Von Wachtürmen und einer alten Angst

Ich weiß doch, warum ich im Zug IMMER im Großraumabteil fahre. In dem Moment, in dem ich mich in ein Sechserabteil setzte, sitze ich einem Wahnsinnigen gegenüber, der sich unbedingt mit mir unterhalten will. Das ist ein gottverdammtes Naturgesetz, der sogenannte wassermair’sche Freakmagnetismus. Oft erprobt, noch öfter verflucht.

Heute aber… nun, die Großraumabteile waren überfüllt und stickig, die sechserabteile aber völlig leer. Komplett. Und Sarah denkt bei sich: Nun, in ein ganz leeres Abteil kann ich mich ja wohl setzen. Da kann nicht einmal der Freakmagnetismus etwas anstellen, wenn niemand da ist.

Also suche ich mir ein nettes Abteil, maches es mir gemütlich… und höre eine Stimme aus der Ecke neben der Tür: „Ach, wie schön! Eine Gesprächspartnerin!“

Dunnerlüttchen-Hotzenplotz!, denke ich: die Alte ist so winzig, die hab ich glatt übersehen.

Ein altes Weiblein mit feuerrot gefärbten Haaren sitzt mir gegenüber und lächelt mich milde an. Ich seufze und will mich schon in mein Schicksal fügen, die nächsten zwei Stunden mit ihrer Lebensgeschichte vollgetextet zu werden, als sie den nächsten, folgenschweren Satz sagt: „Schauen Sie, ich geb Ihnen gleich einen Zettel mit unserer Webseite. http://www.jw.org.“

Plötzlich sitze ich kerzengerade. Ooooh FUCK, denke ich: Freakmagnetismus, ich ziehe meinen Hut vor deiner überlegenen Bösartigkeit.“

JW verheißt nichts Gutes. GAR NICHTS Gutes. Ich schaue sie genauer an, das Büchlein, das sie in den Händen hält – eine Taschenbuchausgabe der Bibel – und die Zeitschrift, die aus ihrer Tasche am Boden ragt – der Wachturm. Eine Zeugin Jehovas.

Damit haben sich die Spielregeln geändert. Ich hör mir manchmal wirklich stundenlang aus einer Mischung aus Neugierde, Mitleid und Höflichkeit die Lebensgeschichte von alten Damen an. Ich lausche andachtsvoll dem Gebrabbel von Wahnsinnigen und nicke verständnisvoll. Ich hab mich schon zugfahrtenlang von Betrunkenen volltexten lassen, die mir ihre gesamten Liebensgeschichten von Kindergarten an erzählen wollte. Alles kein Problem. Manchmal müssen die Leute einfach reden, und wenn es ihnen gut tut, dann kann ich auch problemlos ein oder zwei Stunden opfern. Welche Wert hat ein Geschichtenerzähler, der nicht zuhören kann?

Es gibt nur zwei Personengruppen, die von dieser Regel ausgenommen sind. Bei denen ich mich nichts anderem als den grundsätzlichsten Regeln der Höflichkeit verpflichtet fühle („Schlag sie nicht ohne Provokation bewusstlos“) und zu nicht mehr: Vertreter des rechten Lagers und religiöse Fundamentalisten. Versuch mir entweder Adolf Hitler oder deinen imaginären Freund aufzuzwingen, und du bist Der Feind. Während das bei ersteren eine Weltanschauungssache ist, hat es bei zweiterem auch einen autobiographischen Grund. Ich hatte, wie hier vielelicht schon ein oder zweimal erwähnt, als Kind eine eher üble Erfahrung mit einer fundamentalevangelikalen christlichen Gruppierung und betrachte die Zeugen und Co seitdem als persönliche Bedrohung.

Was folglich stattfand, war im großen und ganzen folgender Dialog.

Sie: „Gott…yaddayadda… ewiger Frieden…bladibla… die Regierungen dieser Welt…“
Sarah: „Tut mir leid, aber ich kann mich nicht unterhalten. Ich muss arbeiten.

Sarah fährt ihren Laptop hoch, setzt sich die Kopfhörer auf, hört demonstrativ laut Musik. Fünf Minuten Ruhe, dann fängt sie wieder an.

Sie (über die Musik redend): „Aber jetzt muss ich ihnen doch sagen, es gibt da dieses physikalische gesetz… yaddayadda… Gott wissenschaftlich bewiesen… natürliche Entropie der Gesellschaft…“

Sarah: „Seien Sie mir nicht bös, aber es bringt nichts, wenn sie mit mir über Religion reden. Ich bin Atheistin, bin es aus Überzeugung und werde daran nichts ändern. Sie verschwenden ihre Zeit und Spucke.“

Sarah setzt ihre Kopfhörer wieder auf. Ein paar Minuten Ruhe.

