Keine Eisbären, sondern…

Sarah steht heute morgen also traumhappert am Bahnsteig und wartet auf den Zug. Links von mir streitet ein Ehepaar lauthals und erbittert wegen einer Kleinigkeit – einem Stück Pizza, um genau zu sein, dass sie nicht kaufen konnte, weil er irgendwohin zu spät gekommen ist – während ihre zwei kleinen Töchter mit resigniertem Blick zuschauen. Scheint bei denen öfter so zuzugehen.
Leider darf man halt keine wildfremden Frauen am Kragen packen, schütteln und anschreien kann, dass sie isch jetzt gefälligst zusammenreißen und sich das nicht-gekaufte Pizzastück sonstwohin stecken sollen. Also wandere ich lieber ein paar Meter weiter, bis ich an einer Oma vorbeikomme, mit seltsamer Mütze, knallgelber Jacke und ihrem kleinen Enkelsohn. Der Enkelsohn tritt über die Absperrungslinie und die Oma hält ihn zurück.

Oma: „Nicht!“
Enkel: „Warum?“
Oma: „Na, wegen der Gleisbären!“
Der kleine schaut sie verdutzt an.
Enkel: „Aber ich hab noch nie von Gleisbären gehört!“
Oma lächelt triumphierend.
Oma: „Daran sieht man, dass du noch nicht oft mit dem Zug gefahren bist! Die wohnen zwischen den einzelnen Gleisen und sind fürchterlich feig. Die mögens nicht, wenn man ihnen zu nahe kommt.“

Die vorstellung von ängstlichen Gleisbären, die sich zwischen den Gleisen verstecken und jedes Mal erleichtert aufatmen, wenn ein Zug kommt und den Himmel verdunkelt, hat mich enorm aufgeheitert. Gut zu wissen, dass manche Leute ihren nachwuchs noch kreativ anlügen.

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9 Antworten zu Keine Eisbären, sondern…

  1. Razorback schreibt:

    Yo – bloss Bumerangpädagogik der feinsten Sorge. Wenn ich vor zwei, drei Jahren eine Geschichte gesucht hätte, die meinen dazu zu bringen, den Kopf möglichst weit und tief über die Bahnsteigkante zu hängen – die wär’s gewesen. ;-D

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Bloß sind deine Kids ja die FREUNDE von den Monstern. Ganz anderes Kaliber von Kind. 😀

  3. Razorback schreibt:

    Genau – „Wir sind Psychobillys, wir sind die Freunde von den Monstern“ :-D.
    Ich finde aber auch – Gleisbären klingt sehr unmonsterlich.

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    Du hast das Kind nicht gesehen – von allem, was auch nur ansatzweise monsterlicher als ein Gleisbär gewesen wär, hätt das Knäblein doch einen Herzinfarkt bekommen.

  5. Brigitte schreibt:

    ich bin ja für ehrlichkeit bei kindererziehung. „weil dir der heranrasende zug sonst den schädel abreißt, das tut weh (nur kurz, dafür sehr), macht allerdings nachhaltig eine sauerei die sich eben nicht gewaschen hat und deine mama muss ein neues kind machen, dabei sind schwangerschaftshosen so teuer.“
    die gleisbären sind allerdings viel poetischer, das schon.

  6. Sarah Wassermair schreibt:

    Dear, wir zwei sollten mal gemeinsam babysitten. Da würd am ende ein schwer traumatisiertes gör dasitzen. 😀

  7. Jürgen schreibt:

    Warum fällt mir so etwas nie ein! Ich werde für Linus das ganz persönliche Projekt „schwindelweich“ starten.

  8. Sarah Wassermair schreibt:

    Erinnere mich dran, dass ich dir bei gelegenheit mal die Story erzähle, wie Jo und ich mal Klein-Michi erfolgreich eingeredet haben, dass er über plötzlich Superkräfte verfügt.

  9. Razorback schreibt:

    @Brigitte: Aus Erfahrung kann ich da nur sagen – Du hast absolut Recht. Meine Erklärung seinerzeit, mit der ich das Überschreiten der weißen Linie auf dem Bahnsteig verbot, war realitätsgetreu und endete mit den Worten: „…und dann seid Ihr tot.“ Kinder verstehen das gut, merken, dass man ehrlich mit ihnen ist, handeln wie gewünscht und sind kein bisschen traumatisiert durch klare und offene Worte.

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