Von Snöcken und Vokabeln

Mütterchen hat sich einen ziemlich archaisch wirkenden Kasten gekauft, mit dem sie die alten Videobänder aus unserer Kindheit abspielen kann: Klein-Sarah bei der Entdeckung des Gehens, Klein-Jo bei der Entdeckung des Feuers, Klein-Michi bei enthusiastischen der Entdeckung des Puddings… ihr wisst schon.

Mutter findet das ganze ausgesprochen herzig und herzerwärmen und herzsonstnochwas, ich hingegen leide ein wenig unter der vokabel-beschränktheit der Mini-Sarah am Bildschirm.

EXT. GARTEN – TAG
Klein-Sarah tritt auf. Rennt dreimal blöd im Kreis. Erspäht etwas am Boden. Stürzt sich darauf und hält es stolz in die Kamera.

MINI-ME
Saaaau, Mutti! Ein Snöck!

Mutter: Schau, warst du nicht lieb?
Sarah: Ich hab dich damals MUTTI genannt?!?
Mutter: Und du hattest diesen süßen S-Fehler.
Sarah: Gar nicht wahr.
Mutter: Ein Snöck?
Sarah: Du verstehst das falsch – ich wollte mitnichten ‚Schnecke‘ sagen und bin daran gescheitert, sondern ich habe damals die gezielte Absicht gehabt, die Schnecken-Unterart des Snöck zoologisch korrekt zu benennen. Der lateinische Name ist im Übrigen Helix pomatia snöckilis, falls es dich interessiert.
Mutter: Genau.
Sarah: Doch, doch. Die wenigsten Leute können Schnecken und Snöcken auseinanderhalten, dabei ist es ganze einfach, wenn man auf gewisse Details bei der Zeichnung der Häuser achtet. Und natürlich haben männliche Snöcken ganz winzige Geweihe.
Mutter: Sicher.
Sarah: Doch, doch, doch! Das ist natürlich ziemlich blöd, wenn sie sich bei Gefahr schnell ins Haus zurückziehen müssen und dauernd mit dem Geweih hängen bleiben, dafür aber sind sie in der Brunftzeit ein toller Anblick. Schon mal gesehen, wie zwei Snöckenbullen auf einander zuspreschen wie zwei Wasserbüffel, nur in Zeitlupe? Sehr faszinierend.
Mutter: Jetzt erzähltst Geschichteln.
Sarah: Überhaupt nicht wahr!*

Abgesehen von der Tatsache, dass ich als Kind den schon erwähnten S-Fehler hatte, sind diese Kindheitsvideos ein seltsames Erlebnis. An die meisten der Szenen kann ich mich bewusst nicht mehr erinnern, aber beim Anschauen steigen immer wieder ohne ohne Vorwarnung extrem lebendige sensorische Erinnerungen auf – wie das Holz unseres alten Küchenkasten gerochen hat, welche Struktur das Haar einer bestimmten Puppe hatte, wie sich dieser Pullover auf der Haut angefühlt hat oder wieder Refrain von einem Kinderlied geht, von dem man im Video nur die erste Strophe hört. Ich sehe im Video das Bild von einer zweijährigen Sarah, die in einem Museum ehrfürchtig vor einem Bosch-Gemälde herumkrabbelt und könnte zwar nicht einmal sagen, in welchem LAND das ganze spielt – aber ich weiß mit absoluter, vollkommener Sicherheit, dass wir diesen spezifischen Museumsraum durch eine Tür rechts des Bildausschnittes betreten haben.

Andere Szenen kommen ohne Gerüche und Geräusche, dafür mit Emotionen, die ich zuerst nicht einmal einordnen kann, weil mein Erwachsenen-Ich sie schon so lange nicht mehr gebraucht hat und für die es keine richtigen Vokabeln gibt – oder wenn, dann nur in dieser seltsamen Sprache aus Gurren und Klicken, die ich schon längst verlernt habe und in der es wahrscheinlich hunderte großartiger Wörter gibt, die mir jetzt beim Schreiben bitter abgehen.

Ich hab eine kleine Liste von Vokabeln erstellt, die ich gerne hätte:

Ui-ui-ui-die-Welt-ist-ja-noch-größer-als-gedacht (kann sich von Erkenntnissen wie ‚Das sind also Bananen?‘ bis zu ‚Was soll das heißen, die Menschheit ist sterblich?!?‘ erstrecken.)

Offensichtlich-stehe-ich-im-Zentrum-des-Universums-und-alle-sind-dazu-da-um-mich-zu-lieben (Ich bin die älteste, war anderthalb Jahre lang ein Einzelkind – und auch das einzige Kleinkind im gesamten Familien- und Bekanntenkreis. Da kommt man auf solche Ideen.)

ich-habe-in-meinem-Leben-noch-nie-etwas-von-Kalorientabellen-gehört-und-werde-jetzt-lautstark-noch-eine-Kugel-Eis-einfordern-ohne-mich-dafür-im-geringsten-zu-hassen

Mama-und-Papa-wissen-alles-können-alles-sind-allgemein-Übermenschen

Vorschläge, Leute: wie könnten die Vokabeln lauten? Und was fehlt in der Liste noch?

*Doch, ich gestehe, ich habe gelogen – Snöcken sind natürlich wie ihre Schnecklichen Verwandten Zwitter und statt Duellen aufs Tod liefern sie sich lieber wilde Orgien. Wofür sie die Geweihe in Wirklichkeit brauchen… nun, das hat sich noch kein Wissenschaftler nachzufragen getraut.

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Eine Antwort zu Von Snöcken und Vokabeln

  1. brigitte schreibt:

    Der-Moment-in-dem-sich-die-Angst-mit-der-riesigen-Kinderbettdecke-in-der-Hand-allein-durchs-Wohnzimmer-und-die-Leiter-ins-Elternhochbett-hinaufzumüssen-in-der-Wärme-unter-den-Elterndecken-auflöst-wenn-am-die-kalten-Füße-druntersteckt.

    Die-Ungeduld-auf-den-Tag-und-das-völlige-Unverständis-für-den-sturen-Erwachsenenwunsch-am-Wochenende-länger-als-bis-sieben-zu-schlafen.

    Angst-im-Baumarkt-oder-am-Berg-wenn-der-Vater-aus-Ungeduld-oder-Unachtsamkeit-um-die-nächste-Regalecke-oder-hinter-den-nächsten-Felsen-vorausgegengen-ist-da-es-ja-völlig-klar-ist-dass-man-in-dieser-feindlichen-Umgebung-niemals-allein-überleben-können-wird.

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