Finder

Drehen wir die Zeit ein wenig zurück, bis August dieses Jahres. Da war ich gerade in Leverkusen zu Gast bei einen meiner absoluten Lieblingsmenschen auf diesem Planeten, nämlich dem Herrn Michael Schreckenberg, aka Razor. (Und natürlich bei seiner Familie, die sich aus weiteren vier meiner Lieblingsmenschen zusammensetzt.) Während diese Besuche allein schon durch die hohe Lieblingsmenschdichte im Hause Schreckenberg aufs höchste erquicklich sind, haben sie den zusätzlichen Bonus, dass ich dort meist Hand an frisch Geschriebenes von Razor legen kann. Schauen, welche neuen famosen Monster er sich wieder ausgedacht hat.

Diesen August aber wars nichts neues, das ich Lesen durfte, sondern die überarbeitete Version eines Romans, den ich schon längst kannte: seinem Thriller „Der Finder“.
Es geht darum, dass eine kleine Gruppe von Leuten eines morgens aufwacht und feststellt, dass der Rest der Menschheit sich über Nacht spurlos verdünnisiert hat. Endzeitbösartigkeit vom Allerfeinsten. Auf bitten seines Verlegers hatte er noch das eine oder andere umgestellt, diese Szene gestrichen, jene hinzugefügt…
Ich saß also am Küchentisch, ein Tässchen Tee süffelnd, und las seite um Seite, und glaubte, die Handlung eh so ungefähr zu kennen.

Und dann kam ich zu DER Szene. Ich kann die Szene jetzt natürlich nicht beschreiben, weil das bösartigste Spoilerigkeit allgemein und überhaupt wäre. Die Leute, die den Roman kennen, werden wissen, welche ich meine. Die, die ihn noch nicht kennen: ihr werdet sie erkennen, wenn ihr hinkommt.
Ich lese also diese Szene. Lese sie nochmal. Starre an die Wand. Starre die Szene an. Merke, dass mein Tee kalt geworden ist. Lese die Szene nochmal.

Kurz darauf wanke ich ziemlich bleich zu Razor ins Arbeitszimmer und wedle anklagend mit dem Manuskript.
Ich: „Bist du deppert geworden?“
Razor: „Wegen der Szene am Schluss, wo…“
Ich: „Das kannst du doch nicht machen!“
Er schaut betreten drein.
Razor: „Was? So schlecht? Soll ich vielleicht…“
Ich: „Spinnst du? Die Szene ist phänomenal! Und wenn du nur ein Wort daran veränderst, wirst du dich persönlich vor mir zu verantworten haben!“
Und ernsthaft: ich habs ehrlich gemeint.

Um nicht in den Verdacht zu geraten, hier ein reines Freundschaftsgutachten abzugeben: es ist kein perfektes Buch. Zum einen reden die Figuren manchmal noch philosophisch miteinander, wenn sie sich schon längst abschlachten könnten, und zum anderen ist der gute herr Schreckenberg immer so in seine weiblichen Hauptcharaktere verschossen, dass der Romantikquotient in den romantischen Szenen eindeutig zu… ähm… romantisch ist. Für meinen Geschmack* zumindest.

Wie gesagt, kein perfektes Buch. Kaum ein Buch ist das. Aber auf jeden Fall ein VERDAMMT GUTES Buch. Stellenweise ein phänomenales Buch, wie in der oben erwähnten Szene. Und zumindest einmal hatte ich zwei klitzekleine Tränen in den Augenwinkel, was bei einem bösartigen, zynischen Miststück wie mir eindeutig eine Leistung ist.

Und wisst ihr, warum ich euch das alles erzähle?** Erstens natürlich um anzugeben, weil ICH Den Finder schon längst gelesen hab und weiß, wie’s ausgeht und alles, während der Rest der Welt noch bis zum 11. November warten muss. Harr! (Aber vorbestellen auf Amazon geht schon, immerhin.)

*Zugegeben, meine Vorstellung von einer wirklich romantischen Szene ist auch in etwa: „Zwei Menschen reden über Trakl und dann erschlägt sie ihn mit einem Gummihuhn.“

**Und nein, Michael zahlt mich nicht für diesen Post. Ich hab auch schon lieben Freunden jede Art von Werbung für ihren Schrieb verweigert – blutenden Herzens – wenn ich das Buch nicht gut fand. Zuerst der Plot und dann die Freundschaft.

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4 Antworten zu Finder

  1. Razorback schreibt:

    Wow. Da überprüft man nichtsahnend die News im RSS-Feed und findet den Titel seines Romans und… wow!!! Danke. :-)))

    Und NEIN – Du kennst NICHT das ganze Buch. Denn es begab sich, dass mein Verleger mich Woche um Woche mit einer Detailfrage quälte und ich immer ungehaltener all seine Argumente abschmetterte. Dazu muss man wissen, dass mein Verleger ein unbedingt liebenswerter Mensch ist und ein Segen für gerade geschäftsuntüchtige Autoren wie ich einer bin, allerdings auch ein zur Hektik und Selbstausbeutung neigender Mensch, der nach mehreren Nächten ohne Schlaf anfängt, übereilt zu handeln.

