Von einer Heimkehr, Filmen und einem Küchentisch

Wieder heimgekehrt aus Köln, nach einer Nacht im Liegewagen, die durchaus erholsamer sein hätten können – beispielsweise, wenn die alte Frau mit mir im Abteil nicht geschnarcht hätte wie ein Rudel Bulldoggen mit Nasenpolypen. Weiha, man müsste meinen, so ein kleines Weibchen hat gar nicht den Resonanzraum für solche Töne.

Ansonsten: Köln war dergestalt, dass meine üblichen Lieblingsadjektive in solchen Situationen (namentlich: famos und grandios) es nicht mehr ganz treffen. Sagen wir mal: ich werd ziemlich sicher den Rest des Jahres davon zehren können. Und das lag definitiv NICHT an den Filmen.

Dieses Jahr hab ich mir am FFF nur sechs Filme und ein Kurzfilmprogramm angeschaut – eine Lehre aus ein oder zwei bösen Migräneanfällen in den letzten Jahren, in denen ich das Programm voller gepackt habe.

Von diesen Filmen war einer phantastisch, nämlich ‚Perfect Sense‘. Das ist die Liebesgeschichte eines Chefkochs und einer Virologin während einer Seuche, die der Menschheit einen Sinn nach dem anderen nimmt. Zuerst ist der Geruch weg, dann der Geschmack, dann das Gehör…
Es ist der sanfteste, positivste Film über das Ende der Menschheit, den ich je gesehen habe. Ehrlich. Er hat nämlich diese utopische Prämisse, dass sich die meisten Leute gegen Ende hin anständig benehmen und versuchen würden, trotz allem Schönheit in der Welt zu finden. Das typische FFF-Blood-n-Gore-Publikum allerdings war zum Teil eher verwirrt, weil an keiner einzigen Stelle Eingeweide durchs Bild flogen. Hehehe…

Ein zweiter Film war zwar nicht phantastisch, aber immer noch sehr unterhaltsam: ‚Good Neigbors‘. Da besitzt ein Serienkiller mehrere Aquarien und seine Nachbarin hat haufenweise Katzen, also ist der wunderhübsche Plottwist in der Mitte nur noch draufgabe. Ich hätt ihn schon für die Viecher allein geliebt.

Das Kurzfilmprogramm Get Shorty“ enthielt einen guten Film – ‚The Unliving‘, in der Zombies Opfer eines neoliberalistischen Wirtschaftssystems werden – und zwei dämliche, aber zumindest ansatzweise unterhaltsame Werke. Die restlichen Kurzfilme waren prä-pubertärer Blödsinn mit infantiler Freude an ihrem eigenen Ekelfaktor, bei denen man schwer den Verdacht hatte, dass der Autor nach dem Schreiben vor Selbstliebe die Unterwäsche wechseln musste. Wäh, wäh, wäh-di-wäh.

Ansonsten war dann an Filmen noch…

The Assault: Im vorherigen Post schon beschrieben.

In Your Hands: Stockholm-Syndrom-Kammerspiel mit guten Darstellern, dass aber so dermaßen berechenbar und französisch war, dass ich während der Beinahe-Vergewaltigung auf die Uhr geschaut hab, um meine Zeitschätzung zu überprüfen. Ich hatte erwartet, dass sie drei Minuten früher passieren würde, aber das war auch schon die größte Überraschung. Kein einziger neuer Gedanke, keine einzige Plotwendung, die man nicht vorher schon auf fünfzig Meter riechen kann.

Norwegian Ninja: Prämisse es ist, dass König Olaf eine geheime Ninja-Eingreiftruppe gegründet hat, um den ‚Norwegian Way of Life‘ zu beschützen und die machenschaften der CIA im Lande zu unterbinden.Ich weiß, klingt.
Hätte theoretisch eine hinreißende Komödie werden können, wenn sich die Filmemacher weniger in das Konzept des Absurden verliebt hätten und mehr aufs Geschichtenerzählen konzentriert hätten. Claudia und ich, die wir gemeinsam im Kino waren, saßen nach etwa fünf Minuten mit identischen Gesichtsausdrücken höchster Konzentration da, verzweifelt bemüht, uns die Story zu erschließen. Wenn ich nicht mehr zum Lachen komme, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, herauszufinden, was überhaupt los ist… nun, dann hat eine Komödie definitiv ein Problem. Wirklich gelacht haben wir erst, als wir heimkamen und versucht haben, Claudias wertem Gatten die Handlung nachzuerzählen – Razor sah sich da mit zwei semi-hysterischen Weibsbildern konfrontiert, die unter verzweifeltem Händewedeln Dinge wie: „Und Arne Treholt geht nicht ins Gefängnis, das macht Hummel für ihn, nachdem er ihn mit seinem Fäusten ins Leben zurückgeholt hat!“ oder: „Und dann retten sie die Kaninchen!“ von sich geben und dabei hysterisch kichern. Seltsamer Film. Ich bin nicht sicher, ob ich die Erfahrung jedem empfehlen würde, aber er wird uns auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.

