Von Urgroßvätern und einer sehr kurzen Bekehrung

Was mich an meinen Vorfahren entzückt ist der scheinbar unerschöpfliche Vorrat an kuriosen kleinen Geschichten zum Thema ‚Respektlosigkeit vor Autoritäten‘ – ich sammle die Dinger jetzt schon seit Jahren und immer tauchen noch neue Perlen auf.

Die neuste habe ich von meinem Großcousin Franz und sie bezieht sich auf meinen Ur-Großvater mütterlicherseits, seines Zeichens Müller. (Der Beruf, nicht der Nachname.)

Dieser Mann war nun nicht nur im Ort als Kommunist verschrieen*, sondern vor allem ziemlich gottlos unterwegs und nicht mit Gewalt und guten Worten in die Kirche zu bringen. Währen das heute kein großes Ding mehr wäre, hat er damals in einem kleinen vorarlberger Bergdorf stockkatholischer Sorte ziemliches Aufsehen damit erregt. Mehr als einmal fanden sich zu allem entschlossenen Missionare vor seiner Haustür ein, um ihn mit Überredung und Höllenfeuerandrohung zurück in den Schoß der Kirche zu führen. Vergeblich.

Nun kann man sich die große Verwunderung und Freude im Ort vorstellen, als sich der Müller Mark eines Sonntag morgens mit allen anderen vor der Kirche einfand, herausgeputzt und scheinbar fromm wie eine Kirchenmaus. Die Wahrheit war natürlich eher die, dass er dringend ein Alibi brauchte- er hatte die frühen Morgenstunden mit dem Wildern zugebracht hatte und war beinahe erwischt worden. Folglich hielt die wundersame Bekehrung dann auch nur einen Vormittag an.

Das wäre noch immer nicht so unterhaltsam, wäre nicht die zum Ur-Großvater gehörige Ur-Großmutter ihrerseits ganz phänomenal katholisch gewesen. Augenzeugen berichten, wie sich zu jeder Mittagszeit dasselbe Drama abgespielt hätte: jeder von ihnen sei an seinem Ende der langen Mittagstafel gesessen, Kinder und Knechte zu beiden Seiten. In der Mitte, genau auf halbem Weg zwischen den Eheleuten – und zu weit vom Urgroßvater entfernt, als dass er ihn mit ausgestrecktem Arm hätte erreichen können stand der dampfende Suppentopf und duftete köstlich. Nach der Knochenarbeit in der Mühle hatte er tierischen Hunger, durfte aber nicht zugreifen, bevor nicht das Tischgebet beendet war.
Wenn man meinen Augenzeugen glauben darf, war nun kein kleines ‚Vater Unser‘ und kein simples ‚Herr, wir danken dir für deine Gaben‘, sondern ein halber Gottesdienst, bei dem die fromme Urgroßmutter ein Gebet nach dem anderen murmelte, ohne auf das immer länger werdende Gesicht oder das verzweifelte Hungerstöhnen ihres Ehemannes zu achten. Schließlich entwickelte sie sogar eine Technik, wie sie ihn für diese Störung zurechtweisen konnte, ohne ihr Gebet zu unterbrechen.

Das hörte sich dann in etwa so an: „Vater unser, der du bist im Himmel, halt’d Schnorra du alta Säckl, unser Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld bischt jetzt ruhig so wie auch wir vergeben…“

*ob er wirklich einer war, wissen wir nicht sicher. Kurz nach dem ersten Weltkrieg war er für einige Zeit in Wien und es geht das Gerücht um, dass er da mit Kommunisten zu tun hatte und Gefallen an der Idee fand. Aber dafür hab ich momentan noch keine Beweise.

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