Das existentialistische Christkind

Sodale. Jetzt endlich so gut wie alle Weihnachtsgeschenke beieinander – eines muss ich noch finden und eines schreiben, dann bin ich fertig für dieses Jahr.

Dass ich zu Weihnachten ein… nun, sagen wir mal, zwiegespaltenes Verhältnis habe, daraus hab ich nie ein wirkliches Hehl gemacht. Als ich einmal im Gymnasium gebeten wurde, für die besinnliche Schulweihnachtsfeier ein besinnliches Gedicht in besinnlicher Stimme vorzutragen, hab ich etwas vorgelesen, das ausschnittsweise so klang:

„Im Oktober Nikolaus und Lichterketten,
im November Punsch und „Stille Nacht“.
Den Weihnachtsmann, den fetten,
säh’ ich am liebsten umgebracht.

Stell Kekse, Milch- die mag er so-
vor den nagelneuen Kunstkamin.
Kommt er dann und schreit „Ho! Ho!“
dann wart ich schon, dann hab ich ihn!“

Ganz abgesehen davon, dass ich als Atheistin natürlich auch mit der ganzen Kindlein-in-Betlehem-Nummer eher herzlich wenig anfangen kann. Folglich hab ich Weihnachten, aka KmB (Konsumfest mit Baum), immer mit Hingabe gehasst.

Versteht mich nicht falsch, ich bin immer noch kein großer Fan von dem Getöse und wenn nie wieder auf der Welt ein einziges überzuckertes Porzellanengelchen mit fetten Wangen hergestellt werden und wenn jedes einzelne Weihnachtsmannkostüm auf dem Planeten spontan in Flammen aufgehen würde, dann wäre ich wahrscheinlich sehr beschwingt.

Allerdings habe (mit meiner wachsenden Weisheit, wohlgemerkt) mittlerweile eine zumindest etwas weitere Perspektive zu dem Thema entwickelt. Das nicht zuletzt durch eine nette kleine Winterdepression dieses Jahr, eine Erfahrung, die ich jedem Schreiberling wärmstens ans Herz legen kann.* Dieses reizende Experiment mit Sarahs Hirnchemie hat unter anderem dazu geführt, dass ich instinktiv angefangen habe, den Winter mit seinen trüben Himmel und dem Lichtmangel als Bedrohung wahrzunehmen, weil der kleine Höhlenmensch in mir gelernt hat: „Zu wenig Sonne kann dir schaden.“

Fogllich hatte ich bezüglich Weihnachten neulich ein ziemliches Aha-Erlebnis. Wenn ich euch jetzt erzähle, was ich kapiert habe, werdet ihr lachen und sagen: „No na ned. Darauf kommst du als anthropologisch halbwegs gebildeter Mensch erst jetzt?“ Klar wusste ich das alles schon längst auf intellektueller Ebene – aber kapiert, wirklich kapiert, habe ich es eben erst jetzt.
Nämlich die Erkenntnis, dass Weihnachten absolut Sinn macht. Es ist völlig logisch, dass so viele Kulturen Feste für die unwirtlichste, kälteste Zeit des Jahres entwickelt haben, bei denen es darum geht, Feuer anzuzünden, Licht zu machen, viel und gut zu essen, mit den Liebsten zu kuscheln.** Es ist unsere Art der Welt zu sagen: „Ja, wir sind noch hier. Nein, dieser Winter wird uns nicht umbringen, wie sehr er es auch versucht. Wir haben Vorräte und Feuer und gute Gesellschaft, da können die Wölfe ruhig um das Dorf schleichen. Wir werden im kommenden Frühling auch noch da sein.“
Weihnachten und alle anderen Feste um diese Zeit erklären sich fast von selbst, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, wie leicht man noch vor ein paar hundert Jahren das Ende des Winters nicht erlebt hat, wenn die Ernte nicht gut war oder der Frühling nicht und nicht kommen wollte.

In einem der kraftvollsten Gedichte der Literaturgeschichte heißt es (wenn auch in völlig anderem Kontext, wohlgemerkt): „Rage, rage against the dying of the light.“
Genau das haben Menschen immer schon instinktiv getan: Gerade dann, wenn der Tod schon hüstelnd und mit drei Schneestürmen im Gepäck vor der Tür steht, erklärt man sich dem Leben, trotzig und laut und mit gebleckten Zähnen.
Wir können vielleicht nicht verhindern, dass es dunkel wird und die Tage kürzer – aber wir können der Dunkelheit sagen: „Komm ruhig. Wir haben keine Angst vor dir.“

*Allen anderen, die nicht zu berufsbedingter morbider Neugier neigen, allerdings eher weniger.

**Euphemismus oder nicht, das könnt ihr euch hier wirklich aussuchen.

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