Von Schneewittchens Stiefmama

Nachdem in nächster Zeit gleich zwei Schneewittchen-Verfilmungen ins Kino kommen, kann ich’s ja zugeben: ich hab die böse Stiefmutter immer sehr geschätzt. Als Kind war ich immer schwer enttäuscht, wenn sie am Ende des Märchens WIEDER verloren hat. Dass sie mir von allen Grimm-Figuren die Liebste war, hat insgesamt drei Gründe…

1. Mit ihrer Apfel-Nummer (und dem vergifteten Kamm, den Disney so schändlich unterschlägt) hat sie natürlich dem Teil von mir imponiert, der sich heute seinen Lebensunterhalt mit Krimiautorin verdient. Gift als Mordwaffe hat einfach eine archaische Schönheit.

2. Die böse Stiefmutter eignet sich als Rollenvorbild viel mehr als das doofe Schneewittchen, dass sich alle fünf Minuten retten lassen muss und zu blöd ist, EINMAL auf die Zwerge zu hören. „Iss nichts, was dir Fremde anbieten – vor allem, weil deine meuchellüstige Schwiegermami da draußen herumrennt“ ist jetzt nicht so schwer zu kapieren, oder? Die böse Königin auf der anderen Seite… okay, sie ist böse, zugegeben, aber sie ist eine erwachsene Frau, die genug Autorität über ihre Untergebenen hat, um sogar Morde zu befehlen, die sich mehrere recht clevere Mordpläne ausdenkt UND die zaubern kann. Welche halbwegs vernünftige Dreijährige würde sich unter solchen Bedingungen lieber das dümmliche Schneewittchen als Rollenvorbild aussuchen? Eben.

3. Je älter ich werde, um so mehr hab ich mich allerdings im Verdacht, dass das, womit ich am meisten sympathisiert hab, das Motiv der bösen Königin war. Nicht den ganzen Schönheitsfimmel*, das nicht – aber ich hab absolut verstanden, warum man jemanden aus Eifersucht umbringen will. Immerhin hatte ich damals grade frisch einen kleinen Bruder bekommen, der plötzlich überall im Mittelpunkft stand und den alle so viel interessanter fanden als mich. Ich war brennend, um nicht zu sagen: mordlüstern, eifersüchtig auf ihn.**

Ein Überlieferter Dialog aus dieser Phase lautet ungefähr so:
Wohlmeinender Erwachsener: „Sarah, wie geht’s denn dem Jo?“
Klein-Sarah: „Der weint viel.“
Wohlmeinender Erwachsener: „Warum?“
Klein-Sarah: „Weil ich ihn dauernd haue.“

Ehrlich, dass Jo** seine frühe Kindheit überlebt hat, liegt ausschließlich daran, dass ich damals keinen Zugriff auf arsenhaltige Granny Smith hatte.

Warum erzähl ich das alles? Hauptsächlich, weil bei den Trailern zu beiden Schneewittchen-Streifen aufgefallen ist, dass der Fokus mitnichten auf Schneemädi liegt – sondern eben bei der bösen Königin. Was in mir den Verdacht aufkommen lässt, dass ich wahrscheinlich nicht die einzige bin, deren kindliche Sympathien nicht völlig moralisch einwandfrei verteilt waren.

*noch dazu, wo ich die böse Königin in meinem Bilderbuch viel schöner fand – groß und düster und bleich und in wallenden blutroten Gewändern – als das Schneegör.

** Ich hab ihn grade angerufen und gefragt, was damals SEINE Lieblingsmärchenfigur war. Er hat gemeint, das waren die sieben Zwerge. Weil die so produktiv waren.Für ihn war es die Geschichte von sieben hart arbeitenden Kleinwüchsigen, die nur ungestört Kapital anhäufen wollen und dabei dauernd von zwei kebbelnden Weibern gestört werden.

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2 Antworten zu Von Schneewittchens Stiefmama

  1. Jürgen schreibt:

    Klar. In meiner Jugend gab es keine Fans von Luke Skywalker, aber von Darth Vader!

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