Leben, Lernen und der ganze Rest

Die Absinthkekse haben im Büro nicht besonders lange überlebt, folglich wird das Rezept fix ins Repertoire aufgenommen.

Es ist ja erstaunlich, wie lange ich für gewisse Erkenntnisse brauche, ob derer ich mir dann im Nachhinein mit Nachdruck ans Hirn greife. Eine dieser Erkenntnisse ist das Wissen, dass ich mich selber arbeitsmäßig nur bis zu einer bestimmten Grenze treiben kann, bevor sich das Universum rächt.
Ja, ich kann nach einem Tag im Büro heimkommen und noch ein paar Stunden auf eigene Faust plotten oder Rechercheliteratur wälzen. Ja, ich kann das Wochenende durchmachen und auf Schlaf verzichten. Ja, ich kann während der Dauer eines Projektes, zwei, drei Monate lang meine Freunde ignorieren, nur projektbezogene Bücher lesen und darauf verzichten, irgendetwas nicht-projektbezogenes zu schreiben, einfach nur zum Spaß.
Wirkt für einen Deadline-phobiker und Workaholic wie mich auf den ersten Blick wie eine gute Idee. „Wenn die Deadline vorbei ist“, hab ich mir immer gesagt: „Dann kann das Leben ja wieder weitergehen. Das wartet schon auf dich.“

Sehr clevere Sarah. Keine Möglichkeit, wie DAS schiefgehen könnte. Die Ironie dahinter nämlich gleich eine zweifache: Erstens, weil ich das letzte Mal, ich völlig deadlinefrei war ich innerhalb von Tagen komplett desperat ob meiner ziel- und nutzlosen Existenz durchs Haus gewandert und vor Erleichterung fas Tränen ausgebrochen bin, als endlich der nächste Stressfaktor aufgetaucht ist. Und zweitens, weil ich durch die Leben-aufs-Wartegleis-Stellen-und-nur-für’s-Projekt-existieren-Taktik auch nicht mehr schaffe. Klar, kann ich zwei Monate lang durchgehend schreiben – dafür bin ich danach aber so ausgebrannt, dass ich weitere zwei Monate keine einzige brauchbare Zeile aufs Papier bringe. Geht sich mathematisch nicht ganz aus.

Was ich momentan also ausprobiere, ist der sehr neue Ansatz, gnädiger zu mir selbst zu sein. Obwohl der Abgabetermin in fünf Monaten wieder einmal dräulichst dräut, zwinge ich mich trotzdem dazu, am Abend aus dem Büro heimzukommen und NICHTS Sinnvolles zu machen. Ich lese stattdessen einen schundigen Horroroman mit kanadischen Zombies drin. Ich telefoniere mit meiner Mutter, skype mit Razor oder gehe mit den Enten ins Kino. Ich koche etwas, gehe laufen oder mache ein Stündchen Yoga. Alles, nur keine Arbeit. Und, oh Wunder, wir kommen trotzdem nicht langsamer voran als sonst, vielleicht sogar ein winzges bisschen schneller, weil ich am nächsten Morgen nicht völlig verkrampft vor den Pinnwänden sitze. Weil mein Hirn Zeit hatte, sich zu entwirren, ein wenig von der Geschichte zu distanzieren, Dinge neu anzuschauen. Es ist mehr Energie da, um damit auf die diversesten Plotprobleme einzuprügeln, und ein längerer Atem, wenn etwas nicht funktioniert.*
Und vor allem: ich habe zum ersten Mal seit langem das Gefühl, dass ich mein Leben nicht völlig pausiert habe, auf später verschoben wie eine kuriose Besorgung, die ich mal irgendwann in einer Mittagspause zu erledigen gedenke.

Okay, zugegeben, ich hab dreiundzwanzig Jahre gebraucht, um das grandiose Konzept ‚work hard, play hard‘ zu entdecken. Aber ich hab auch nie behauptet, dass ich besonders clever bin.

*Für die Szene-für-Szene-Plotterei, die wir gerade machen, scheinen im übrigen fünf Stunden am Stück das Maximum zu sein: das ganze ist hirnmäßig so intensiv, dass wir danach beide komplett gerädert sind und uns vage nach einem Aspirin sehnen. Schreiben selbst geht problemlos zehn, zwölf Stunden hintereinander, weil man sich immer nur auf den nächsten Satz, auf die nächste Geste konzentrieren muss. Das Planen aber, das Bögen-Spannen und Grundfesten-legen, das geht viel schneller an die Substanz. Auch schräg.

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2 Antworten zu Leben, Lernen und der ganze Rest

  1. Dirk schreibt:

    „Was ich momentan also ausprobiere, ist der sehr neue Ansatz, gnädiger zu mir selbst zu sein.“

    BRAVO!!! Es gibt schon genug Menschen, die von ihrem eigenen Perfektionismus zugrunde gerichtet wurden, sehr beruhigend zu lesen, dass du auch mal an dich selber denkst!

    Herzlich

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