Fleisch

Ich weiß, wann ich verloren habe.

Okay, das ist gelogen. Ich bin phänomenal miserabel darin, einzusehen, wann ich verloren habe. Wenn ich Napoleon gewesen wäre, hätte mich wahrscheinlich ein russischer Spähtrupp mutterseelenalleine durch den Schnee stapfend gefunden, Dinge wie: „Alors, Männer, ist doch nur ein bisschen kühl!“ murmelnd. Dazu kommt noch erschwerend, dass Mutter Natur mich mit einem phänomenalen Mangel an Selbsterhaltungstrieb ausgestattet hat und ich normalerweise sämtliche Warnzeichen meines Körpers mit fröhlicher Verachtung strafe.

Aber irgendwann kapiers dann sogar ich. Ich hab jetzt über viele, viele Monate hinweg brav jeden Morgen Eisentabletten geschluckt (rein gefühlsmäßig müsste man aus dem darin enthaltenen Eisen mindestens einen Flugzeugträger bauen können) und diese unsäglich grauslichen B12-Tabletten, die gelegentlich dazu führen, dass ich mir ein minutenlanges Starrduell mit der Teekanne liefere, weil ich nicht sicher bin, ob sie sich bewegt oder ich mich. Und trotzdem ist mein Blutbild so miserabel, dass ich bald meinen paar verbliebenen roten Blutkörperchen Namen geben kann. Die Anämie könnte ich noch irgendwie verkraften (auch, wenn es ziemlich nervtötend ist, während einer gewissen Zeit im Monat kaum die Treppe hochzukommen, weil man sich den zusätzlichen Blutverlust einfach nicht leisten kann), wirklich blöd ist das mit dem B12, das mein Körper anscheinend synthetisch einfach nicht haben will. Und da kann ein gröberer Mangel wirklich, wirklich unschöne Folgen haben. Nicht einmal ich bin so stur, dass ich für ein ethisches Prinzip einen dauerhaften Nervenschaden riskiere.

Folglich habe ich gestern Abend zum ersten Mal seit ziemlich genau sieben Jahren wieder Fleisch gegessen, sehr zum Gaudium meines anwesenden Hausarztes.
Papa: „Komm, isst schon.“
Ich: „Es schaut vorwurfsvoll!“
Papa: „Es hat nicht mal Augen.“
Ich: „Das ist einer der Gründe, warum es sauer ist!“

Die nächste Viertelstunde hab ich dann damit verbracht, tief zu atmen und an Gänseblümchen zu denken, damit das Fleisch auch gegessen bleibt. Schlimm genug, dass das arme Vieh ermordet und gebraten worden ist, ich muss es nicht auch noch demütigen. Der Bauernhofdreh nächste Woche wird lustig, weil ich momentan definitiv keiner Kuh in die Augen schauen kann.

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5 Antworten zu Fleisch

  1. razorback schreibt:

    Oh, Beste, das ist gemein. 😦

    Wenn Du das jetzt öfter machen willst, hätte ich zwei Tipps für Dich. Ich weiss, das ist das Letzte, was eine Vegetarierin von einem Fleischfresser will, aber vielleicht hilft es trotzdem.

    1.) Finde einen Jäger, der Dir sympathisch ist. Einen von denen, die wirklich ihrer Liebe zur Natur wegen da draussen sind und Tiere nicht schießen, weil es so geil knallt und ja leider gerade kein Krieg ist, sondern weil er irgendwer eben die fehlenden Wölfe und Bären ersetzen muss. Dem kaufst Du, wann immer es sein muss, ein Viech ab von dem Du dann zumindest weißt, dass es bis zu seinem Ende wie ein Tier gelebt hat und nicht wie ein Ding – und dass es womöglich vom Wolf oder Bären erwischt worden wäre, wenn die denn noch da wären.

    2.) Es gibt dieses sauteure japanische Rindfleisch, dessen Name mir leider gerade entfallen ist. Die Tiere leben, bis sie denn umgebracht werden, nicht wie Tiere, sondern wie Tierfürsten in 1a Luxusställen, bekommen Massagen und werden ohne Transport zum Schlachthof medizinisch totgestreichelt oder so ähnlich. Das ist zwar auch widernatürlich und pervers – aber dem Rind hat es vermutlich bis zu seinem Tod gefallen. Und da ich davon ausgehe, dass Du weiterhin sehr selten Fleisch essen wirst, hast Du mit „sauteuer“ wahrscheinlich auch nicht so ein großes Problem.

    Ansonsten wünsche ich Dir, dass sie bald ein Eisenpräparat finden, dass Dir bekommt oder irgendwo Eisengetreide kultivieren oder das sie alsbald diese Kuh aus dem Restaurant am Ende des Universums züchten.

    Das ist echt gemein.

    Umarmung

    M

  2. razorback schreibt:

    Öfter machen MUSST meinte ich. War mit dem Kopf schon eine Zeile weiter, sorry.

  3. Sarah Wassermair schreibt:

    Ah, du meinst das Kobe-Rind. Ein paar Studienkollegen haben sich in Japan aufgemacht, um dort ein spezielles Kobe-Restaurant aufzusuchen und sich ein Steak zu gönnen. Würd zwar mein moralisches Grausen besänftigen – mehr kann man als Ochse echt nicht mehr wollen, abgesehen von den Teilen vielleicht, deren Verlust zum Ochsentum geführt habt – aber knapp hundert Euro pro Steak müsst ich wahrscheinlich eine Niere verkaufen, bis mein Blutbild wieder halbwegs stimmt. Und das steht dann auch nit ganz dafür. 😀

    Es ist allerdings zumindest in Österreich möglich, überall Fleisch aus biologischer Freilandhaltung zu bekommen – und in Oö am Land kennt meine Familie die entsprechenden Bauern auch persönlich. Das macht das grundsätzliche Jemanden-Töten-Dilemma nicht besser, aber zumindest kann ich darauf achten, dass mein Abendessen was vom Leben hatte. Und Kalb und Lamm sind out, weil Kindsmord einfach nur fies ist.

  4. Jürgen Geißelbrecht schreibt:

    Und Fische sind keine Alternative? Zu wenig Eisen?
    Oder Pute? Sind ja nicht wirklich knuddelig, diese Vögel.

  5. Sarah Wassermair schreibt:

    Ja, aber ist ihr aussehen die Schuld der Pute? Ich bin auch nicht knuddelig, und trotzdem würd ich ungern gegessen werden.

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