Von Schlüsseln und Namen

Die Begräbnis-Vorbereitungen beinhalten – sowohl traditionell als auch in jeder Soap-Oper dieses Planeten – einen Haufen Rückblenden und viel Foto-Wühlerei. Je mehr ich über meine Familiengeschichte lerne, um so verblüffter bin ich ja, dass meine Mutter und meine Tante es geschafft haben, zu liebevollen und weitgehend funktionstüchtigen Menschen heranzuwachsen und nicht irgendwo in einer geschlossenen Anstalt sitzen und mit Wachsmalkreiden malen.

Das sind allerdings zum Großteil Storys, die im Internet nichts verloren haben – bzw. von denen mir einige Personen, lebende wie Tote, nicht so schnell verzeihen würden, wenn ich sie hier posten würde. Die landen dafür irgendwann einmal leicht verschlüsselt in meinem großen Schlüsselroman. (Ich hab ja nie Verstanden, warum die Dinger Schlüsselroman heißen, obwohl meines Wissens in den wenigsten wirkliche Schlüssel und/oder Schlösser vorkommen. Und auch nur sehr wenige Schlosser und nur ganz gelegentlich die eine oder andere Key-Card.)

Allerdings kommen natürlich auch kiloweise ganz entzückende Anekdoten zu Tage, die einfach nur danach schreien, aufgeschrieben zu werden. So zum Beispiel eine Geschichte, die nicht die gerade verstorbene Ahna betrifft, sondern eine meiner Urgroßmütter väterlicherseits.

Die Dame ist schon länger verstorben, hat aber noch einen legendären Ruf dafür, dass sie IMMER bekam, was sie wollte. Gegen Ende ihres Lebens war sie allerdings schon ein wenig dement, und so entspann sich, als man ihr ihren ersten Enkel vorführte, in etwa folgender Dialog.

Urgroßmutter: „Na, so ein lieber Bub! So lieb! Wie heißt er denn?“
Frischgebackene Mutter: „Benedikt.“*
Urgroßmutter: „Unmöglich! So ein hässlicher Name! So kann man ein Kind doch nicht nennen! Zeter! Mordio!“

Nun, sie hat vielleicht nicht wörtlich „Zeter! Mordio!“ gesagt, aber die Grundaussage war so in etwa diesselbe. Das wäre noch nichts besonderes gewesen, hätte sich der Dialog zwei Tage später nicht identisch wiederholt.

Urgroßmutter: „Na, so ein lieber Bub! So lieb! Wie heißt er denn?“
Frischgebackene Mutter: „Benedikt.“
Urgroßmutter: „Nein! So ein grauenhafter Name! So kann man…“

Bei der Dritten wiederholung, noch einmal drei Tage später, wurde es auch nicht besser:

Urgroßmutter: „Na, so ein lieber Bub! So lieb! Wie heißt er denn?“
Frischgebackene Mutter, mit ergebenem seufzen: „Benedikt.“*
Urgroßmutter: „Was?! So ein widerwärtiger Name! So kann man ein Kind doch nicht…“

Beim vierten Mal allerdings wurde es der jungen Mutter zu blöd. Also gab sie, wieder nach dem Kindesnamen gefragt, dieses Mal zur Antwort: „Leopold.“

Ich war nicht dabei, aber mir wurde glaubhaft versichert, dass die Urgroßmutter in diesem Moment begann, über das ganze Gesicht zu strahlen, und selig ausrief: „Leopold! Das ist ein wunderbarer Name! Wie schön! Viel besser als Benedikt!“

*Alle Namen wurden Schutz der Betroffenen geändert. Und, weil ich mich nicht mehr sicher daran erinnern kann.

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