräte zu begutachten, die die Reinigungsaktion überlebt hatten.

Einen halben Becher Joghurt.

Ich: „Hm. Morgen ist Sonntag, oder?“

Es: „Hm, hm. Hat ausgeschaut wie mehr, vorher.“

Über-Ich: „Vielleicht hätten wir doch noch einkaufen gehen sollen.“

Ich: „Blödsinn, wenn wir ihn rationieren…“

Über-Ich: „Oder mit Tee strecken…“

Es: „Essen Zimmerpflanzen?“

Ich: „Oder… warte, wir sind gerettet! Da, im Seitenfach ist noch was!“

Es folgte ein kurzes Gedrängel am Sehnerv, gefolgt von betretenem schweigen.

Es: „Olive ist.“

Ich: „DREI Oliven, bitteschön.“

Über-Ich: „Halleluja.“

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.