Mögest du in interessanten Zeiten leben

2010 war ein Mörderjahr. Anstrengend wie nur was und grad im Privaten manchmal alles andere als gnädig, aber dafür auch eines der spannensten Jahre meines Lebens. Es enthielt Blutspender und Neonazis, Pinnwände und Redakteure, Absinth und Bananenbier, tanzende Geishas und französische Mönche. Und natürlich, hochgradig verehrte Freunde, es enthielt euch.

Ich werd euch ein schmutziges kleines Geheimnis verraten. Ich mag Silvester. Weihnachten lässt mich kaltschnäuzige Atheistin verhältnismäßig unberührt, aber Neujjahr hat immer einen gewissen melancholischen Zauber. Habe den Nachmittag damit verbracht, Jahresbilanz zu ziehen. Was sind die Dinge, die 2010 am meisten ausgemacht haben und die mich später daran hindern werden, es in meiner Erinnerung mit völlig anderen Jahren wie 2024 oder 1898 zu verwechseln? (Abgesehen von meiner ziemlichen Noch-nicht-Geborenheit in letzteren?)

Also, ich…

– habe immer noch nicht das nächste Lebensetappenziel erreicht (ohne elterliche Unterstützung vom Schreiben Leben können), bin aber immerhin ein ganzes Stückchen näher gekommen.

– habe endlich herausgefunden, wie man Kokosmilch-Curry kocht und die teuerste Teekanne meines Lebens gekauft. War beides höchste Zeit.

– habe gelernt, dass meine grandiosen Freunde sich mir zuliebe (oder HC zuwider, je nachdem) freiwillig einen halben Liter Blut abzapfen lassen. Oder ‚lassen würden‘ im Fall von denen, bei denen es aus medizinsichen Gründen nicht ging. Ihr seid wunderbar.

– wurde in zum ersten mal in meinem Leben a) lobend in einer katholischen Predigt erwähnt und b) von Neonazis mit Hassbriefen bedacht und als Teil der zionistischen Verschwörung bezeichnet. Beides amüsiert mich nach wie vor ohne Ende.

– habe meine sterbende Katze in den Armen gehalten und auf ihren letzten Herzschlag gewartet. Letzte Woche bin ich zufällig eine von Hexles Töchtern über den Weg gelaufen. Sie hat am Bauch genau diesselben Schafslöckchen hat wie ihre Mutter. Fange immer noch an, zu heulen, wenn ich daran denke.

– bin um drei Uhr morgens mit Razor in seiner Küche gesessen, wir haben Absinth getrunken und uns gegenseitig Geistergeschichten erzählt. Festgestellt, dass ich Absinth mag, dass es aber klügere Dinge gibt, als sich um drei Uhr morgens von einem Horrorautoren Geistergeschichten erzählen zu lassen. Zumindest, wenn man es als unter seiner Würde empfindet, sich unter dem Tisch zu verstecken.

– habe mit Fräulein Brigitte eine weitere alkoholische Premiere begangen, nämlich meine erste Flasche Bier. Was wahrscheinlich weniger seltsam gewesen wäre, hätte es sich dabei nicht um afrikanisches Bananenbier gehandelt, was wahrlich eines der seltsamsten Getränke des Planeten sein muss. Aber ich hatte Brigitte zur Gesellschaft, und dafür würd ich im äußersten Notfall sogar tibetanischen Yakbuttertee trinken. Oder den Beuteltee der Öbb.

– saß eines Tages im Café, als mein Co-Autor hereinkam und sagte: „Hey, ich hab ein Büro für uns.“ In der Folge das Büro bezogen und festgestellt, dass zwei Schreiberlinge im IKEA eine recht amüsante Sache sind. Wieder einmal zum Schluss gekommen, dass ich zufällig den besten Co-Autoren des Planeten abbekommen habe. Dafür allerdings auch ein Büro, das versucht hat, uns mittels Gasvergiftung um die Ecke zu bringen, aber das nehmen wir ihm nicht übel. Immerhin schreiben wir dort einen Haufen Krimi, da kann eine Immobilie schon einmal auf blöde Ideen kommen.