    Und so trudelte eines Tages eine Mail bei mir ein, in der die Worte „grundlegend“ „Dramaturgie“ und „Änderungen“ vorkam, und zwar in einer Kombination, die in mir die falschen Knöpfe drücken. Und wenn bei mir die falschen Knöpfe gedrückt werden, dann sehe ich rot und lege Feuer an Brücken. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich weiss, dass das falsch ist. Aber ich bin leider ein Paranoiker. But I try my very best…

    …also atmete ich dreimal durch und schrieb eine Mail zurück, die ICH noch ziemlich freundlich fand. Nun ja… Abend rief er mich an und meinte, wir müssten reden. Er wäre gerade eine Runde mit dem Hund gegangen und daher ganz ruhig und da ich auch ganz ruhig war (das bin ich immer, wenn ich weiss, dass es sehr schlecht wäre, nicht ganz ruhig zu sein), wurde das Gespräch sehr konstruktiv. Er verdammte das Wort „grundlegend“ und schwor, es nie wieder zu verwenden. Als Gegenleistung hörte ich mir seine Argumente zur Dramaturgie noch einmal an. Dann sprach ich: „Was hältst Du von einem Prolog?“ Und schwupps, war Problem Nr. 1 gelöst, denn die Idee gefiel ihm sehr und von dramaturgischen Änderungen war fürderhin nicht mehr die Rede. Und dass ich Prologe liebe, ist Dir ja bekannt.

    Dann kam er wieder mit seinem Lieblingsproblem und ich hörte es mir, in der nun gelösten und einvernehmlichen Stimmung, in der wir waren, noch einmal in Ruhe an. Ich war immer noch der Meinung, er sei im Unrecht, sah aber ein, dass es vermutlich viele Menschen gibt, die ähnlich denken wie er (50:50 denke ich, unter Lesern Phantastischer Literatur eher 75:25 für mich). Und ich kam auf eine Idee, wie man das Problem a) beseitigen kann, ohne die Geschichte zu verfälschen, b) dadurch noch ein wenig mehr Tragik hineinbringen und c) auch noch eine Szene entromantisieren kann. Denn ich spotte zwar immer über Deinen Hang, Dich… hm… sagen wir mal völlig unromantisch zu geben, aber ich weiss auch, dass Du, was die Kritik an meinen Werken betrifft, oft Recht hast (s.o.). Nicht immer ist der Mittelweg der Tod…

    Kurzer Sinn: Am Anfang ist noch eine, wie ich finde hübsche, neue Wendung drin. Meet Susi, David und Doris. 😉

    Übrigens – welchen Schluss hattest Du nochmal gelesen? Den alten, actionreichen, oder den neueren, der eher ruhig und traurig ist? Stichwort: Schlacht oder Grabsteine?

  2. Razorback schreibt:

    Und dass Du mit Trakl schwach zu machen bist, das sollst Du doch nicht sagen! Ich dachte damit viel Geld zu verdienen an verzweifelten Kerlen, die schon den Fehler gemacht haben, Dir mit Blumen, Kerzen und Gedichten aufzuwarten und nun DRINGEND einen Tipp brauchen, damit sie sich nicht in die Donau stürzen müssen. Mist, jetzt wissen’s alle…

  3. Brigitte schreibt:

    Donau oder Gummiadler, es bleibt sich gleich. Wobei vorher mit Fräulein Wassermair über Trakel zu reden wahrscheinlich geistig erfüllender ist. Und man bleibt trocken dabei.
    Merke: Gedichte ja (aber die richtigen), ersetze Blumen und Kerzen durch Latexgetier.

    p.s.: Zum eigentlichen Thema werde ich mich äußern, wenn ichs gelesen hab. Also, das Buch. Gespannt bin ich schonmal.

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    WAS HEISST HIER, ES GIBT EINEN PROLOG??? Aber… aber… du würdest mich doch sicher niemals bis zum offiziellen Erscheinungsdatum warten lassen? Oder? Oder? So grausam bist du doch nicht? (Wenn ich eine Hunde-bettel-mine hätte, ich würd sie ja aufsetzen, aber… ähem.)

    Ende: Stichwort Grabsteine. Das war ja die oben erwähnte Oberfiesitätsszene. Neben meiner zweitlieblingsszene, in der sich der Fiesmann beinahe verrät. Du weißt ja, welche ich meine… oh, ist die vielleicht fiiiiies! (Die Szene allein würd schon als grund ausreichen, dass ich bei einer Verfilmung SO DERMASSEN im Drehbuchteam sein will, dass es ganz aus ist. Wart nur, sobald ich meine jetzige Deadlien tot gekriegt habe… und dann noch die nächste… dann aber, mein Guter, dann wird ge-exposét, dass die Papierfetzen fliegen!)

    Ah, das Gefühl mit den „grundsätzlichen Dramaturgischen Änderungen“ kenn ich. Oh, wie ich das kenne. Es gibt auf diesem Planeten bekanntlich eine einzige Person, der solche Worte mir gegenüber in den Mund nehmen darf, ohne dass ich zu fauchen beginne wie Gollum. Und sogar der weiß, wie vorsichtig er solche Dinge formulieren muss. Und meine Geschichte mit „Hey Sarah, die Dramaturgin hat eine neue Fassung von deinem Drehbuch geschrieben, lies mal.“ kennst du ja. Ist immer sauschwer, die Granze zu finden zwischen „Auf kluge Kritik hören“ und „Sein Buch beschützen.“ Und als Schreiberling gehst halt instinktiv immer extrem in letztere Richtung, weil, no na ned werden wir unsere Figuren beschützen wollen. Solltest du jemals den Trick gefunden haben, wie die Balance funktioniert, sag’s mir bitte auch. Wär grandios.

    Und der Tipp mit Trakl hilft gar niemandem, weil er dann auch noch die genau richtige Meinung zu trakl vertreten muss. Oder die falsche, aber die dafür WIRKLICH gut argumentiert. 😀

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