Von Pfarrern und Sitzordnungen

Wir haben die Beerdigung alle überlebt*, was angesichts einer Familie, die NUR aus kampfeslustigen… ähem… Originalen besteht, nicht von vornherein vorauszusetzen war. Die erstaunliche Unblutigkeit der ganzen Sache verdanken wir zu einem Großteil einer klugen Sitzordnung (wer hat wem ein Erbe geklaut/eine Frau ausgespannt/ein besonders teures Musikinstrumen für folkstümliche Weisen entwendet** und sollte deshalb möglichst nicht am selben Tisch sitzen) und meinem Vater und dessen Mutter, die als nur zugeheiratete Verwandschaft genug Neutralität besessen haben, um als Pufferzone zwischen besonders heiklen Gruppierungen dienen zu können. Vor allem Papa schlug sich in dieser Rolle so heldenhaft, dass Mama ihm einen Orden versprochen hat.

Ahna wär mit der Beerdigung im Übrigen hochgradig zufrieden gewesen: die Kirche war rappelvoll, der Himmel von strahlendem Blau und der Pfarrer hat sich kurz gehalten. Sie war zwar hochgradig gläubig (bis zu dem Punkt, dass sie mich und meine Brüder als Kinder mit höchsten Summen bestochen hat, damit wir brav beten), aber mit Schmalz hatte sie es absolut nicht.

In dieser Hinsicht war der Pfarrer wirklich löblich: knapp, völlig ohne Wischi-Waschi und salbungsvollen Phrasen, aber dafür sogar mit ein bisschen persönlicher Info über Ahna. Noch dazu fast ohne Stocken vorgebracht, was für einen Mann weit über achzig keine schlechte Leistung ist. Wirklich fasziniert war ich allerdings, als ich herausgefunden habe, dass es sich beim gestrengen Herrn Pfarrer um den einzigen Mensch handelt, der meiner Mutter einen Heidenrespekt einjagt. ‚Angst‘ ist vielleicht ein bisschen zu viel gesagt, aber nervös macht er sie eindeutig schon. Der Mann wollte anscheinend ursprünglich Architekt werden, wurde dann aber schwer krank und leistete ein Gelübte: Wenn er überlebt, wird er Pfarrer. Daran hat er sich gehalten und führt die Röthner Schäflein seit mehr als vierzig Jahren mit eiserner Hand. Seine Beerdigungen dauern auf den Punkt genau 45 Minuten, ohne Abweichungen – so durften wir beispielsweise keinen Lebenslauf von Ahna vorlesen oder bei der Liedauswahl mitreden – und ist bei jedem gleich, egal, wie arm, reich oder getüpfelt der Tote war.

Normalerweise sind Priester ja nicht gerade die Berufsgruppe, die mich zu Begeisterungsstürmen veranlassen, vor allem nicht, wenn sie mir vorschreiben, wo und wann man großmütterliche Nachrufe vorlesen darf, aber wir müssen uns kurz vor Augen führen, dass er bei aller Strenge etwas unerreichtes geschafft hat: meine unerschrockene Kampfmaschine von Mutter, eingeschüchtert! Dass ich das noch erleben darf! Ich häng mir ein Poster von dem Mann auf! Was sagt ich, ich stell eine lebensgroße Statue von ihm im Garten auf! Mit Blattgold! Und einer Gedenktafel! Und einem kleinen Springbrunnen davor.

Und das sagt euch jetzt wahrscheinlich noch mehr über meine Mutter als über den Pfarrer.

*von Ahna abgesehen, natürlich

** Oh Gott, wie ich wünschte, ich würd mir sowas einfach nur ausdenken

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