Writers abroad

So, für einen Tag wieder in Wien. Bruder Michi und seine Freunde haben einen langstehenden Ansprunch auf das Vorarlberg-Haus für diese Woche, und den Groll und mich deuchte, dass es dem Schreiben ein winziges bisschen abträglich sein könnte, wenn wir es umgeben von etwa dreizehn frisch maturierten Jugendlichen tun. Außerdem könnten wir ja ein schlechter Einfluss auf sie sein und so.

Weil wir aber festgestellt haben, dass wir im Exil ziemlich produktiv sind und weil es in Wien immer noch wesentlich wärmer ist, als uns lieb ist, ziehen wir übermorgen weiter in die Steiermark. Den einen Tag Pause dazwischen gönnen wir uns, um mails zu beantworten, neuen Tee zu besorgen und unsere jeweiligen Lieben wissen zu lassen, dass wir wider erwarten noch am Leben sind.

Und nun, zu eurer allgemeinen Erheiterung, die vorarlberger Schreiberlings-Woche in sieben Akten:

1. Die Sache mit der Tupperware

Jacob sucht in der Speisekammer zwischen etwa sieben Kubikmetern Geschirr und Gerümpel nach Tupperware, um die frisch erworbenen Vorarlberger Bergkäse geruchssicher zu verstauen.
Rumpelrumpelrumpelrumpel…
Jacob: „Ha! Eine Spur!“
Rumpelrumpelrumpelrumpelknarz!
Jacob: „Ha! Das Geräusch des Triumphes!“
Rumpelschepperdischepperdischeper!
Jacob: „Das Geräusch des voreiligen Verkünden des Triumphes!“
Knirsch.
Jacob: „SIEG!“
Sarah: „Dir ist klar, dass ich mitschreibe, oder?“

2. Die Sache, bei der Sarah ÜBERHAUPT keine Angst hatte

Sarah geht Abends in den Keller, um den Boiler einzuschalten.

Sarah (denkt bei sich): Hm…ganz schon Dunkel hier unten. Wo ist denn der Lichtschalter…? Naja, wir finden’s auch im Dunkeln. Gut, dass ich nicht zu den Feignüssen gehör, die sich im Dunkeln fürchten. Das wär ja auch wirklich peinlich, wenn ich da Verstärkung holen müsst, weil ich mir beispielsweise selbst erfolgreich eingeredet hab, dass da irgendwo unterm Gerümpel eine Leiche liegt. Oder dass hinter der Tür dort eine gesichtslose alte Frau steht. Oder der Geist von Großtante Hilda, der mich zahnlos angrinst. Oder….

Zehn Sekunden später steht Sarah wieder in der Küche.

Sarah: „Ich brauch noch eine Taschenlampe.“
Jacob: „Hm.“
Sarah: „Und ich find den Boiler nicht. Komm schnell mal mit, ich brauch da ein zweites paar Augen.“
Jacob: „…“
Sarah: „Was?“
Jacob: „Sags einfach.“
Sarah: „Was soll ich sagen?“
Jacob: „Der Keller ist gruselig und du brauchst einen großen starken Mann, der dich beschützt.“
Sarah: „Schwachsinn.“
Jacob: Gibs einfach zu.
Sarah: „Ich hab vor gar nichts Angst.“



Sarah: „… aber da unten könnten Leichen sein. Wie wir die Wohnung von meiner Großtante ausgeräumt haben, haben wir drei serbische Pässe aus den Siebzigern gefunden und wir wissen bis heut nicht, was aus den Leuten geworden ist. Leichen sind komplett nicht auszuschließen. Und Geister nur bedingt. Da wär ich ja dämlich, wenn ich da ohne Verstärkung herumlauf, quasi unvernünftig, quasi Horrorfilm-Blondinen-Niveau! Als gebildete Kinogeherin kann ich das eigetnlich nicht verantworten! Reine Vernunft!“

Jacob grinst das grinsen, das eindeutig besagt, dass seine Co-Authorin diese Geschichte noch wirklich lang hören wird. Steht aber trotzdem brav auf, um ihr bei der Boildersuche beizustehen. (Bevor wir wieder in den Keller gehen, folgt eine kurze, aber lebhafte Diskussion, in der mich überredet, Schuhe anzuziehen. Ich bin der Meinung, die sind unnötig, weil untote Seelen selten zuerst die Füße angreifen. Er ist der Meinung, dass rostige Nägel und Tetanus das aber sehr wohl tun. Diskussionssieg nach Punkten für Groll im ersten Satz.)

