Weihnachten im Hause W.

Hmpf. Aufgestanden – nach einem sehr interessanten Traum, in dem ich unter den Kritischen Augen einer Gutachterin so tun musste, als sei ich Staatsanwältin, um ihre Aufmerksamkeit von einer streng geheimen Untergrund-Drehbuchbesprechung abzulenken, während ich die gesamte Zeit gehofft habe, dass sie mich nicht die Verfassung abprüft – aufgestanden, gegähnt und gedacht: „Huch, mich drängt es, laufen zu gehen“, entsprechend angezogen, Schuhe gesucht, meinen Brüdern Socken geklaut*, die Tür aufgemacht – und ins dichte Schneetreiben geschaut.
Schneetreiben + Brille = Sarah kommt zu einem abrupten Halt, weil sie gegen eine Laterne gerannt ist. Oder, hier am Land, auch schon mal gegen eine Kuh.

Also hab ich die Tür wieder zugemacht und ihr bekommt stattdessen einen Kurzbericht über den Weihnachtsabend im Hause Wassermair. Das Krippenstory-Gegen-Unterschrift-Angebot des letzten Posts gilt im übrigen immer noch.

Es gibt hauptsächlich drei Dinge, die man über unser Weihnachtsfest wissen muss, und diese sind:
a) wir sind IMMER zu spät dran
b) der Baum ist GROSS
c) und wir können nicht singen

Mit ‚immer zu spät‘ meine ich, dass um halb neun am Abend eine SMS von meiner Klein-Cousine bekam, die sich erkundigte, ob das Christkind denn generös gewesen sei. Darauf konnte ich nur zurückschreiben, dass das Christkind im Wohnzimmer sitze, gelangweilt in einer Zeitschrift blättern** und hin und wieder nach mehr Eierlikör schreien würde, während es darauf wartet, dass wir endlich den verdammten Baum schmücken.

Dass das auch noch etwas länger dauert, liegt, wie erwähnt daran, dass unsere Weihnachtsbäume von Jahr zu Jahr größer werden. Dieser Trend begann vor etwa zehn Jahren und für führen ihn auf eine thematisch begrenzte infantile Regression unserer geliebten Mutter zurück. Früher, als ich noch ein Kind war, hatten wir immer verhältnismäßig normale Christbäume, wie sie halt in normalen Haushalten*** stehen.
Ich erinnere mich noch gut an den Tag****, als Mütterle und ich kurz vor dem Vierundzwanzigsten gemeinsam zum hiesigen Weihnachtsbaumimperium gingen, einem Familienimperium, dass mit seinen Weihnachtsbaumpflanzungen in gesamte Region versorgt. Quasi ein Tannenmonopolist. Dort wanderten wir lange Zeit durch das Sortiment, ohne etwas zu finden, dass Tanntenkenner Mutter genehm war: Zu schief, zu kahl, zu dicht, zu nadelig, falsche politische Gesinnung, zu wenig Äste bei der Spitze… das Übliche Eben. Schließlich hatten wir die Auswahl auf zwei annähernd zulässige Exemplare reduziert – von denen eines blöderweise am EINEN Ende eines großen Gehöfts platziert war, der andere am ANDEREN Ende. Und weil meine Mutter wenig Dinge mehr hasst als vorschnelle Entscheidungen, verbrachten wir eine gute dreiviertelstunde damit, zwischen den beiden hin- und herzumarschieren, während ich im Hinterkopf die gesamte Zeit ‚Nach Frankreich zogen zwei Grenadier‘ von Heine und Schubert laufen hatte. Nach dem achten oder neunten Runde quer über’s Gehöft hatte ich mir sogar schon eine Schneewehe ausgesucht, unter der ich begraben werden wollte.

Jedoch, soweit kam es nicht, denn plötzlich blieb meine Mutter stehen, genau auf der Mitte des weges, und hob den Blick. Und hob ihn noch ein wenig mehr. Und noch mehr. Vor uns stand eine Tanne in einer größe, wie sie nicht in Wohnzimmern aufgestellt wird, sondern auf den Marktplätzen mittelgroßer Gemeinden.
„Uh“, sagte ich.
„Hm“, sagte die Mutter.
„Oh, der!“, sagte der Händler und kam herbeigeeilt: „Den haben Kunden fällen lassen und dann nicht abgeholt. Schade. Den werd ich wohl dieses Jahr nicht mehr verkaufen können.“
„Uh-OH!“, sagte ich zunehmend alarmiert.
„Hmhm“, sagte die Mutter.
„So ein schöner Kerl“, sagter der Händler mit listigem glitzern in den Augen: „Ganz umsonst gestorben.“
„Uhhhhh“, machte ich und wusste, dass ich schon verloren hatte, bevor ich überhaupt zu argumentieren begann. Der Baum war jetzt offiziell ein Findling, ein Waisenbaum, schutz- und heimatlos.
Mama würde noch einen Baby-Velociraptor mit heimbringen und versuchen, ihn mit der Hand aufzuziehen, wenn er nur schutz- und heimatlos genug dreinschauen würd.

