Von Todesanzeigen und Multiple-Choice

Leute, ob ihr es glaubt oder nicht, aber es gibt MULTIPLE-CHOICE-Todesanzeigen, bei denen die Angehörigen nur noch Nicht-Zutreffendes wegstreichen müssen.

Wir nehmen in liebevoller Erinnerung/schweren Herzens/in ewiger Dankbarkeit Abschied von Herrn/Frau NAME EINFÜGEN, der/die langer/längerer/kurzer/schwerer Krankheit völlig unerwartet/wohlvorbereitet im ALTER EINFÜGEN Lebensjahr verschied/von uns ging/heimberufen wurde/vom Herrn heim zu sich ins ewige Himmelreich geholt wurde.

Etc, etc.

Ich schwöre, ich denke mir das nicht gerade aus. Dazu kommt dann noch ein Katalog mit erbaulichen Bibelzitaten und besinnlichen Gedichtlein, aus denen man höchst individuell den letzten Gruß an den Toten auswählen kann. Teilweise sind dagegen die Geburtstagsgrüße in der Kronenzeitung noch Hochliteratur. „Es fehlt uns seine liebend Hand, Gott zerschnitt das schöne Band“ ist einer meiner Favoriten. Aber ich steh auchdas Gedichtlein, das mit den Worten „Redlich tat sie ihre Pflicht, als Mutter und als Gattin“ beginnt. Ich vermute, dass die entsprechende Dame mit Schürze, Kochlöffel und einer Ladung schmutziger Socken beerdigt wurde.
Und von den auszuwählenden Vorlage-Bildern mit erbaulichen Motiven will ich gar nicht anfangen.

Ziemlich irritiert von der multiple-choicerei haben wir nach etwas gesucht, das persönlich ist und Ahna beschreibt. Obwohl zutreffend haben wir „Sie liebte ihre Familie, die Katzen und den Kaffee“ als nicht würdevoll- und großtantentauglich genug verworfen und obwohl sie ihr Leben mit Begeisterung Fahrrad gefahren ist, hat auch der Vorschlag „Seit gestern zum ersten Mal nicht mehr in Bewegung“ ein Veto kassiert.

Stattdessen steht da jetzt ein Gebet, das wir handschriftlich in einem ihrer Notizbücher* gefunden haben, in dem sie sich bei ihrem Gott für ihr Leben bedankt. Daneben ist jetzt auf dem Totenzettel eine filigrane Silhouettezeichnung von zwei Kindern vor einem Kreuz auf einer Waldlichtung, die mein Großvater gemacht und ihr geschenkt hat. Wie sich herausstellt, hat jeder von uns eine andere Version der Geschichte um das Bild in Erinnerung – ich könnte schwören, dass Ahna mir erzählt hat, dass er es aus dem Krieg heimgeschickt hat, Mama behauptet, er habe es ihr schon früher, quasi in der Werbephase, verehrt. Ich find meine Version allerdings spektakulärer und damit vorzuziehen.

*ja, die Dinger liegen in der Familie

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2 Antworten zu Von Todesanzeigen und Multiple-Choice

  1. razorback schreibt:

    Aus meiner Zeit als studentischer Knecht in einer Pressestelle müßte ich irgendwo noch meine Anzeigensammlung haben. Ich habe Anzeigengedichte aus den Zeitungen gesammelt, die ich für Clippings dichten mußte. Von „Lieber Willi schau gut hin, heut‘ stehst Du in der Zeitung drin“ bis zum Bild eines grimmigen Boxers in Kampfpose mit einer Bildunterzeile, in dem vom liebenden Ehemann und zärtlichen Vater und so die Rede war. Da waren auch ein paar 1a Todesanzeigen dabei.

    Eure Version finde ich allerdings wirklich schön

    Zu Multiple Choice fällt mir gerade kein passender Kommentar ein. Obwohl… wenn jemand alleine trauert und keine Hilfe hat, ist so ein vorbereiteter Text vielleicht ganz hilfreich, wenn man sich um so viele Dinge kümmern muss, die alle weh tun. Dennoch. Strange World.

  2. razorback schreibt:

    Ähm,,, „sichten“, nicht „dichten“. Weiah…

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