Zwein Minuten später:

Jacob: „Das ist der ungruseligste Keller, den ich je gesehen hab.“
Sarah: „Ich weiß.“
Jacob: „Er ist aufgeräumt.“
Sarah: „Ich weiß.“
Jacob: „Und es gibt eine Tür nach draußen.“
Sarah: „Ich weiß.“
Jacob: „Und er hat Fenster. Welcher Gruselkeller, der irgendwas auf sich hält, hat FENSTER?“
Sarah: „Ich hab nie behauptet, dass es ein qualitativ hochwertiger Gruselkeller ist, okay? Man nimmt, was man kriegen kann.“

Sarah dreht sich um, um etwas zu inspizieren. Jacob greift im Dunkeln nach ihr.

Jacob: „Buuuu-huuuu!“
Sarah: „Das funktioniert nicht. Ein Geist hier würd aufVorarlbergisch stöhnen.“
Jacob: „Büh-hüüüle!“
Sarah: „Weniger blödeln, mehr boiler suchen. Außerdem kannst du dir das sparen, ich hab keine Angst.“
Jacob: „Okay, okay…. Wer ist eigentlich die alte Frau, die da hinter dir steht und dich so böse anschaut? Wohnt die hier?“

Sarah erstarrt. Atmet tief durch.

Sarah: „…. danke. Jetzt hab ich eine Woche Alpträume.“

Der Rest des Abends ist Witzen zum Thema ‚Ghostwriter‘ und ‚Du hast einen schmutzigen Geist‘ gewidmet, in allen nur denkbaren Varianten, die sich zwei angeheiterte Autoren so ausdenken können.

3. Die Stich-Statistik

Jacob: Zwei dezente Mückenstiche

Sarah: Siebzehn Mückenstiche, drei Bremsenstiche und ein Bienenstich, auf den hinauf ihr halber Rechter Fuß verdächtig hummerfarben wird, anschwillt und den Rest der Woche die zusammenarbeit mit Schuhwerk verweigert

4. Henne oder Ei

Sarah: „Ich muss schauen, ob ich den Schlüssel zum Hühnerstall find. Frische Eier und so.“
Jacob: „Woher weiß man, dass sie frisch sind?“
Sarah: „Ich nehm an, die Nachbarin holt sie sonst jeden Tag.“
Jacob: „Und wenn sie’s vergisst und die Alten da sind?“
Sarah: „Dann merkt man’s, wenn man das Ei schüttelt.“
Jacob: „Du meinst, weil dann jemand drin schreit: ‚Ey! Ich schlafe!“

6. Bore-gias

Wir hielten es eine verdammt gute Idee, abends zur Entspannung und Hirnauslüftung dvds zu schauen. Der große Planungsfehler dabei war aber, dass wir nur eine einzige dvd-box dabei hatten, nämlich „The Borgias“. Die Borgias enthält Jeremy Irons, aber leider auch NUR Jeremy Irons – und verzichtet auf Kleinigkeiten wie sinnvolles Drehbuch, kohärente Charakterentwicklung und jedwede Art von Regie. Besonders bemerkenswert im übrigen die Sexszenen, bei denen durchgehend gequasselt wird. Oder mitgezählt. Ernsthaft, die erörtern sich gegenseitig während dem Schna… Koitus die geneanologischen Finessen der neapolitanischen Thronfolgeproblematik und kommen nicht mal aus dem Rhythmus.

Am ersten Abend haben wir noch in der Art von Stille geschaut, die man einer neuen Serie aus reinem Respekt angedeihen lässt, weil sei eben eine neue Serie ist (und Jeremy Irons) enthält. Am zweiten Tag haben wir blöde Sprüche über Caesares Haare gerissen. Am dritten Tag haben wir lauthals die Dialoge mitimprovisiert und den Papst angeschrieen. Und am vierten Tag haben wir dann nur noch leise gewimmert und Dinge hingemurmelt wie „Bitte, BITTE sag mir, dass die zwei nur kuscheln“.

7. Peer Gynt

… und dann gabs noch den Moment, wo Jacob zu folgendem Soundtrack

Salami, Käse und Tomaten gegessen hat. Aber DAS ist in seiner ganzen Schönheit ohne eine Videokamera einfach nicht widerzugeben.

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2 Antworten zu Writers abroad

  1. Mountfright schreibt:

    Andere würden an jedem dieser Orte (also – Voralberg, Wien, Steiermark) eine Lesung halten und das ganze „Tournee“ nennen. 😀

    Sehr hübsch zu lesen, dass alles, nur – könntest Du dem Herrn Groll, wenn Du es schon nicht für Dich tust, in meinem Namen mal eben danken, dass er Dich vor Tetanus bewahrt während Deine Hauptsorge serbischen Geistern aus den 70ern gilt? Im Übrigen: Ich habe die 70er erlebt, Beste, und man sollte aus diesem Jahrzehnt nicht die Geister von Serben fürchten, sondern die von Friseuren und Musikschaffenden deutscher Zunge.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    a) Ich werd’s ihm ausrichten.
    b) Ja, aber was, wenn es untote serbische FRISEURE waren? Mit seltsamem Musikggeschmack? Dann wär ich defintiv nicht unbeschadet aus dem Keller gekommen.

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