Von versehentlichem Grenzübertritt und Alan Rickman

Wieder daheim, wenn auch nicht ohne einen letzten… ähem… Umweg.

Unsere letzte Station war Vorarlberg, wo wir im Haus meiner Großmutter übernachtet haben. Gestern Abend haben Michi und ich die geniale Idee, dass wir doch mit dem Zug die restliche Strecke fahren könnten – so wären wir zwei früher in OÖ und Mama, Papa und Jo hätten mehr Platz im Auto. Fanden wir sehr clever.

Als ich mir in der früh beim Bäcker mein Früchstück gekauft und statt einem Mohnbeugerl eines mit Walnüssen gereicht bekommen habe, gegen welche da ich schwerstens allergisch bin, hätte ich das eigentlich als böses Omen nehmen und die Aktion abbrechen sollen. Aber wer denkt schon so weit?

Wir kaufen also unsere Tickets und erfahren, dass alle Züge 20 min Verspätung haben, wegen einer Bombendrohung.* „Na gut“, denken wir uns: „Nicht weiter tragisch. Die zwanzig Minuten können wir verkraften.“

Wir schauen auf die Anzeigetafel, wann unser Zug fährt, und lesen dort: „Wien Westbahnhof, 10:12, Gleis 2“

Auf Gleis zwei steht tatsächlich ein Zug, und auf der Gleisanzeige lesen wir: „Wien Westbahnhof, 10:12“

„Hui!“, denken wir: „Da deuten doch tatsälich alle Indizien darauf hin, dass es sich hierbei um den Zug nach Wien Westbahnhof um 10:12 handelt! Wie vortrefflich!“

Wir machen uns daran, in einen Wagon einzusteigen, aber eine Dame in Uniform hält uns auf und weißt uns freundlich darauf hin, dass dieser eine Wagen abgehängt wird und in Feldkirch bleibt. Wir bedanken uns überschwänglich bei ihr. Ihr paraphrasiere: „Oh, wie gut von Ihnen, uns darauf hinzuweisen! Wie außerordentlich herzensgut! Ohne ihre Intervention wäre es uns am Ende versagt geblieben, in diesem Zug mitzufahren, welcher uns da sicher ans Ziel bringen wird!“

Wir steigen stattdessen in den nächsten Wagen ein und sind uns anhand anzeigetaflischer Indizien so sicher, dass es sich dabei um den Zug nach „Wien Westbahnhof um 10:12“ handelt, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, innerhalb des Zuges noch einmal nachzuprüfen. Wahrlich, nein, daran denken wir gar nicht.
Michi und ich finden also Plätze, schauen ein wenig aus dem Fenster und schließlich, weil es für Nachtvögel wie uns noch ziemlich früh ist, dösen wir beide ein.

Nach etwa einer halben Stunde – und, wie wir später erfahren, etwa fünf Kilometer nach der Grenze – kommt der Schaffner und wir präsentieren ihm frohgemut unsere Fahrkarten. Er mustert sie, runzelt die Stirn.

Schaffner: „Da brauch ich aber noch etwas.“
Ich: „Wieso? Die gilt in ganz Österreich.“
Schaffner: „Wir sind aber nicht in Österreich.“
Michi: „?!?“
Ich: „Oh, fahren wir etwa über’s deutsche Eck?“
Schaffner: „Nein, in die Schweiz!“
Michi und ich: „Oh-oh.“
Schaffner: „Wir sind grade über die Grenze.“
Michi und ich: „OH-oh!“
Ich: „Wann ist der nächste Halt?
Schaffner: „In zwei Stunden – der Zug fährt durch nach Zürich.“
Michi und ich: „OH-OH-OH!“

Der Schaffner ist aber recht nett und verständnisvoll und wir müssen immerhin keine Strafe für unsere ungültigen Fahrkarten zahlen. Wenigstens. Er rät uns, in Zürich einfach in den Zug in die Gegenrichtung zu steigen und einfach wieder zurückzufahren, und zieht weiter.

Die nächste Viertelstunde verbringen wir zur großen Belustigung der Mitreisenden vor und hinter uns damit, uns in farbenprächtigen Flüchen zu ergehen und uns auszumalen, was wir dem Idioten antun wollen, der am Feldkirchner Bahnhof für die Anzeigetafeln zuständig ist. Es fallen durchaus Begriffe, die ich vor einem wohlerzogenen Publikum wie euch nicht laut wiederholen möchte, und die vor allem die beiden Halbwüchsigen hinter uns dazu bringen, vor Lachen fast von ihren Sitzen zu fallen.

Schließlich haben wir uns verbal weit genug abreagiert, damit wir beim Mütterchen anrufen können, um ihr mitzuteilen, dass es eine winzig kleine Planänderung gegeben hat. Als ich aber gewählt habe und die Mutter abhebt, bekomme ich nur: „Du, also, uns ist da eine Kleinigkeit passiert…“ heraus, bevor auch ich einen haltlosen Lachkrampf bekomme und das Telefon an Michi übergeben muss, damit er die Situation erklärt. Die Mutter seufzet schwer, wir vereinbaren, dass Michi und ich mit dem nächstmöglichen Zug wieder nach Vorarlberg zurückfahren, wo die Familie uns am Bahnhof aufpickt und dann mit uns gemeinsam nach Oberösterreich heimkehrt. Soviel zum ganzen „Früher daheim und mehr Platz im Auto“-Plan.