Sie: „Können Sie Dinge nicht unvoreingenommen betrachten? Sehen Sie, Polizisten sagen, wenn alle wären, wie die Zeugen Jehovas, dann gäbe es keinen Krieg. Friedfertigkeit ist unser höchstes Gebot und…“

Sarah (laut): Ich. Möchte. Nicht. Mit. Ihnen. Über. Religion. Reden. Bitte respektieren Sie das.“

Ein paar Minuten Ruhe.

Sie: „Aber einen praktischen Tipp möchte ich ihnen schon geben. Wussten Sie, dass die Zeugen Jehovas als Lichtgeber…“

Sarah klappt ihren Laptop mit einem Ruck zu, packt ihn in ihren Rucksack.

Sarah: „Erstens: jedes wissenschaftliche Faktum, dass sie gerade zitiert haben, ist nachweislich falsch. Zweitens: sie haben in ihrer Argumentation eine soziologische Forderung mit einer physikalischen Gesetzmäßigkeit argumentiert. Drittens: der einzige Grund, warum die Zeugen Jehovas bisher friedfertig waren, ist, weil sie niemals an die Macht gekommen sind.“

Sie: „Aber nein, der ewige Frieden-“

Sarah: „Schönen Abend noch.“

Damit gebe ich ihr die Hand, sie schüttelt sie, immer noch mit dem Gesichtsausdruck sanftmütiger Verzückung und bedankt sich, dass ich ihren Argumenten Aufmerksamkeit geschenkt habe. Ich ziehe es vor, darauf nichts mehr zu sagen und wechsle in ein anderes Abteil. Vier, fünf Waggons entfernt.

Es passiert sehr, sehr selten, dass ich jemanden so stehen lasse. Aber ich habe schon lange gelernt, nicht mit Sektierern zu diskutieren – genau so gut kann ich mit einem Anrufbeantworter streiten, oder einem Tamagotchi.
Und sie einfach nur aushorchen und als Geschichtenmaterial verwenden kann ich nicht, dafür ist die Reaktion, die sie bei mir auslösen, zu stark. So harmlos diese arme alte Frau auch ist, so unheimlich ist, wofür sie steht. Es ist, als würde man einem Zombie gegenübersitzen: irgendwo unter diesen Schichten von Brainwashing, Love-Bombing und Bibelstunden war einmal eine eigenstädnige Persönlichkeit. Jemand, der selbstständig gedacht hat, eigene Entscheidungen gefällt, wen sie lieben will oder nicht. Jemand, der mehr war als Fanatismus, Dogma und zerlesene Broschüren.

Im neuen Abteil muss ich zuerst fünf Minuten mit geschlossenen Augen dasitzen und mich beruhigen. Rechtsradikale regen mich auf ohne Ende – aber Sekten machen mir auf eine viel persönlichere, kindlichere Art bis heute Angst.

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2 Antworten zu Von Wachtürmen und einer alten Angst

  1. Razorback schreibt:

    Ich habe mir eine schöne wissenschaftliche Regel angeeignet, mit der ich gerne Literaturwissenschaftler ärgern möchte und alle, die behaupten nach Kant wäre Philisophie als Wissenschaft noch möglich, die sich aber auch für solche Begegnungen eignet: Wissenschaftlich ist nur, was der Methode nach falsifizierbar ist. Falsifizierbar ist zum Beispiel keineswegs, dass Hemingway Regenmäntel als Metaphern für Kondome verwendete. Falsifizierbar ist auch nichts, was mit Gott zu tun hat.

    Andererseits hätte dass Dein Dämlein wohl kaum beeindruckt.

    Ich bin auch immer viel zu nett zu religiösen Fundamentalisten im Allgemeinen und Jehovas im Besonderen. Die gucken so lieb. Ich würde ja immer mal gerne eine von denen mit vor Wahnsinn flackernden Augen ansehen (das kann ich) und brüllen: „Brenne Hexe! Brenne!!!“ Aber damit leiste ich wieder dem Vorurteil Vorschub, dass wir Katholiken lieber Hexen verbrennen als andere, also lasse ich das. Mal sehen, vielleicht schaffe ich mir mal eine Schale mit kleinen Steinen an. Und wenn die sich vorstellen, schmeisse ich ihnen einen Stein an den Kopf (nicht zu feste) und rufe: „SIE HAT JEHOVA GESAGT!“

    Weisst Du, was wir mal machen? Wenn eine(r) von uns reich ist, oder beide, kaufe wir uns eine Netzkarte der ÖBB und der DB. Und dann suchen wir uns Abteile mit religiösen Fundamentalisten (gerne und bevorzugt Katholiken) und/oder Es-gibt-zu-99,735%-keinen-Gott-Mathematiklehrern und drehen sie solange durch den Wolf, bis die Auswirkungen statistisch erfassbar sind. Muhahahahahaha…

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Ooooh… Interrail-Fanatikerbashing-Roadtrip! Das klingt fein! Da bin ich auf der Stelle dabei!

    … aber die Idee mit den Steinen hat auch was. Oder ich stell mich bei Gelegenheit neben die Wachturmladies am Westbahnhof, auch mit einem Bauchladen, und biete lautstark Otteröhrchen an.

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