Von erneuter Flucht und wahren Lügen

Keine 36 Stunden in Wien und schon wieder schwerstens die Schnauze voll davon – es ist heiß, das einzige überlebende Sauerstoffatom sitzt irgendwo in einem Bunker und bei jeder U-Bahnfahrt hat zumindest eine Fahrgast mit Tourette und/oder mangelnden Manieren dabei, der dir seltsame Dinge ins Ohr brüllt. Folglich treten wir morgen früh wieder die Flucht an, wie schon erwähnt in die Steiermark. Keine Ahnung, ob ich dort Internet haben werde – folglich, oh holdes Volk, sollte ich die nächste Woche schweigsam sein, so wundert euch nicht.

Ich bin im übrigen grad über ein ganz, ganz grandioses Zitat von Neil Gaiman gestoßen, aus seinem Gedicht “ A Writer’s Prayer“.

„Lord,
let me be brave. And let me, while I craft my tales, be wise.
Let me say true things in a voice that’s true,
and, with the truth in mind, let me write lies.“

Das ist so unendlich wahr, dass ich gar nicht anfangen kann, euch zu beschreiben, WIE wahr es ist. Gewisse Leute (aka der Groll) amüsieren sich gelegentlich darüber, dass ich Tage und Wochen damit verbringen kann, ein bestimmtes Faktum zu recherchieren… und dann im Drehbuch über genau dieses Faktum gnadenlos zu lügen, bis sich die Balken biegen.
Mein Argument ist dann immer, dass ich nicht das gerinste gegen eine gute Lüge habe*, sie im Gegenteil gelegentlich für absolut unabdingbar für eine gute Story halte. Aber wenn, dann muss sie ein absichtlicher Akt sein, weil es die Geschichte besser und wahrer macht, und nicht reine Unwissenheit. Eine ordentliche Lüge ist ein Stück Handwerk, da kann ich nicht einfach so holter-di-polter daherschwanern, mitnichten! Sonst könnt ich ja am Ende ganz aus Versehen etwas über die Welt erzählen, dass nicht nur erlogen, sondern vor allem falsch ist – und glaubt mir, oh Freunde, diese beiden Adjektive sind mitnichten austauschbar.

Ein Schreiberling darf dir ruhig das Blaue vom Himmel herunterlügen, wenn es die Geschichte braucht – aber dann hat er sich gefälligst vorher damit beschäftigen, bis er im Schlaf vierzig verschiedene Schattierungen von Blau unterscheiden kann, weiß, bei welcher Wellenlänge es im Auge entsteht und welchen Soziokulturellen Kontext es in der flämischen Malerei des 18. Jahrhunderts hatte.
Und wenn der Schreiberling das alles weiß und dir dann die abendteuerlichste, unerhörteste Lüge über Blau erzählt, die es nur gibt – dann muss am Ende etwas Wahres über den Himmel dabei herauskommen.

*seien wir uns ehrlich, es ist kein Zufall, dass die Schutzgötter der Geschichtenerzähler traditionell meistens auch die Schutzgötter der Gschichtldrucker sind

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