Aber noch gab ich mich der Hoffnung hin, dass sie zumindest bei Tannenbäumen ein wenig hartherziger war. Dass sie sehen würde, dass wir dieses Riesengestrüpp UNMÖGLICH heimbringen konnten, ohne beim Rest der Familie eine Reihe von Herzinfarkten und Hirnblutungen auszulösen. Dass wir…

„Wir werden ihn wohl verheizen müssen. Ich hab schon die Säge hier…“, sagte der Händler und hob die Säge.
„Hmmmmmmmm!“, machte die Mutter und ich seufte ergeben: „Sie liefern ins Haus, oder?“

Zumindest ist unser Wohnzimmer hoch genug, dass wir die Monster jedes Jahr darin aufstehen können – mittelalterlicher Bau mit sehr, sehr hohen Decken. Dennoch fürchten wir jedes Jahr, dass jetzt der Moment gekommen sein könnte, in dem wir ein Loch in die Decke bohren müssen, auf dass die Dachbodenmäuse auch noch was vom Baum haben. Mütterle hat sich nämlich nach jenem ersten Findel-Baum in das Riesengestrüpp verliebt und macht sich alljährlich wieder auf die Jagd nach dem größten, buschigsten Ungetüm von Tanne auf, dass sie finden kann. Wir haben gelernt, keine Witze darüber zu machen. Den dann hüpft sie – wie gestern Abend, nach ein wenig liebevollem Der-Baum-ist-zu-groß-Gefrotzel – auf und ab wie das Rumpelstilzchen und schreit Dinge wie: „DER BAUM IST NICHT ZU GROSS! ER STEHT AUFRECHT UND SCHÖN! UND JETZT SING ICH EIN WEIHNACHTSLIED!“
Dass keiner die erste Strophe von Stille Nacht mitgesungen hat, könnte daran liegen, dass wir vor Lachen keine Luft bekommen haben.

Es könnte aber auch daran liegen, dass wir allesamt hochgradig unmusikalisch sind, mit Ausnahme von Brüderchen Michi, der aber mit seinem angenehmen Bass dennoch keine Chance gegen die grausliche Falschheit eines Wassermairchors hat, wenn man Papa, Jo und mich zum Singen zwingt. Alljährlich versucht die Mutter es wieder, mit Bestechung und milder Gewaltandrohnung, zumindest eine ansatzweise harmonische Version von Stille Nacht von uns zu bekommen – und alljährlich scheitert sie auf eine nur noch nach der Richterskala zu messenden Weise. Mitterweile sind die Katzen so konditioniert, dass sie schon bei der ersten zittrig-falschen Note kreischend aus dem Raum flüchten, der Baum verliert schlagartig die Hälfte seiner Nadeln und noch drei Häuser weiter wird der Eierlikör sauer. Ehrlich. Letztes Jahr hatten wir eine Anfrage von der CIA, die eine Aufnahme erwerben wollten. Weil Waterboarding mittlerweile eine so schlechte Presse hat und sie sich langsam nach Alternativen der spurenlosen Folter umschauen müssen. Nach langem Überlegen haben wir allerdings das Angebot ausgeschlagen – es gibt Waffen, die sind zu gefährlich und unberechenbar, als dass sie in die falschen Hände fallen lassen dürfte.

Da warten wir lieber, wenn nach Essen und Bescherung Tante Gerti und Cousine Lena zu uns kommen, die Gitarre mitbringen und gemeinsam mit Michi ein paar Weihnachtslieder hinlegen, die hartgesottene Yakuza zum weinen bringen würden. Aber auf die gute, nicht-folterige Art.

*Ich weiß nicht warum, aber in diesem Haushalt migrieren ALLE Socken früher oder später im Michis Schublade. Das ist wie ein Elefantenfriedhof, nur sockiger.

**Ich hab nicht so genau hingeschaut, aber ich unterstelle, dass es geschmackvolle Weihnachtsmann-Pornos waren, mit strategisch klug platzierten Weihnachtsmützen und Lametta in den Ohren. Nicht, weil das Christkind auf sowas abfährt, es sieht seinen Erzfeind nur gerne gedemütigt.

*** Nicht, dass ich mir jemals Illusionen gemacht hätte, in so einem aufzuwachsen. Wär auch viel zu fad gewesen.

**** Cue sinister music…

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2 Antworten zu Weihnachten im Hause W.

  1. razorback schreibt:

    Hahahahahahahahahahahahahaha! Danke für die Geschichte. Ich glaube, wir stellen mal eine nichtgruseligfantastischesondernganznormale Kurzgeschichtensammlung unter Freunden zusammen, was meinst Du? Wheinachtsgeschichten von Dir, „No Booze in the North“ und/oder „Kreativität“ von mir, die „Taktisches Kochen“-Reihe von Stevo… wäre doch sicher schön. 😀

    Zum Thema selbst – wir pflegen den Baum am Abend des 23. zu schmücken. Wir = die Holde Herrin und ich, was dazu führt, dass die Kinderschar von Jahr zu Jahr mehr darauf geiert, mitschmücken zu dürfen. Wenn wir sie eines Tages von der Leine lassen, werden wir nur noch zuschauen und Kommandos geben müssen, muhahahaha! Dabei schauen wir traditionell „Und täglich grüßt das Murmeltier“ und trinken Portwein (ich) und Irgendwasmitalkohol (sie). Eigentlich ist das eine Mischung aus Familientradition (meinerseits) und Notwendigkeit, weil am Heiligabend die Buchhandlung noch geführt werden muss (ihrerseits) aber es entspannt den ohnehin angespannten Zeitplan am 24. doch sehr. Außerdem macht Baumschmücken bei draußen dunkel mehr Spaß. Zur Nachahmung empfohlen.

    Singen ja… das geht bei uns am 24. meist noch, weil alle noch singgeübt aus der Kinderkrippenfeier kommen. Kritisch wird es dann, wenn am 2. Weihnachtstag meine Eltern möchten, dass unter ihrem Baum auch nochmal gesungen wird. Das geht dann eher wie in Hogwarts – jeder nach seiner Melodie. 😀

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Yay – bei der Sammlung bin ich auf der Stelle dabei. Nur wär das für Stefan natürlich ein weiteres Risiko, dass seine Frau von der ‚Taktisch Kochen‘-Serie erfährt, oder? 😀

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