Maroni

Momentan stehen überall in der Stadt die Maronihändlerund ich schaue jedem ins Gesicht, in der Hoffnung, eingen ganz bestimmten wieder zu finden. Ich würd ihn nämlich so gerne fragen, wie seine Geschichte ausgegangen ist.

Normalerweise kauf ich für mich selbst keine Maroni, weil ich der tiefen Überzeugung bin, dass man Maroni immer mit jemandem teilen sollte. Und da daheim nur meine Fische auf mich warten und die nicht so sehr auf Maroni stehen, gibts normalerweise auch keine für mich. Vor zwei Jahren aber hab ich mir einmal mit meiner Cousine Maroni fern-geteilt, das heißt, sie hat sich eine Tüte in Graz gekauft und ich mir gleichzeitig eine in Wien. Der Händler war ein kleiner Mann mit Krauselocken, dunklen Augen und leuchtend rotem Schal.

„Wie geht’s denn so?“, fraget er, während er routiniert meine Kastanien ins Stanizel schaufelt.
„Wunderbar“, antwortete ich, während ich das Geld abzählte: „Und selbst?“
„Geht so“, sagt er. Irgendetwas in seinem Tonfall war seltsam, also hakte ich nach: „Warum ‚geht so‘? Warum nicht ‚grandios!‘ Warum nicht ‚hervorragend‘?“

Er seufzt tief und zuckt mit den Schultern: „Is eine laaange traurige Geschickte.“ Er hat wirklich Geschickte gesagt und nicht Geschichte. Sowas würd ich nicht erfinden.
„Naja“, sage ich: „Auf mich wartet niemand. Wollen Sie drüber reden?“
Und dann hat er mir eine Geschichte erzählt, die in der tat sehr lang und traurig war. Ich werd sie hier nicht aufschreiben, weil es war seine Geschichte und nicht meine. Sie hatte etwas mit Maroni zu tun und einem Mädchen, das ihn einmal lieb gehabt hatte und ihn jetzt nicht mehr. Ich nickte an den entsprechenden Stellen und machte empörte oder mitleidige Geräusche, wo es mir angebracht schien. Während er redete, wurde es langsam dunkel und wir wärmten uns beide die Hände an seinem Ofen. Irgendwann war alles gesagt und wir verabschiedeten uns voneinander, zwei Nicht-mehr-ganz-Fremde im Novembernebel. Daheim fand ich in meiner tüte dreimal soviele Maroni wie erwartet. Fürs Zuhören, vermute ich.

Als ich ein paar Tage später wieder an seinem Stand vorbeikam, stand dort ein ganz anderer Maronimann. Aber ich halte nach wie vor Ausschau nach ihm, denn ich möcht schon wissen, ob er das Mädel am Ende bekommen hat. Ich würds ihm so gönnen.

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2 Antworten zu Maroni

  1. Razorback schreibt:

    Dann geh hin und schreib sie ihm in die Arme, verhip! Das ist Dein Job.

    Und wenn sie dann zufällig beide am selben Tag ins Kino gehen, die Geschichte von der Leinwand flimmern sehen (IN 3D!!!) und sie ihn in der Menge erspäht, und mit tränenfeuchten Augen zu ihm geht und haucht: „Stimmt es, dass Du es bist, der Sarah Wassermair dazu brachte, freiwillig in romantisches Happy-End zu schreiben?“ und er sagt: „Das ist ricktig.“ und sie ihm dann um den Hals fällt um gemeinsam mit ihm 100 Jahre alt zu werden, dann hast Du wieder mal ein gutes Werk getan.

    Ich weiss – wir sind böse, kalt und neu-gierig: „Ich will nur Deine Geschichte, Baby…“ Aber dafür verbreite ich Wärme allüberall, wenn ich mich mal wieder in meine weibliche Hauptfigur verliebt habe und Du erleichterst einen Maronimann um seine Seelenpein. What goes around comes around.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Du hast mir gefehlt, dear. 😀

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