Von Träumen und Hirnscheiben

Das hab ich davon, wenn ich das ganze Wochenende mit einem Horrorautoren herumhänge – Träume wie eine wirklich schlechte Episode von Twilight Zone.

Es beginnt damit, dass Brüderlein Jo und ich davon hören, dass es in Aschach ein neues Museum gibt – einen riesigen Kastenbau ganz in weiß und rot, mit gelben Streifen. Nachdem das kulturelle Angebot in Aschach doch eher begrenzt ist, schauen wir uns die Sache natürlich an und sind von der Ausstellung… nur begrenzt begeistert.

Im ersten Moment wirkt sie wie eine Mischung zwischen einer Vernissage einer Abschlussklasse an der Uni für Angewandte Kunst und Saw III – riesige Installationen aus Seilen und Riemen, eleganten Porzellantischen und ästhetischen Kunstblutspritzern. Nicht weiter spannend. Irritierend ist nur, dass neben jedem einzelnen Exponat ein kleines Tischchen mit einer Petrischale oben drauf steht, in der sich eine dünne Scheibe menschliches Gehirn befindet.
Am Eingang bekommen wir etwa taschentuchgroße schwarze Folien ausgehändigt, auf der, wie auf einem Röntgenbild, ebenfalls ein Hirn zu sehen ist.

Das ganze irritiert mich sehr, bis ich einen anderen Gast dabei beobachte, wie er die Folie um seine Hand wickelt und damit eine der Hirnscheiben berührt. „Ah“, denke ich mir in unnachahmlicher Traumlogik: „So wird das hier also gemacht!“
Ich wickle also ebenfalls die Folie um meine Hand, trete an etwas heran, was wie eine futuristische Mischung aus Kinderspielplatzklettergerät und Streckbank aussieht, und berühre das dazugehörige Hirnscheibchen.
Im nächsten Moment hängt ein blutender Mann in den Seilen und schaut mit mit trüben Augen an, flüstert etwas, das mit viel Phantasie: „Hilfe!“ sein könnte.
Ich schrecke zurück, die Vision verschwindet.
„Aha“, denke ich weiter, immer noch sehr gelassen: „In jedem dieser Geräte ist also jemand zu Tode gefoltert worden, die Hirnscheibe enthält ihre Erinnerung daran, die Folie ist das Abspielgerät.
Das nächste Exponat ist ein Operationstisch aus Chrom und ein Skalpell, und mit einer neuen Folie – das sind offensichtlich Einwegdinger – sehe ich eine sehr zierliche, blauhäutige Frau darauf liegen, die jemand vom Hals bis zum Schambein mit einem einzigen Schnitt geöffnet hat. Die Wundränder klaffen auseinander, sind aber absolut blutleer. Sie versucht matt mit beiden Händen, das Fleisch über ihrem Brustkorb zusammenzuhalten, wie man normalerweise bei starkem Wind einen Mantel zuhält, scheint aber zu müde, um wirklichen Schmerz zu empfinden: „Kalt“, sagt sie nur: „Hier drinnen ist es viel zu kalt.“

