Über Peter Pan

Ich beschäftige mich schon seit ein, zwei Jahren immer Mal wieder mit Peter Pan, hauptsächlich deshalb, weil der Urheberrechtsschutz ausgelaufen ist und ich lange Zeit dachte, das es da interessante Adaptionsmöglichkeiten für Kinderbühnen gäbe. Außerdem gibt es einige Passagen, die ich innig liebe. Beispielsweise die Tatsache, dass Tinker Bell so klein ist, dass immer nur ein Gefühl gleichzeitig in ihr Platz hat, oder die wirklich gruselige letzte Szene, in der Peter bis auf Wendy all seine alten Gefährten schon längst vergessen hat. Und der geheime Kuss in Mrs. Darlings Mundwinkel, den niemals jemals bekommen kann. Ja, ich gestehe: ich mochte Buch und Theaterstück immer sehr.

Nur, dass sich, je mehr ich mich damit beschäftigt habe, ein immer tieferes und tieferes Unbehagen bei mir eingenistet hat. Hauptsächlich aus drei Gründen, von denen mir aber zwei lange Zeit nicht wirklich bewusst waren.

Der erste Grund ist einfach: die Frauenfiguren, allen voran Wendy. Da kommt sie also in dieses magische Reich in ein Team von Lost Boys, die Piraten bekämpfen und sich mit Indianern anfreunden und Abendteuer erleben bis zum Exzess… und was tut Wendy? Sie spielt mit Begeisterung das Hausmütterchen, stopft die Socken und muss alle fünf Minuten einmal gerettet werden. Ahem.
Dann ist da Tiger Lilly, die zwar nominal cool ist (weil furchtlose Kriegerin des hiesigen Indianerstammes etc.pp.), aber deren denkwürdigster Auftritt im Buch auch daraus besteht, dass sie von Pan gerettet werden muss. Hauptsächlich deshalb, weil sie es auf einer gottverdammten Insel niemals für nötig befunden hat, schwimmen zu lernen.
Und dann ist da schließlich noch Tinker Bell, die zwar einen Bonus dafür bekommt, ausnahmsweise einmal umgekehrt Pan zu retten – aber erst, nachdem sie zuerst einmal in typisch weibischer Manier versucht hat, Wendy aus Eifersucht mit einem Komplott ums Eck zu bringen. Aaa-ha.

Aber an Frauenfiguren kann man ja feilen, dass allein konnte es nicht sein, was mein tiefes Unbehagen ausgelöst hat. Der zweite Grund wurde mir richtig klar, als ich neulich einen Blogeintrag von Ursula Vernon über dieses Thema gelesen hab.

„I wanted to grow up.

Childhood, far as I was concerned, was for the birds. You were smaller and weaker and had no money and no power and no agency and you were stuck in school with people who were not very interesting, but whom you were expected to get along with because…err…you were the same age or something. (My mother, to her eternal credit, did not try to convince me that school was a glorious and wonderful experience and the best years of my life–she simply nodded glumly and said “Yep. College will be a lot better, I promise. Until then, just hang on as best you can.”) I wanted no truck with childhood. As far as glorious Victorian ideals of innocence and wonder go, I felt that you could stuff it, although I was a very polite and shy child and would never have said anything of the sort.

Thought it a lot, though.

The notion that someone would not want to grow up struck me as the sort of idiocy that only adults would come up with. Bear in mind that most of my reading material at the time was Star Trek novels and Robin McKinley and Pern and The Hobbit. These were grown-ups, or close to, and they had problems like plagues and dragons and warfare and exploding dilithium crystals. I wanted to do THAT. Give me a sword or a tricorder or a dragon (preferably bronze, thank you very much) or at least a fire lizard, and you could keep your not-growing-up crap.“
Quelle: http://ursulav.livejournal.com/1471827.html

Du meine Güte!, denkt Klein-Sarah: Da ist ja großflächig was wahres dran! Ich kann mich nicht erinnern, dass ich während meiner gesamten Kindheit einmal gedacht hätte: „Ooooh, wie schön! Das macht Spaß, wenn man in Buchhandlungen mit den Verkäufern streiten muss, weil sie einem keine Bücher für Erwachsene verkaufen wollen, weil man angeblich noch zu klein dafür ist! Ja, genau, ich warte gerne noch viele Jahre darauf, bis ich selber entscheiden darf, was ich anziehen soll und wann ich ins Bett gehen muss! Yippidi-yay!“
Zugegeben, ich hätte die Sache vielleicht ein wenig anders gesehen, wenn mir klar gewesen wäre, dass Erwachsen-Sein auch so entzückende Dinge wie Steuererklärung, Zahnarzttermine-selbst-Ausmachen und UID-Nummern beinhaltet, aber als Kind hab ich nur davon phantasiert, wie grandios das wird, sobald ich die ersten weißen Haare habe und mich alle ernst nehmen müssen.*
Das ewige Kind – das ist keine Phantasie von Kindern, die nicht erwachsen werden wollen. Es ist die Phantasie von Erwachsenen, die es bereuen, jemals erwachsen geworden zu sein. Ganz was anderes.

Der dritte Grund, warum mir Peter Pan eigentlich ziemlich unheimlich ist, ging mir in seiner vollen Schönheit erst wirklich auf, als ich anfing „The Child Thief“ von einem Herrn namens Brom** zu lesen, einer ziemlich gruseligen (und wunderschönen) alternativen Peter-Pan-Version, in der er sich der Frage widmet: „Wohin verschwinden die überflüssigen Lost Boys?“

Im Nachwort äußert er sich dazu nämlich wie folgt:
„Here is a quote from the original Peter Pan: ‚The boys on the island vary, of course, in numbers, according as they get killed and so on; and when they seem to be growing up, which is against the rules, Peter thins them out; but at this time there were six
of them, counting the twins as two.‘
Thins them out? Huh? What does that mean? Does Peter kill them, like culling a herd? Does he send them away somewhere? If so, where? Or does Peter just put them in such peril that the crop is in need of constant replenishing?“

Da hat er einen hervorragenden Punkt, der gute Mann. Irgendwas ist faul im Lande Nimmerland.

*Okay, die ersten weißen Haare sind da und es nimmt mich immer noch niemand ernst, aber das war eine Fehlkalkulation, von der ich damals wirklich nichts ahnen konnte.

**Brom. Nur Brom.

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Eine Antwort zu Über Peter Pan

  1. Razorback schreibt:

    Da hast Du doch Deine Geschichte. 😀 ADAPTION! Du bist frei!

    Wann übrigens bist Du erwachsen geworden? Ich frage das, weil ich ja nun deutlich älter bin als Du, und immer noch nicht erwachsen. Anders als früher, klar, verändert. Aber so erwachsen wie ich mir als Kind die Erwachsenen vorgestellt habe? Nein…

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