Von Cognac und betrunkenen Engeln

Wir sind gerade in Cognac (der Stadt, nich dem Getränk, was nämlich einige interessante logistische Probleme mit sich bringen würde) und haben natürlich eine Cognacbrennerei besucht (das Getränk, nicht die Stadt, weil das wiederum sehr nero-esk wäre.)

Was mich an der ganzen Sache am wenigsten beeindruckt hat, war der Alkohol selbst.* Nicht ganz meins. Was mir aber dafür profund gefallen hat, war die versteckte Poesie beim Herstellungsprozess. Wusstet ihr beispielsweise, dass man schon von außen erkennt, ob in einem Keller Alkohol gelagert wird, weil sich die Mauern schwarz färben? Das liegt daran, dass ein Teil das Alkohols durch die Fässer hindurch verdunstet und dann als Nahrung für einen bestimmten schwarzen (und völlig harmlosen) Schimmelpilz dient. Den Verlust durch der Verdunstung nennt man den „Anteil der Engel“, was natürlich sofort Bilder von fröhlich besoffenen Cherubimen evoziert, von stoischen Barkeeper-Seraphimen und von einem einsamen Würgeengel, der irgendwo in einer Ecke sitzt, verbissen Glas um Glas leert und dabei ständig vor sich hinmurmelt: „Was hätt ich machen sollen? Sodom hatte es halt DERMASSEN verdient… und irgendjemand musste den Job doch machen!“

Das Bild alleine hätte ja schon ausgereicht, um mich den halben Nachmittag zu beschäftigen, aber die Cognacbrennerei, die wir besucht haben, ist schon ein paar hundert Jahre alt und hat im Lauf der Zeit diversen Adeligen gehört – und die hatten ja bekanntlich immer ihre kleinen Extras in der Inneneinrichtung. Im Konkreten Fall war in den Boden eines Kellers, irgendwo zwischen den Fässern, immer noch ein Gitter eingelassen, durch das man hinunter in die hauseigene Oubliette schauen konnte. Was eine Oubliette ist, das sagt schon der Name: ein Loch im Boden, in das man Leute stecken kann, die man dauerhaft vergessen will. Du sitzt in einem winzigen Raum, ohne Wasser, ohne Licht, und wartest entweder darauf, dass du stirbst oder dass sich jemand an dich erinnert, je nachdem, was früher eintritt. Nicht gerade unterhaltsam.

Nun, unsere Eltern haben uns schon durch allerlei historische Gemäuer gezerrt, bevor wir „Bildungsauftrag“ auch nur aufssprechen konnten, also war das bei weitem nicht die erste Oubliette, in die ich in meinem Leben gespäht habe, aber aus irgendeinem Grund hat mich diese eigenartig beschäftigt. Ich hab Stunden gebraucht, um draufzukommen, warum: der Geruch war einfach falsch. Zu lebendig, zu warm.

Zu den Zeiten, da das Ding in Gebrauch war, wird das Ding unsäglich gestunken haben – nach Schweiß, Fäkalien, verwesendem Fleisch. Ich selber, als glückliches Kind des 21. Jahrhunderts, verbinde mit Kerkern einen musealen Kellergeruch – Schimmel, Staub, abgestandene Luft, Stein.
Es sollte an einem Ort einfach nicht so angenehm riechen, nach neuem Cognac in alten Eichenfässern, nach Hefe und Trauben, beinahe erwartungsvoll. Das passt einfach nicht zusammen.

*Zugegeben, wir haben, aus dem seltsamen Widerwillen heraus, mehrere hundert Euro auszugeben, auch nur das eher billige Zeug probiert, aber trotzdem. Um dasselbe Geld wie einen sehr mittelmäßigen Cognac bekomme ich auch schon einen hervorragenden Laophraig, und das ist einfach eine ganz andere Liga.

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