Als ich aus dieser Vision auftauche, weiß ich, dass Jo und ich hier schleunigst abhauen müssen. Wer weiß, wie die ihre Exponate rekrutieren. Ich drehe mich um, um meinen Bruder zu suchen, stoße aber stattdessen mit der künstlerischen Leiterin des Museums zusammen. Eine dickliche kleine Frau mit straßenköterblondem Haar, das sie in einem strengen Dutt zusammengebunden hat. Sie lächelt mich breit an, fragt mich, was ich denn von der Ausstellung halte und ich würge irgendeinen hochintellektuellen Blödsinn zum Thema Gegenwartskunst und mutiger Grenzüberschreitung hervor. Sie findet das ganz toll und ich plaudere weiter mit ihr, um mir ja nichts anmerken zu lassen, während ich den Raum verzweifelt nach meinem Bruder absuche. „Immer verschwindet er!“, murmle ich und sie strahlt: „Ja, das tut mein Mann immer, letzten Sommer erst… oh, da ist er ja!“
Tatsächlich ist ihr Mann – klein, dick, schnurrbärtig, der ideale Zirkusdirektor – in einer Ecke in ein erstes Gespräch mit Jo vertieft. Der schaut genau so panisch drein, wie ich mich fühle, und ist äußerst erleichtert, als ich zu ihm trete und behaupte, wir müssten jetzt ganz dringend gehen, wir hätten noch einen Termin irgendwo ganz weit weg.
Die künstlerische Leiterin lächelt, holt einen winzig kleinen Schlüssel aus ihrem Dekolté und sagt: „Na, dann werde ich sie mal hinauslassen.“
Bis jetzt war mir gar nicht klar, dass der Ausstellungsraum abgesperrt ist, aber tatsächlichs sperrt sie die Tür für uns auf, die in einen sehr, sehr langen Gang führt, an deren Ende ich in weiter ferne eine weitere Tür sehe.
„Da geht’s ins Freie!“, sagt sie, schubst uns in den Gang und macht die Tür hinter uns zu.
Jo und ich schauen einander an und fangen dann gleichzeitig zu rennen an. Wir hetzten in einem Mördertempo auf die Tür zu, kapieren dabei aber, dass an den Wänden überall Überwachungskameras sind, und einigen uns darauf, dass unsere große Hast ein wenig verdächtig wirken könnte. Also holen wir im Laufen unsere Handy heraus und tun so, als würden wir auf unsere jeweiligen Uhren schauen, damit wir nachher unsere Hetzerei auf große Eile wegen des vorher erwähnten dringlichen Termins schieben können. (Im Nachhinein, wo ich das so aufschreibe, hat die Szene schon etwas sehr Slapstickhaftes.)
Unsere große List hilft uns aber nichts, denn an der Tür erwartet uns schon die Künstlerische Leiterin mit einem triumphierenden Grinsen und dem freundlichen Hinweis, sie habe uns durchschaut. Es folgt der übliche Nun-werdet-ihr-Sterben-Monolog des Bösewichts, bei dem sie andeteutet, dass wir ganz entzückende Exponate abgeben werden, der erst dadurch unterbrochen wird, dass ich mich auf sie stürze und sie in den Schwitzkasten nehme. Warum ausgerechnet ich die Kampfhandlungen führen muss und nicht mein um etwa vierzig Zentimeter größerer Bruder, ist nicht ganz klar. Ich bin aber verhältnismäßig erfolgreich, denn der Schlüssel für die zweite Tür fällt ihr aus der Hand, Jo greift danach und schaut ihn fasziniert an.
„Mach die Tür auf!“, herrsche ich ihn an, aber Jo tut nichts. Ich wiederhole meinen Befehl noch dreimal, immer lauter werdend und dabei mit der künstlerischen Leiterin ringend, bis ich endlich zu Jo durchdringe und der die Tür aufmacht.
Sekunden darauf hetzen wir durch unseren eigenen Garten, denn dorthin führt offensichtlich der Durchgang, und mir fällt nebenher auf, wie wunderschön das Herbstlaub momentan ist. (Sehr wichtiges Detail, das, vor allem während einer Flucht auf Leben und Tod.) Wir schaffen es bis ins Haus, schließen hinter uns ab und nehmen uns noch die Zeit, sämtliche anderen Ein- und Ausgänge auch noch zu verriegeln. Dabei stellen wir fest, das es egal ist, durch welches Fenster oder Schlüsselloch man schaut, in alle vier Himmelsrichtung sieht man nur das Museum, was dezent gruselig ist. Wir beschließen, unsere Familie zu warnen.

Michi finden wir als ersten, vor den Computer und zehn Jahre jünger als in der Gegenwart. Er hat zwar außerdem seltsam igelige Haare, aber wir erkennen ihn trotzdem an seinen Augen. Als wir ihn warnen, ja nicht ins Museum zu gehen, ist er auch sofort einsichtig. Mama reagiert mit dem für sie typischen Kampfeseifer und macht sich sofort daran, Schlachtpläne für die Vernichtung der künstlerischen Leiter und ihrer Mordapparate zu schmieden. Der Einzige, der uns Probleme bereitet, ist Papa.

„Ein neues Museum in Aschach! Wie schön! Das geh ich mir gleich anschauen“, sagt er und geht Richtung Tür. Sarah stellt sich ihm entgegen: „Aber es ist ein böses, dämonisches Museum!“
Vater grinst und tätschelt mir den Kopf: „Ah, dämonisch. Du bist immer noch nicht aus deiner Fantasyphase raus, oder?“
Sprichts und will sich an mir vorbeidrängen. Ich protestiere lautstark – und wache auf.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Von Träumen und Hirnscheiben

  1. Razorback schreibt:

    Ach, und daran bin ICH schuld? Nee, nee, nee, das mit den Museen kam aus Deiner Richtung. Sehr hübsche Geschichte. 😀 Btw: Was machen wir mit der Bahnhofsdurchsagenidee? Brauchst Du sie? Kann ich sie haben? Schreiben wir beide was dazu? Der Anfang war, wenn ich mich recht erinnere, von Dir, das Ende von mir. 😉

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Bööser Computer. Alles zweimal gepostet! Tststs.

    Die Bahnhofdurchsagen … lass uns beide was dazu schreiben und dann vergleichen, was rauskommt. Klingt nach Spaß. 🙂

  3. Razorback schreibt:

    Machen wir! Die Idee hatten wir doch auch noch bei etwas anderem, oder? Doppelgeschichten… daraus machen wir eine Anthologie. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s