Von Hanteln und Selbstüberschätzung

Mit dem Selbstbild ist es ja so eine Sache. Bei mir ist es traditionell gewissen Schwankungen unterworfen, die von „Damit kann man doch durchaus leben!“ über „Naja, zumindest deine Eltern und Katzen lieben dich!“ bis zu „Wenn jetzt der Mob mit Heugabeln und Fakeln vor der Tür stehen würd, um das Monster abzuholen, dann würd ich nicht einmal ernsthaft Widerstand leisten“ reichen.
Letzte Woche war aus diversen Gründen eindeutig eine Mob-mit-Heugabeln-Phase und als solche eher zermürbend. Als ich mich dann ertappt hab, jedes Mal beim Anblick eines Spiegels zusammenzuzucken, war klar, dass ich was zur Verbesserung der bilateralen Beziehungen Sarah-Körper zu unternehmen muss. Ein bisserl Selbsthass nebenher ist ja ganz amüsant, aber sobald der Selbstbewusstseinseinbruch anfängt, mir ins Schreiben hineinzupfuschen, dann ist Schluss mit lustig.

Nachdem mir normalerweise bei solchen Aussöhnungsaktionen rein körperlichen Aktivitäten helfen – Laufen, Yoga, whatever – fand ich mich avorgestern in einer Bodywork-Klasse wieder. So nach dem Motto ‚viel hilft viel‘.

Ich komme also in den Raum, gebe mein Kärtchen ab und hole mir nach dem Vorbild der anderen anwesenden lange Hanteln. Und bin natürlich fürchterlich stolz, dass ich sie heben kann, und greife folglich bei den Gewichten ordentlch zu.
Trainer:“Hm. Wenn du zum ersten Mal da bist, werden die dir zu schwer werden. Nimm kleinere.“
„Okay“, sage ich, zeige Einsicht und reduziere brav das Gewicht. Eine nette Dame, die ich aus Yoga kenne, schaut mir zu.
Nette Dame: „Du, damit hast du morgen einen mörderischen Muskelkater. Nimm kleinere.“
„Okay“, sage ich, wenn auch schon ein wenig irritiert, und reduziere erneut.
Der Trainer kommt, mustert mich, mustert meine Winz-halteln, mustert wieder mich.
Trainer:“Weißt du was..vielleicht nimmst du für den Anfang NUR die Stange?“

Das war dann der Punkt, wo sich die sarah’sche Selbstüberschätzung zu Wort gemeldet und mir sanft ins Ohr geflüstert hat: „Pah! Jetzt übertreiben die zwei wirklich. Das bisserl Gewicht werden wir ja wohl noch aushalten! Wie schwer können die Übungen schon sein?“

Ja. Eh.

Den gesamten folgenden Tag hab ich damit verbracht, dem Trainer und der netten Dame in Gedanken jedes Mal Abbitte zu leisten, wenn ich versucht hab, mich zu bewegen.
Auf der anderen Seite: Missionsziel erreicht. Und sei es nur, weil wenige Dinge Körper und Geist so schnell wieder miteinander versöhnen, als ein Mördermuskelkater. War ja klar.

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6 Antworten zu Von Hanteln und Selbstüberschätzung

  1. Razorback schreibt:

    Mannomannnomannomann, meine Beste, was tust Du Dir denn an???? Hast Du schonmal das Wort Muskelgruppen gehört? Es gibt da zum Beispiel Muskelgruppen, die bei Menschen die viel Inliner fahren, gerne spazieren gehen etc. gut ausgebildet sind. Das sind nicht die Muskelgruppen, mit denen man Hanteln trägt. 😀

    Es gibt einfach Dinge, bei denen muss man zuallererst an das eigene Wohlbefinden denken. Du kennst mich als kräftiges Kerlchen, dessen Unterkörper seit einigen Jahren gewohnt ist, ein gewisses Gewicht mit sich herum zu tragen, oder? In meiner bevorzugten Muckibude nähere ich mich, was die Beinpresse betrifft, langsam der Region in der ich zum Trainer sagen muss: „Roll mal ’ne neue Maschine rein, die da ist zu schwach für mich, muahahahaha…“.

    Wenn ich dann aber auf dem Adduktoren/Abduktoren-Trainer Platz nehme, dann ist es gottlob NICHT mehr IMMER so, dass ich die Gewichte, die die 50jährige Dame vor mir benutzt hat, erstmal reduzieren muss. Nein, inzwischen kann ich es selbst mit trainierten 60jährigen und untrainierten Mädchen („Ey, kommdochma mit Muckibude, ey Du siehs bestimmt voll gut aus so in knappes Sportdress, ne.“) aufnehmen. Würde ich aber versuchen, der Maschine meinen Willen aufzuzwingen… würde die Maschine gewinnen. Und ich müsste eine Woche lang gehen wie John Wayne nach einem 25 Tage Ritt. 😀

    Fazit: Du kommst viel schneller wieder in liebvollen Kontakt mit Deinem Körper, wenn Du ihn was tun lässt, ohne ihn zu zerstören. 😉

