Sein oder nicht Sein mit Brieföffner

„Ich dachte, ihr unterhaltet mich!“, ruft der Vater am Frühstückstisch angesichts seiner drei traumhapterten (übs: verschlafenen) und daher ungewöhnlich wortkargen Sprösslinge aus. „Ich hab gedacht, ich mach Müsli und dafür tanzt ihr ein bisschen auf dem Tisch oder erzählt Witze oder so.“

„Gmmmmfff“, sage ich. Es ist vor meinem ersten Tässchen Tee und folglich verfüge ich momentan über die intellektuelle Leistungsfähigkeit ein Amöbe. (Und zwar von der Amöbe, die so dumpf ist, dass alle anderen Amöben sie auslachen und nicht mehr zu ihren kleinen amöbigen Parties einladen.) Der Vater ist heut morgen aber fest entschlossen, Frühstückskonversation zu betreiben.

„Dann erzählt wenigstens, was ihr geträumt habt!“, beharrt er und ich beuge mich der Gewalt.

„Hm. Ich war ein Inspektor oder so – muss ein Inspektor gewesen sein, weil ich einen schicken Trenchcoat angehabt hab – und hab eine Theateraufführung unterbrochen, weil ein Schauspieler den anderen gekragelt hat. Der Hamlet hat grad seine große Szene gehabt, aber der war nicht sauer, sondern hat sich nur zu mir umgedreht und gesagt: „Gottseidank. Ich hätt echt nicht gewusst, ob das ein Dolch ist, den ich da vor mir sehe.““

Jo: „Saublöder Traum.“

Sarah: „Ja. Und dabei ist das mit dem Dolch nicht einmal ein Hamlet-Zitat.“

Vater: „Naja, es könnt schon-“

Mutter: „Nein, das kommt bei Shakespeare nirgends vor.“

Sie sagt das mit der Autorität einer Person, die sämtliche Werke Shakespeares dreimal gelesen und auswendig gelernt hat.  Wir schauen sie alle verblüfft an.

Ich: „Ich glaub schon, dass das…“

Mutter: „Das macht nämlich gar keinen Sinn. Wenn ich einen Dolch vor mir hab, dann erkenn ich doch, dass das ein Dolch ist!“

Sie grübelt kurz und schränkt dann mit wissenschaftlicher Präzision ein: „Es sei denn natürlich, es ist ein Brieföffner.“

Im vollen Bewusstsein, eine literaturwissenschaftlich Bedeutsame Feststellung getätigt zu haben, streicht sie sich noch ein Marmeladebrot. Am Tisch herrscht ehrfürchtiges Schweigen.

Ich: „Du meinst, Hamlet* war einfach nur kurzsichtig? Er wollt Claudius eh schon am Anfang umbringen, aber er hat ihn einfach nur verfehlt?“

Mutter: „Natürlich!  Sonst machts keinen Sinn!“

Herr Shakespeare, ich hoffe, Sie lassen sich das eine Lehre sein.

*In Wirklichkeit war der Dolchheini natürlich Macbeth. Der war mir eh immer lieber – auch keine große Leuchte, aber zumindest eine coole Bissguren von Frau.

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