Prag, die zweite

Also, Prag. Gestern nicht mehr zum Schreiben gekommen, weil zuerst bis ewig und vorgestern im Büro gesessen, dann mit den Enten im Kino gewesen* und dann in einem wahnsinnigen Putzanfall bis halb zwei die Wohnung gesäubert.**

Da ich zu faul bin, einen zusammenhängenden Narrativ draus zu machen, kommt hier die Liste.

DINGE, DIE SARAH IN PRAG FASZINIERT HABEN:

1. Ein Hotelzimmer, in dem die Badezimmertür offensichtlich einmal aufgebrochen und dann wieder geflickt worden sein. Führt dazu, dass Sarah zwei Stunden in der Badewanne sitzt und über die möglichen Hintergründe der Tat sinniert, bis das Wasser kalt ist.

2. Ein Schwarm Möwen über der nächtlichen Karlsbrücke, weiße Silhouetten im Schwarz, ständig in Bewegung, ein lebendiger Schneesturm.

3. Die Fremdenführerin im Nationaltheater, die ich zwar nicht verstehe, aber die so begeistert von ihren eigenen Ausführungen ist, dass einer der Sätze wahrscheinlich lautet: „Und diese Schraube links hinten am siebzehnten Luster von rechts wurde in einer kleinen Mittelböhmischen Schmiede hergestellt, und zwar 1953 von einem linkshändigen Schmied mit großen Daumen und schlechter Laune. Nun kommen wir zur Schraube RECHTS hinten am siebzehnten…“

4. Jugendstil-overload. Ich LIEBE Jugendstil, was heißt, dass mich Prag unwahrscheinlich glücklich macht.

5. Mehrere Speisekarten, in denen „Schweinsstelze“ mit „gegrillte Knie“ übersetzt wurde.

6. Ein Kubistisches Kaffeehaus, in dem sogar die Teetassen kubistisch sind. In einer Ecke steht ein Strauß unwirklich purpurner Lilien vor einem schwarzen Hintergrund.

7. Ein russischer Babuschka-Laden, in dem NUR Babuschkas angeboten werden, allerdings zum Teil sehr absurde. Michi kauft eine, mit folgender Reihenfolge: Osama enthält Saddam enthält Che Guevara enthält Araffat enthält eine Handgranate. Wir verbringen einen Abend damit, über die politische Aussage dieses Dings zu spekulieren.

8. ein Dessert, das übersetzt „Sarg mit Schlagobers“ heißt und tatsächlich wie ein kleiner Sarg aussieht.

9. Haufenweise Marionettenläden, teilweise mit unsäglichem Touristenkitsch, teilweise aber mit hübschem Kunsthandwerk. Verliebe mich in eine traumhaft morbide Totenkopf-Pinoccio-Marionette, schaue auf den Preis und entliebe mich schleunigst wieder.

10. Das nachgebaute Laboratorium von diesem Typen hier: http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Kelley
Inklusive Skeletten, schwarzen Katzen und winzigen Homunkuli. Normalerweise machen mich ich diese Erlebniswelt-Museen in ihrer Künstlichen ach-ist-das-nicht-spannend-igkeit unglaublich depressiv, hier aber nicht. Wahrscheinlich, weil hier jedes Detail so offensichtlicher Liebe zusammengeschustert worden ist, bis hin zu dem sich gerade in Explosion befindlichen Glaskolben (viele Scherben an vielen unsichtbaren Schnüren, durch den Raum verteilt). Dadurch wirkt die ganze Ausstellung nicht Künstlich, sondern wie ein Kunstwerk, und tut dem sarahschen Hirn gut.
Außerdem sind wahnsinnige Alchemisten per definitionem cool.

11. Das schon erwähnte KGB-Museum mit dem potentiellen Waffenfetischisten als Wärter. Ob Fetischist oder nicht, er betreut das Museum auf jeden Fall mit hingabe – und führt auch mal drei Gruppen gleichzeitig, in dem er mit großer Begeisterung drei Fakten zu irgendeinem Ausstellungsstück deklamiert, „Excuse me!“ schreit und zum nächsten Grüppchen eilt, um heftig gestikulierend auf diese einzureden. Von dort eilt er („Excuse me!“) wieder weiter, bis er schließlich wieder bei uns ankommt, gerade rechtzeitig, um uns von der besonderen Schönheit eines Sowjetischen Kokainbehälters*** vorzuschwärmen.

12. Das Sexspielzeugmuseum. Sehr erhellend. Und mit ein paar Exponaten, vor denen Sarah Minuten lang steht, den Kopf sinnend hin- und herwiegt und Dinge murmelt wie: „Uiuiui. Ich seh spontan mindestens sieben Möglichkeiten, wie DAS fürchterlich schief gehen kann. Das möcht man dann nicht seinem Arzt erklären. Uiuiuiui.“

13. Der Reiseführer, in dem insgesamt drei Adressen und eine Öffnungszeit falsch waren – zumindest von den Dingen, die wir zu finden bzw. zu betreten versucht haben. Und in einem angeblich 2011 aktualisierten Buch sollte kein Geschäft mehr vermerkt sein, dass laut Augenzeugen seit mindestens zwei Jahren geschlossen ist. Verlag bekommt noch einen erbosten Brief zu diesem Thema.

14. Das Kaffee Savoy mit einer grandiosen Teekarte mit etwa fünfzehn Sorten losem Tee – in dem ich es schaffe, aus Versehen (und wegen mangelnder Tschechischkenntnisse… hüsteldihüstel) dennoch Teebeuteltee zu bestellen. Laut Familie dürfte mein Gesichtsausdruck angesichts der beuteligen Teeleiche eher faszinierend gewesen sein.

Am großartigsten aber ist Daniela, eine Bekannte meine Eltern, die uns einen Tag lang durch Prag führt. Geborene Pragerin, ist sie mit zwanzig nach dem Prager Frühlingin den Westen geflüchtet und hat sich in Österreich ein neues Leben aufgebaut. Daniela kann zu jeder Winkel und Ecke Prags faszinierende Dinge erzählen. Fazit ist auf jeden Fall, dass der Kommunismus in Tschechien alles andere als lustig war. Ihre Fluchtgeschichte wiederum ist absolut abendteuerlich, und zu lang, sie hier zu erzählen – ich hab mindestens zwanzig Seiten Notizen mitgeschrieben und mir die Erlaubnis geholt, bei Gelegenheit mal ein Drehbuch draus zu machen.

*Johnny Englisch. Überraschend gut.

**Die Wohnung, in der ich Mieter bin, wird verkauft, was heißt, dass hier momentan Leute mit Käufermienen durch meine Räumlichkeiten Wandern und seltsame Fragen zum Thema Heizung und Klo stellen. Auch eine Art, einen Vormittag zu verbringen.

***In Form eines Hirschkäfers. Sehr hübsch. Anscheinend war Kokain in der Sowjetunion eine Zeit lang billiger als Alkohol und drum sehr beliebt. „Baltischer Tee“ bezieht sichauf Vodka mit Koks.

**** Und außerdem hat sie gesagt, dass ich mal einen Film draus machen darf, also werd ich einen Teufel tun, und die Story irgendwo öffentlich ins Netz stellen…

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