Von einer Frau mit bunten Haaren

Vor ein paar Jahren habe ich für einen befreundeten Regiestudenten einen Kurzfilm namens ‚Todesnachrichten‘ geschrieben. Ich wollt eigentlich gar nicht ans Set, weil ich damals ziemlich krankhaft schüchtern war – der Gedanke, mit lauter fremden Leuten reden zu müssen, war genug für Schweißausbrüche und Herzrasen. Dass ich mich doch zu einer Stippvisite überreden hab lassen, war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Auf diesem Set war nämlich auch eine Frau mit leuchtend bunten Dreadlocks und einem riesigen Rucksack voll Schminkzeug, einer großen Klappe und einer Allgemeinbildung von der Größe des Mount Sinai. Ich war auf der Stelle höchst hingerissen. Sie dagegen hielt mich auf der Stelle für ein arrogantes Miststück – weil ich nur den Regisseur und den Hauptdarsteller begrüßt hab, nicht aber den Rest der Crew. In Wahrheit war ich natürlich nur viel, viel, viel zu feig dazu. Fremde Leute und so.
Irgendwie sind wir dann aber doch ins Gespräch gekommen, beispielsweise darüber, warum Terry Pratchett ein Gott ist und wie Haneke klingen würde, wenn er den Tod in Jedermann spielen würde. Nach fünf Minuten haben mir mein Ich, Es, und Über-Ich geschlossen mitgeteilt, dass wir diese Person dringen behalten müssen. Ganz dringend. Die Drohung stand offen im Raum: wenn ich es nicht irgendwie schaffe, mich mit der Frau anzufreunden, dann redet mein Unterbewusstsein ein ganzes Jahr lang nichts mehr mit mir.

Hab ich das mit der krankhaften Schüchternheit schon erwähnt? Einfach zu sagen: „Du, wie wär’s, wenn wir mal auf einen Tee gehen?“ war damals für mich ungefähr in einer Kategorie mit „Du, ich werd mir mal schnell Flügel wachsen lassen, eine Runde um den Stephansdom fliegen und dann den Weltfrieden einläuten.“ Das GING einfach nicht. Was aber ging, war, über die Arbeit zu reden -und ich hatte zufälligerweise gerade das Drehbuch für meine Regieübung dabei, ein fünf-Minuten-Ding, das jeder an der Filmakademie im dritten Semester drehen muss. Also hab ich es der coolen Frau mit den Dreadlocks in die Hand gedrückt und dabei etwas gemurmelt, dass wohl sehr wie: „Also, eventuell, ich such da auch noch eine Maskenbildnerin, also, wenn du Lust hast, eventuell, also, ich mein nur, es geht um Hamlet und der muss geschminkt werden und…also nur, falls dir grad wirklich fad ist und…“
Sie hat bei dem Projekt dann wirklich Maske gemacht und mir (mittels Hamlet-Kostüm und Dodos und Klingonischen Spruchbänden und wasweisich) multipel das Leben gerettet.

Die hamletsche Lebensrettung ist jetzt fast ein halbes Jahrzehnt her, ihre Deadlocks haben in der Zwischenzeit mehrmals die Farbe gewechselt, aber die coole Frau mit Schminkzeug ist immer noch ausnehmend cool. Wir schaffen’s nicht oft genug ins Kaffeehaus, was etwas damit zu tun haben könnte, dass wir momentan in verschiedenen Ländern wohnen – aber WENN sie mal in Österreich ist, dann sollte eigentlich von Rechts wegen die Flaggen über dem Parlament gehisst werden, weil der National-IQ gerade um ein Stück nach oben gerutscht ist.
Sie hat da diese Angewohnheit, dass sie manchmal vor einem Satz eine kleine Pause macht, in der sie alles noch einmal durchdenkt… und dass sie dann etwas sagt, was so gescheit und schräg und blickwinkelig-seltsam ist, dass einem die Luft wegbleibt. Und dann ist sie obendrein auch noch so lieb und schön und sarkastisch, dass man sie dafür eigentlich hassen müsste, wenn man sie nicht so mögen würd.

Alles Gute zum Geburtstag, Brigitte. You rule.

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4 Antworten zu Von einer Frau mit bunten Haaren

  1. Mountfright schreibt:

    Wow – was für eine Hommage. 🙂 Herzlichen Glückwunsch und ein gutes neues Lebensjahr nurübersnetzbekannterweise. 😉

  2. Brigitte schreibt:

    Wow. Danke. Ähm. Danke. Unpraktisch nur, dass die Frau nicht adäquat antworten kann da halt mehr Schminkzeug und weniger Schreibtalent. Aber sie sitzt seit 20 Minuten vor dem Rechner und freut sich und verflucht die Tatsache, dass sie dich nicht knuddeln kann und ist dem Tag und dem Dag, die dieses Kennenlernen ermöglicht haben immer noch unglaublich dankbar dafür. Und dem Unterbewusstsein, dass offenbar zu meinen Gunsten intrigiert hat. Richt dem doch bitte liebe Grüße aus, auch. Und ähm. Und danke.

  3. Brigitte schreibt:

    Ausnehmend schön! Barilla-Kriege: 1:0 für mich, bisher.

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