Vom Freakmagnetismus

Irgendwann hab ich mich damit abgefunden, dass ich eine nahezu magische Anziehungskraft auf Geistesgestörte zu besitzen scheine. Als ich frisch von meinem kleinen Oberösterreichischen Landkaff nach Wien gezogen bin, dachte ich, dass das hier in der großen Stadt einfach usus ist, dass man dauernd auf der Straße von einem jemandem angesprochen wird, der Alufolie um den Kopf gewickelt hat/zu Scientology gehört/unbedingt jemand von seinem neuen Experimentaloman erzählen will/sonst irgendwie schwer daneben ist. Eine Umfrage unter Freunden hat allerdings ergeben, dass das so in dieser Häufung – manchmal drei Irre pro Woche, niemals weniger als einer pro Monat – doch ein wenig ungewöhnlich ist und dass es vielleicht doch an mir liegt. Jacob, der schon ein paar Mal Zeuge dieser Begegnungen wurde, nennt das ganze den Wassermair-Effekt. Ich sag Freakmagnetismus dazu.
Mehr noch als die Einfach-Nur-Gestörten nerven allerdings die, die das ganze geschäftlich betreiben, die Quacksalber , die Scharlatane, falschen Medie undnd Totenbeschwörer. Ich meine, schau ich echt dermaßen leichtgläubig aus? Ich musste mich in der Volksschule einmal schriftlich dafür entschuldigen, dass ich den Schul-Nikolo auffliegen hab lassen,* und jetzt hab ich plötzlich ein riesiges Schild, auf dem steht: „Leichtes Quacksalber-Opfer?“ Himmel.

Von Zeit zu Zeit, wenn ich grad nichts anderes vorhabe, spiele ich ja sogar ein wenig mit, nehme (unter falschem Namen, versteht sich) an einem Scientology-Screening samt Lügendetektor teil oder lade eine verhärmte Schnorrerin auf einen Kaffee ein, um mir zwei Stunden lang ihre Lebensgeschichte anzuhören. Es ist unglaublich, wozu einen der Gedanke: „Hm, das könnt eine interessante Anekdote werden“ treiben kann.

Heute allerdings hatte ich in der Früh einen Termin an der Uni und war absolut nicht in der Laune, mich mit einer Begegnung der dritten Art herumzuschlagen.
Ich steige also in der U-Bahn-Station Landstraße aus und habe schon das Bauchgefühl, dass mir die Spinner mittlerweile ankündigt. Ich schaue mich um, entdecke aber nur einen dicklichen kleinen Inder mit Rauschebart, der mir recht harmlos vorkommt. Allerdings schaut er mich ein kleines bisschen zu aufmerksam an, also mache ich sicherheitshalber einen großen Bogen um ihn, schaue starr gerade auf, marschiere zur Rolltreppe und komme mir dabei ein bisschen paranoid vor. Trotzdem kann ich nicht anders, als ein wenig zusammenzuzucken, als der Herr mich dann auf der Rolltreppe einholt…. und dann überholt, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen.
„Na also!“, denke ich mir und atme auf: „Paranoide Doofnuss!“
Als ich auf die Straße trete, steht er aber immer noch da, schaut ein wenig unentschlossen drei. Ich vermeide tunlichst, Augenkontakt aufzunehmen und will in die Gegenrichtung gehen. Er spricht mich an: „Entschuldigen?“
Ich erwäge, ohne ein Wort vorbeizugehen, aber er könnte auch nur ein Tourist sein, der eine Wegangabe braucht. Ich kann keinen kleinen dicken indischen Touristen mit Rauschebart einfach auf der Landstraße stehen lassen,der sich dann am Ende ohne Wegangabe völlig verirrt und einsam und verloren irgendwo in einer Seitengasse zusammenbricht, nur, weil ich ein Bauchgefühl habe. Das geht nicht.