    Und wenn Du ihn im ganzen trainieren willst: Geh Schwimmen! Ist sowieso die einzig sinnvolle Art sich zu bewegen.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Dear, ich hab den Verdacht, dass es bei der ganzen Aktion nicht wirklich um den Trainingserfolg geht, sondern um den Muskelkater selbst. Eine freundliche Erinnerung an meinen körper, wer der cheffe ist – so in die richtung „du kannst fett und unschon sein, was du willst – aber ich hab immer noch die Macht, dich in absurde hantelklassen zu zerren, die du drei tage später noch spürst. Ha!“
    Dass das weder a) besonders intelligent noch b) besonders erwachsen ist, ist natürlich eine andere Sache. 😀

  3. Razorback schreibt:

    1.) Gute Frau, sie haben da ein Selbstwahrnehmungsproblem.
    2.) Sportarten, die an sich ziellos sind – also nicht irgendeine Jagd oder Kampfsimulation sind sondern Bewegen selbst, haben einen durchaus meditativen Effekt, der gerade Menschen wie uns, die ihr Unterbewusstes brauchen, sehr zuträglich sein kann. Man muss nur die Art von Bewegung finden, die einem grundlos gefällt. Oder meinst Du, dass ich kilometerweise schwimme, weil ich mich auf den Moment vorbereite, in dem die Deiche in Zeeland doch versagen? Und da ich von Natur aus träge bin, nehme ich den positiven Effekt auf meine Körper zwar wahr, als Motivation alleine reicht das aber nicht. Nicht einmal Voyeurismus kann ich anführen, denn ich schwimme mit einer Schwimmbrille ohne Sehstärke, will sagen, eine Elfe im Bikini kommt mir etwa ebenso sexy vor wie die Fregatte Tosca mit Blümchenbadehaube. Nein, ich schwimme einfach, weil ich gerne schwimme – und weil mein Unterbewusstsein in Ruhe arbeiten kann, während ich meinen ganzen Intellekt darauf verwende, Bahnen zu zählen. Vielleicht geht es Dir so ähnlich mit dem Hantelnstemmen. Wenn Du es lange genug machst. Oder mit etwas anderem… 😉

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    ad 2) Du hast ja in den Träumern diese wunderbare Sequenz, wo deine Hauptfigur zum Nachdenken laufen geht – kann ich schwerstens Nachvollziehen.
    Drum kann ich mich kaum für Teamsportarten erwärmen, wo die Leute von einem wirklich erwarten, dass man MITDENKT*, und steh dafür fürchterlich auf Inlineskaten und Laufen, wo man sich nur auf den eigenen Atem konzentrieren muss. Nicht nur kann das Unterbewusstsein werken, mir hilft das oft auch, frei flottierende Emotionen vom Tag, die beim Schreiben störend sein könnten – Ärger, Stress, Selbstzweifel – loszuwerden. Ein dreifaches Yeah für den Runners high.
    Und neuerdings stell ich eben auch fest, dass Yoga anscheinend nur für uns Schreiberlinge erfunden worden ist, was das Gedanken-Sammeln angeht – ich hab jetzt sowohl in OÖ als auch in Wien für Schreibblockadennotfälle eine Yogamatte unterm Schreibtisch.

    Wenn es sich eben auch nicht empfielt, wie an anderer Stelle berichtet, gleichzeitig Handstand zu üben und über ein Drehbuchproblem nachzudenken… *ahem*

    *ich war in der Schule im Volleyballspielen immer die, die mit mildem Gesichtsausdruck zugeschaut hat, wie der Ball an ihr vorbeisegelt, und erst etwa fünf Minuten später genug aus ihren Gedanken aufzuwachen, um zu merken, dass das Spiel längst vorbei ist.

  5. Razorback schreibt:

    Volleyball… ich habe in meinem Leben ein einziges Mal Volleyball gespielt und verdanke diesen wenigen Minuten im Jahre 1985, dass ich mich bis heute nicht auf mein rechtes Sprunggelenk verlassen kann, dass für die kleine Kostprobe dieses lieblichen Sports mit einem Komplettriss sämtlicher Außenbänder zahlte.
    Andere Mannschaftssportarten… na ja. Im Fussball war ich zwei Jahre lang die Schande der E-Jugend des SC Germania Reusrath, bis ich es aufgab. Ich war allerdings ein ziemlich guter Handball Torwart, das werte ich aber als statistischen Ausreisser. Ansonsten – genau. Medidativer Individualsport (Schwimmen) oder angewandte Lebenskunde (Kampfkünste) sind eher mein Ding. 😉

    Aber wenn die Inliner und die Körperverknotung Deines sind, warum dann die Langhantel?

    Und übrigens hast Du trotzdem ein Selbstwahrnehmungsproblem. ;-p

  6. Sarah Wassermair schreibt:

    „Aber wenn die Inliner und die Körperverknotung Deines sind, warum dann die Langhantel?“
    Na, weil ich eben bei Inliner und Körperverknotung schon ganz schön was anstellen muss, um davon zuverlässig einen Muskelkater zu bekommen. Eine Hantel dagegen muss ich nur ANSCHAUEN und mir tut drei Tage lang alles weh. Selbes Erfolgserlebnis, viel Geringerer Aufwand.

    Und no na ned hab ich ein Selbstwahrnehmungsproblem. Laaange Geschichte, das. Die ich aber lieber einmal bei Absinth erörtere, als an Stellen, wo meine Eltern mitlesen können. 😀

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