Hol!

Die Überschrift, beste Freunde, ist kein Imperativ, sondern Klingonisch. Nachdem das Fräulein Brigitte dankenswerterweise auf entsprechende Anfrage des Herrn Razors Übrsetzungsmöglichkeiten geliefert hat, dachte ich, es ist nur recht und billig, gelegentlich Klingonisch zu überschrifteln. Man will ja sein Publikum nicht enttäuschen.

Wenn wir grad beim Thema sind: ich hatte neulich wieder mal einen Moment, der mich dran erinnert hat, warum Sprache die eine große Liebe meines Lebens ist. Dazu muss ich ein wenig ausholen…

Die HBO-Serie ‚Game of Thrones‘ erfreut mein Herz mit verworrenem Ränkespiel, qasi-dschingiskahnesken Reitervölkern und schwerbewaffnetem Weibsvolk. Folglich deuchte es mich in einem Moment der Hirnzermürbung wie eine treffliche Idee, mir doch auch einmal den ersten Band der Buchreihe zu besorgen.

Bisher hab ichs noch nicht bereut. Die Prosa kommt zwar meist solide, aber recht unscheinbar daher… aber von Zeit zu Zeit finden sich darin solche Sätze:

„It was said that [his] little girl had cried as they dragged her from beneath her bed to face the swords.“

Womit wir beim Thema wären, nämlich der allgemeinen grandiosität von Sprache. Auf den ersten Blick ist das da kein besonders poetischer Satz – und trotzdem bin ich dran hängen geblieben, weil er bei mir viel stärker nachgeklungen hat, als eine einfache Meuchel-Mitteilung es eigentlich tun sollte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat er mich fasziniert – und sicher nicht wegen des doch eher unerquicklichen Kindermord-Inhalts. Ich hab fast eine Stunde gebraucht, bis mir klar wurde, dass die Wirkung rein an der Formulierung liegt.

Er hätte ja auch einfach
„It was said that [his] little girl had cried as they dragged her from beneath her bed to kill her.“
oder
„It was said that [his] little girl had cried as they dragged her from beneath her bed to cut her throat.“
oder
„It was said that [his] little girl had cried as they dragged her from beneath her bed to stab her.“

schreiben können, oder sonst etwas aus dem fast unendlichen Fundus von Vokabeln, die Menschen für das Murksen anderer Menschen so erfunden haben.

Aber der Autor hat sich für ‚to face the swords‘ entschieden, und das allein macht den Satz so potent. Die Formulierung impliziert Courage oder zumindest Resignation – sich den Schwertern Stellen, dem Tod ins Gesicht schauen. Dinge, die man nicht von einem kleinen Mädchen erwarten kann, die man gerade schreiend unter ihrem Bett hervor gezerrt hat. Das arme Ding ist also nicht nur in der unerfreulichen Situation, dass ihr gleich der Kopf abgeschlagen wird – nein, man verlangt auch noch eine erwachsene Haltung von ihr, für die sie zu klein ist. Das betreffende Kind ist die Tochter eines abgesetzten Regenten, also wird allein durch die Formulierung aus dem Kindsmord eine Hinrichtung – umgebracht wird nicht das Kind, sondern die Erwachsene, die sie hätte sein können.

Vier Wörter gut ausgewählte Wörter und schon tut sich eine ganze Sekundärliteratur an zusätzlicher Bedeutung auf. Sprache, meine lieben Freunde, ist eine unsäglich famose Sache.

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4 Antworten zu Hol!

  1. Mountfright schreibt:

    Stimmt, Sprache ist etwas Berauschendes. 🙂

    Dennoch glaube ich, Du interpretierst hier zu sehr vom Opfer aus. Wenn Du schon mit einer Kriegersprache einleitest: Für den Krieger bedeutet der Tod des Feindes normalerweise einen Zugewinn an Ruhm und Ehre, nichts, wofür man sich rechtfertigen müßte. Wenn man allerdings über einen Krieger sagt, er habe ein kleines Mädchen getötet… nun, das ist nichts, mit dem er sich gut brüsten kann. Würde man also sagen:

    „(…)[his] little girl had cried as they dragged her from beneath her bed to kill her.“

    Wäre das ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass „They“ sich da nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Oder der, der sie geschickt hat. Sagt man aber:

    „(…)to face the swords.”

    dann klingt das wenigstens ein wenig nach Kampf und nicht ganz so peinlich für die beteiligten Krieger. Es soll die Tat also meines Erachtens (und ich kenne nur das Zitat, nicht die Geschichte!) nicht rechtfertigen, sondern ihr den Makel nehmen, der sonst an den Mördern haften würde. Ich vermute, das Kind wurde auf Befehl getötet. Mehr Rechtfertigung werden die Täter nicht brauchen.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    NOCH eine Facette! Genau das mein ich – man kann an dem Satz heruminterpretieren, dass es eine Freude ist . Sprache ist einfach nett. (Nachdem der Satz aus der Sicht von jemandem ist, der von der Tat extrem angeekelt ist, aber auf der Seite der Täter stand, würd ich sagen: beide Deutungen möglich.)

  3. Mountfright schreibt:

    Wenn er von der Tat angeekelt war ist sogar noch eine weitere Definition möglich: Ironische Überhöhung bzw. Zynismus. Wer hat das gesagt, der Charakter von Peter Dinklage? (Habe gestern zum ersten Mal reingesehen).

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    Nope, Sean Bean. Der Charakter verfügt allerdings über ungefähr soviel Zynismus wie ein totes Eichhörnchen. (Während ich ein bei der Serie ein großer Dinklage-Fan bin – spielt halt kaum jemand zynisches Selbstmitleid so gut wie der Typ.)

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