Zweieinhalb Stunden später, in Zürich, trennen wir uns schnell – Michi geht unsere Rückfahrkarten kaufen, ich marschiere auf Wunsch von Jo in die Sprüngli-Filiale am Bahnhof, wo es laut Bruder die besten Schokoladetrüffel dieses Planeten zu erstehen gibt und von denen er sich sehnlichst einige mitgebracht wünscht. Damit wenigstens irgendjemand etwas von unserem unfreiwilligen Schweiztrip hat, bin ich gewillt, diesem Wunsch nachzugeben. Womit ich allerdings nicht gerechnet habe, ist der ENTHUSIASMUS, dieser Schokoladetrüffelverkäuferin, einer ganz entzückenden älteren Dame, die offensichtlich Zucker im Herzen, Kakao in den Venen und Kokosbutter in den Aterien hat. Als ich ihr sage, dass man auch in Österreich schon von ihren „Truffes du Jour“** gehört hat, leuchtet ihr Gesicht auf uns sie gibt sich BESONDERE Mühe dabei, die Dinger einzupacken. Lasst euch gesagt sein, sie hat diese Schokoklumpen nicht in die Schachtel gelegt, sie hat sie nicht hineingetan, sie hat sie gebettet, mit dem Ausdruck quasi-religiösen verzückens. Was mich weniger verzückt hat, weil ich eigentlich nicht gewillt war, den Retourzug zu versäumen.

Um euch ein besseres Bild von der Szene zu geben: Sie Rowan Atkinson, ich Alan Rickman, Love Actually.

Schließlich schaffen Michi und ich dann doch noch in den Retourzug und landen, nach der winzigkeit von fünfeinhalb Stunden Umgweg, wieder in Bregenz, keine fünfzig Kilometer von unserem Ausgangspunkt entfernt. Die Familie pickt uns auf und Michi und ich sehen uns schnell gezwungen, ihnen mit absolutem Schokoladetrüffelentzug zu drohen, wenn sie noch EINEN Witz zum Thema ‚Zürich‘ machen. Aber nicht einmal das schreckt die Unholde ab, vor allem, da sie noch einmal fünf Stunden Autofahrt Zeit haben, um das Thema genüsslich auszubreiten. Ich kann’s ihnen nicht einmal verübeln.

Als wir schließlich heimkommen, die Katze begrüßt haben und die Koffer hereingeschleppt haben, schaut Papa die Berge Post durch, die sich in unserer Abwesenheit angesammelt haben. Er reicht mir einen Umschalg: „Für dich.“

Es ist meine neue Jahreskarte von der ÖBB.

*Wer bitte droht fucking FELDKIRCH mit einer Bombe? Ernsthaft, warum nicht gleich eine Bombendrohung in Kleintermoosing-Gladschingberg am kleinen Mühlbächlein?

**Schokoladetrüffel, die so frisch zubereitet werden, dass sie jeweils nur einen EINZIGEN TAG lang gut sind und nirgendwo anders als in den Sprüngli-Filialen verkauft werden dürfen, weil bei Zwischenhändlern die absolute Frische nicht gewährleistet werden könnte. Heutige Truffes Du Jour: Bitterschokolade mit Rosenkonfekt.

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4 Antworten zu Von versehentlichem Grenzübertritt und Alan Rickman

  1. Razorback schreibt:

    War sie Rowan Atkinson als Mr. Bean oder als Black Adder? Und wenn Letzteres – Black Adder der 1. Staffel oder der Staffeln 2-4? 😀

    Was Feldkirch betrifft – mein Verleger hatte einmal die Idee eines Romans über einen terroristischen Angriff im Bergischen Land. Sein vielversprechender Autor darauf: „Warum sollte ein Terrorist denn SOWAS machen?“ Verleger etwas betreten: „Na ja…“
    Jetzt werde ich ihm wohl fairerweise sagen müssen, dass die Realität ihm Recht gibt.

    Wenn Ihr es übrigens damals, als Besitzer eines WELTREICHS, geschafft hättet, ein paar Bergbauern unter der Knute zu halten, dann würde Deine ÖBB Karte jetzt auch in Zürich gelten. Weltherrschaft ist auch unterhalb blofeldschen Größenwahns sinnvoll.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Huch, für Rowan Atkinson sollte doch ein link dabei sein… jetzt aber! SO hat das ausgeschaut!

    Ja, aber wenn uns die Schweiz gehören würd, dann würd dort zwar meine ÖBB-Karte auch gelten, aber das hieße auch, dass die Schweizer die ÖBB hätten, und das würd ich wirklich keinem anderen Volk zumuten wollen.

    Und mir fiele sogar ein Grund für einen terroristischen Anschlag im bergischen Land (oder sonstwo) ein…

  3. Razorback schreibt:

    Lovely. 😀
    Das entspricht etwa Blackadder 2. Danke dafür. :-)))
    (C. liebt diesen Film aber ich habe ihn noch nie ganz gesehen, das hier war mir entgangen.)

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    C. hat, wie immer, absolut recht – so ziemlich die einzige Liebeskomödie neben „21 Dinge, die ich an dir hasse“, bei der ich kein einziges Mal den Wunsch verspürt habe, auf der Stelle zu sterben.

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