End of Animal Koreanisch, vage hanekiensisch, ausgesprochen what-the-fuck-isch. Razor hat ihn auch nicht verstanden. Leute werden hysterisch, machen mysteriöse andeutungen und rennen dann zwei Stunden lang ziellos durchs koreanische Hinterland. Und die Heldin ist so hoffnungslos pathetisch und unfähig, dass sie alles Übel verdient, das sie befällt. Und noch ein bisschen mehr. Und koreanische Götter sind anscheinen wirklich schlecht im Bett. Du meine Güte.

Also rein filmmäßig war es dieses Jahr nicht überragend – nur ‚Perfect sense‘ und’Good Neigbors‘ auf der Gewinnerseite, aber eigentlich ist das ziemlich wurscht. Weil ich nämlich viele, viele Stunden mit Michael und Claudia an ihrem Küchentisch vebringen konnte, wahlweise Tee (viel), Whisky (mäßig) und Absinth (wenig) trinken und mit über alles schwadronieren, was die Welt so hergibt. Davon werd ich jetzt wieder länger zehren. Danke, Leute. :-*

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Von einer Heimkehr, Filmen und einem Küchentisch

  1. Razorback schreibt:

    Ich danke, und zwar aus tiefem Herzen. :-**

    Ja, das FFF war entweder qualitätsmäßig in diesem Jahr wirklich schwach, oder wir haben beide ein sehr schlechtes Händchen bei der Filmauswahl gehabt. Da ich statt „Perfect Sense“ den Deutschen Film „Urban Explorer“ sah – oder, wie ich ihn lieber nenne, „Stasimann, der Schrecken aus der Tiefe“ – hatte ich diesmal nicht EIN echtes Highlight dabei. Wobei ich nach Sarahs Abreise noch zwei Filme sah, die gut waren und einen, über den ich nicht weiter reden möchte (selbst Schuld, warum beachte auch nicht die Warnung, die groß und deutlich im Programm steht, und die da heisst: „Frankreich“). Aber wie gesagt, die anderen waren gut, der Kanadische („Repeaters“) zwar vorhersehbar, aber immerhin mit einer konsequenten spannenden Geschichte (ich bin ja schon mit wenig zufrieden), der Belgische (22 Mei) sogar ziemlich gut, wenn auch mit einer etwas schalen Auflösung. Aber 22 Mei war eben einer der beiden besten Filme, die ich dieses Jahr gesehen habe, und mehr als die Schulnote 2, vielleicht eine sehr freundliche 2+, will ich dem nicht geben. Keine 1er Filme, diesmal.

    Aber es bleiben auch positive Erinnerungen. Endlich mal ein kommerzieller deutscher Film („Hell“), den ich guten Gewissens empfehlen kann. Ein 3+ oder 2- Film, aber nach vergangenen Schrecken wie „Blood Trails“, eben jenem „Urban Explorer“ oder gar, Gott bewahre, „Kampfansage“, war das echt eine Erlösung. Nicht nur Ösis und Studenten können vorzeigbare deutschsprachige Genrefilme machen. Und ich werde jetzt meine Ideensammlung plündern und Exposees erstellen. 😀 Dazu die Erkenntnis, dass der gute alte Spukhausfilm absolut nicht tot ist (und auch nicht untot), dass man auch mit Versatzstücken einen guten neuen Film zusammenschustern kann, und dass letztlich die brauchbaren Filme die unbrauchbaren – knapp aber immerhin – mit 5:4 schlagen (die Kurzfilme nicht mitgerechnet).

    Ach ja – und ich habe einen neuen Reflex bei meiner Frau entdeckt: Sie ruft immer „Du hast ja KEINE AHNUNG!“ wenn man „Ninjatroppen“ sagt. 😀

    Und egal wie schlecht ein Film ist – er hat sich gelohnt, wenn man nachher am Küchentisch mit der weltbesten Sarah darüber lachen, weinen oder einfach staunen kann. Nochmal: :-*

    Und nächstes Jahr auf ein Neues…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.