Ich seufze, bleibe stehen und füge mich in mein Schicksal: „Ja?“
Bedeutungsschwangere Pause. Er holt Atem. Dann…
Er: „Ich suche eine English Bookshop. Wissen Sie, wo hier einer ist?“

Ich nehme nicht an, dass er versteht, warum ich ihn anstrahle wie meinen neuen besten Freund und ihm Weg zur Nächsten Buchhandlung mit einer fanatischen Inbrunst beschreibe, die man normalerweise nur für heilige Kreuzüge und ähnliche Unternehmungen bereithält. Ich kann ihm ja schlecht sagen, dass ich begeistert bin, dass er nicht völlig Kuku-katschu ist. Nein, ausnahmsweise befinde ich mich im Dialog mit einem völlig normalen Erdenbürger, einem Mann, dessen einziges Ziel eine Buchhandlung ist und der eine zufällige Passantin nach dem Weg fragt! Eine hochgradig ordinäre, alltägliche Unterhaltung, wie sie auf diesem Planeten tausendfach jeden Tag geführt wird! Ein Epigon des Nicht-Gaga-esken! Ich jauchze! Ich frohlocke! Ich jubiliere!

Schad nur, dass er gleich noch den nächsten Satz anhängen muss: „Hat Ihnen schon jemand gesagt, dass sie eine faszinierende Aura haben?“

„Nein“, sage ich und seufze so tief, dass man es bis nach Delhi hören dürfte: „Aber es ist auch erst Montag.“

*Hab ich die Geschichte eigentlich einmal erzählt? Schon, oder?

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4 Antworten zu Vom Freakmagnetismus

  1. razorback schreibt:

    1.) Wo bleiben die Fußnoten zu den Sternchen???
    2.) Aura ist auch ein Synonym für Ausstrahlung – und jemand, der des Deutschen nicht ganz so mächtig ist verwechselt gerne mal die gebräuchlichen mit den ungebräuchlichen Ausdrücken. Ich weiß – es gibt auch die Bekloppten. Auf einer Hochzeit versuchte mal jemand meiner Schwester zu erklären, dass sie eine alte Seele haben, das könne man an ihrer Aura sehen. Aber Dein Inder – vielleicht wollte er einfach nur ein nettes Kompliment machen.
    3.) Ach den Brillenputzheini damals hatte ich DIR zu verdanken??? 😀

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    1. Wurde soeben nachgeliefert.
    2. Nachdem der Herr danach versuchte, mir zu erklären, anhand welcher Farben in meiner Aura man erkennen könne, dass mein Leben grad stressreich sei… nun, da bleibe ich eher bei der Bekloppter-Variante. Oder sehr geschickter Quacksalber, der Passanten so in ein Gespräch verwickelt und ihnen am Ende Auren-Reinigungs-Beratungen anbietet. So eine Dame hatte ich auch schon – ich erzähl die Geschichte beizeiten mal hier, die war auch recht hübsch.
    3. No na ned. Das scheint tatsächlich anstreckend zu sein. Ich war letzthin mit einem Freund was trinken und hab ihm vom Freakmagnetismus erzählt, woraufhin er lässig meinte, IHM sei so etwas noch nie passiert. Zehn Minuten später, beim Verlassen des Cafés, ist er dann schon von einem Wahnsinnigen angefallen worden, der ihm erklärt hat, warum man ihm den Kapitalismus schon von weitem ansehen könne und dass er allgemein ein schlechter Mensch sei, der nur ans Geld denkt. Die Szene und das Gesicht besagten Freundes waren preislos. 😀

  3. razorback schreibt:

    Na ja – bei dem Brillenmenschen warst Du ja dabei. Vielleicht war das Dein Freak, nicht meiner. Mein Fluch bezieht sich eher auf unbelebte Dinge im Allgemeinen, Kabel im Besonderen.
    Wenn Du übrigens mal ein nettes Buch zum Thema Aura lesen willst – so Du es nicht schon gelesen hast: Stephen King „Insomnia“.

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    Ganz ehrlich, den Brillenmenschen hätt ich ja nicht einmal als einen von den Freaks gezählt – der war im Vergleich zur Wiener Durchschnittskost nachgerade Bodenständig. 😀

    Insomnia… ja, das steht auch schon länger auf meiner liste…

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