Von Märkten und Streunern

Hab ich euch jemals vom Priwos erzählt? Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt einfällt, abgesehen davon vielleicht, dass es mitten in der Nacht ist und ich wieder einmal nicht schlafen kann. Da kann ich genau so gut in Erinnerungen kramen, nicht wahr?

Der Priwos ist ein Markt in Odessa, in dem die Einheimischen ihre Lebensmittel kaufen, eine kuriose Mischung aus Naschmarkt und Vorhölle. Du kommst hinein und siehst als erstes zwei alte Frauen, die sich lauthals streiten, eine jede hat ein totes Huhn in der Hand, mit dem sie heftig gestikuliert. Einen Tisch weiter verkauft ein Mann Eier – aufgeschlagen, samt Schalen, in einem großen Glasgefäß, aus dem er abschöpft. Eine Greisin wiederum hat nur drei Zitronen anzubieten, die sie eifersüchtig bewacht. Sie verkaufen Socken neben Kartoffeln, Zuckerteddybären, Kekse und Haargummies, Krabben (lebend wie tot), Schweinsköpfe und Herbstäpfeln, und es riecht nach Obst und dem Blut aus der Fleischershalle.

Dann biegst du in eine Gasse ein, in der nur verblühte Blumen angeboten werden, welke Chrysanthemen neben toten Astern. Später begreifst du, dass es in Wirklichkeit die Wurzeln sind, die hier verkauft werden, nicht die Blüten. Aber zuerst siehst du nur das eine jungee Verkäuferin mit unscheinbarem Gesicht, die einen Stand voller schwarzer, zerfallender Rosen bewacht. Ein Sonnenstrahl bricht durch die Wolken, ihr Haar leuchtet mit einem Mal golden, und sie und ihre toten Rosen sind schön.

Auf dem Heimweg ins Hotel fühlst du dich so verloren, wie man es nur im Herbst in einer fremden Stadt sein kann, und hängst düsteren Gedanken nach. Aber da begegnest du in einer dunklen Gasse einem schwarz-weiß geflecktem Kater, der völlig ohne Scheu zu dir kommt und eine Pfote gegen dein Bein legt, zu dir aufschaut. Du kniest dich nieder, kraulst ihn hinter den Ohren und bist plötzlich umgeben von zehn, fünfzehn streunenden Katzen, die sich miauend an dich drängen, schnurren, sich streicheln lassen und die Köpfe gegen deine Hände drücken. Dann verschwinden sie, so schnell, wie sie gekommen sind, und lassen dich mit leichterem Herzen zurück.

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