– habe eine Bakk-Arbeit, zwei Langspielfilmdrehbücher, einen Serienpilot, eine Charakterbibel, zwei Kurzfilme, einen Bühnenmonolog, vierzehn Exposés, ein Dokukonzept, ein Treatment und eine Hand voll Kurzgeschichten geschrieben. Und 137 Blogeinträge.

-habe ein Fahrrad gekauft und es Margolotta Gwendolina Lisabetha Rusalka Nymphadora Wassermair getauft.

-saß studentenvertretenderweise in der Berufungskomission für einen neuen Uni-Professor und fand das alles sehr seltsam.

– in der Post die signierte Ausgabe von Razors ‚Finder‘ gefunden und am Gang einen impromptu-Freudentanz aufgeführt, weil es kaum jemanden gibt, dem ich allen Erfolg des Planeten mehr gönnen würde als ihm.

– habe versucht, aus der Katholischen Kirchen auszutreten und an der Wiener Bürokratie gescheitert. Na gut, neues Jahr, neuer Anlauf. Wurde stattdessen Firmpatin meiner kleinen Cousine, die das alles genau so seltsam fand wie ich.

– mit meiner Familie im Elsaß gewesen und dort über die famose Geschichte vom fetten Mönch gestolpert, der bei einem Feuer in einem Wirtshaus im einzigen Notausgang stecken geblieben ist und den Tod von vielen Leuten verursacht hat.

-bin in Japan gewesen und dort den Titel der Recon Duck erworben. (Eva war Mother Duck, Petra Second Duck in Command und Claudia Duck Missing In Action. Ich war Recon Duck, weil sie mich in den Parks immer vorgeschickt haben, ob eh nirgendwo große Spinnen waren. Was ich bis jetzt nicht verstehen, weil das die wunderschönsten Spinnen waren, die ich jemals gesehen habe, in fast zwei Meter großen Netzen.) Gelernt, dass Natto DAS BÖSE ist. In Gion eine Meiko, eine Geisha-Schülerin tanzen gesehen und danach Tränen in den Augen gehabt. In einem Shinto-Schrein einen Deal mit einer der dortigen Gottheiten gemacht, der allerdings nur uns beide etwas angeht.
– habe eine alte Japanerin über Sprachgrenzen hinweg mit meinen Ohrringen zum lachen gebracht.

– habe neue famose Leute kennengelernt und alte Bekannte noch lieber gewonnen als ohnehin schon. Ich zähl euch nicht alle namentlich auf, ihr wisst schon, dass ich euch meine. (Wer sich nicht sicher ist, ob ich ihn oder sie auch meine, der kann mir ja eine mail schreiben und nachfragen. Aber ganz ehrlich, wenn ihr mich gut genug kennt, um zu vermuten, dass ich euch meine, dann meine ich euch wahrscheinlich auch. Es sei denn, ihr wählt FPÖ oder seid gemein zu Katzen, dann mein ich euch ganz sicher nicht.)

– habe endlich gelernt, Freunde einfach zu umarmen, wenn mir danach ist. Ich werde euch jetzt nicht sagen, welche Personen und Umstände daran beteiligt waren, aber wenn ich nur einen Momente von 2011 behalten dürfte, dann wäre das eine bestimmte Umarmung.

Frohes neues Jahr euch allen. Möge 2011 seltsam werden.

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2 Antworten zu Mögest du in interessanten Zeiten leben

  1. frl. e schreibt:

    dir auch ein weiterhin so seltsam-interessantes leben im jahr 2011 und da will ich dich dann auch wieder im jenseits sehn!!!!!

  2. Razorback schreibt:

    Ich danke Dir fürs Zuhören, Erzählen, Lesen, Dasein. 2011 ist da. Lass uns die Säbel zücken und es stürmen mit Hurrah! :-)))

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