Socken und Traiskirchen

Als ich vier war, hat mich meine Mutter einmal im Einkaufszentrum verloren. Nun, ich sage ‚verloren‘, obwohl das Wort wesentlich mehr Fahrlässigkeit von ihr und weniger Prison-Break-Mentalität von mir impliziert, als in Wirklichkeit im Spiel war. Ich sollte wohl eher schreiben: als ich vier war, bin ich meiner Mutter im Einkaufszentrum entwischt. Sie wollte mit mir Socken* kaufen, ich hasste Socken, also bin ich getürmt.

Die ersten zweieinhalb Minuten kam ich mir extrem clever vor, allein in der Großen Weiten Welt. Gut, ich hatte nur ein Startkapital von drei Schilling und vierzig Groschen, aber ich war mir sicher, mit kluger Veranlagung würden sich das schnell mehren. Mir schwebte da beispielsweise ein Geschäftsmodell vor, dass den Ankauf von Brausepulver (das mit dem Matrosen drauf) in Großchargen von gleich drei Tütchen vorsah, die ich dann zu Wucherpreisen an Passanten weiterverkaufen wollte. Sobald ich mich dann in die luftigen finanziellen Höhen von zehn, nein, fünfzehn!, Schilling hochgearbeitet hatte, war es nur noch ein Katzensprung bis zum eigenen Süßwarengeschäft – und dann nicht mehr weit bis zum Flugticket in die Karibik. Und dort wäre ich dann für alle Zeit frei von elterlicher Tyrannei, von völlig unnatürlichen Bettgehzeiten um sieben Uhr und – vor allem und immerdar – von Socken.

Nach etwa drei Minuten wurde ich langsam nervös. Nicht nur schien mir der Brausepulvermarkt plötzlich ziemlich krisenanfällig, es waren außerdem verdammt viele fremde Leute da. Viele, viele Fremde Leute. Und außerdem wusste ich nicht mehr, wo ich war, mir war kalt und ich wollte dringend zu meiner Mama.

Das Problem war nur: jetzt, wo ich das wilde Leben ausgekostet hatte und zur Rückkehr bereit war, da war meine Mutter komplett unauffindbar.** Vor meinem inneren Augen begannen Horroszenarien zu entstehen: war sie etwa ohne mich heimgefahren? Hatte sie ihre sture, sockenverweigernde Tochter am Ende abgeschrieben? Eingetauscht gegen ein fügsameres Exemplar? Und saß diese falsche Zweittochter jetzt am Ende auf meinem Platz auf der Couch, an meine Mama gekuschelt, bekam Prinzessin Kunigunde*** vorlesen und trug dabei meine – MEINE – Socken?!

Gerade, als ich dachte, dass es nicht mehr schlimmer kommen konnte und ich ernsthaft erwog, mich irgendwo zum Sterben zu legen (ich wusste nicht genau, was das war, aber im Märchen taten sie es immer, wenn der Hut brannte, also musste es effektiv sein), da kam ein fremder Mann auf mich zu. Wenn mir meine Eltern eines eingeschärft hatten, mit der Innbrunst, mit der alle vernünftigen Eltern ihren Kindern diese Botschaft einschärfen, dann war es: „Geh nie, nie, nie mit fremden Männern mit. Nie!“
Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Kerl in Wirklichkeit ein wohlmeinender Verkäufer war, der ein unbegleitetes Kind herumwandern sehen hatte. Ich konnte auch nicht ahnen, dass die drei anderen Leute, die mit ihm die Verfolgung aufnahmen, seine Kollegen waren. Ich wusste nur, dass jetzt, in einer ohnehin schon fremden, kalten Welt, sich auch noch vier Fremde an meine Fersen geheftet hatten und mich gefangen nehmen wollten. Zu welchem Zweck wusste ich nicht genau, aber ich hatte vage ein Szenario vor Augen, dass ein Lebkuchenhaus und einen Backofen enthielt. Zwar hatte ich bisher nirgendwo im Einkaufszentrum Lebkuchen und zur Kinderzubereitung geeignete Backöfen gesehen, aber das hieß gar nichts.

Also rannte ich ins nächste Bekleidungsgeschäft, so schnell mich meine kurzen Stoppelbeinchen trugen, und versteckte mich zwischen den Mänteln. Als meine Verfolger sich diesem Deckung näherten, wechstelte ich in den nebenstehenden Kleiderständer mit Blusen, und danach zu den Jeans. Ich erspare mir, die nächste Viertelstunde in allen Details zu beschreiben, und sage nur: es ist verdammt schwer für vier Erwachsene, ein zu allem entschlossenes Kind einzufangen, wenn dieses eine ganze Halle voll idealer Versteckmöglichkeiten zur Verfügung ht. Am Schluss haben sie mich dann doch erwischt und in ein Büro gebracht, das zu meiner Verblüffung komplett backofenfrei war. Beruhigte mich aber nur bedingt – den Grill konnten sie immer noch im Hinterzimmer versteckt haben.

Aber anstatt einen wo auch immer verborgenen Ofen anzuheizen und schon einmal die Gewürze rauszuholen, erfragte der Häscher Nr. 1 nur meinen Namen, bekam diesen, zu einem kleinen Mikrophon und verkündete: „Frau Wassermair, bitte zur Rezeption kommen. Die kleine Sarah sucht ihre Mama. Frau Wassermair, bitte zur Rezeption kommen.“
Fünf Minuten später kam dann meine Mutter und brachte mich nach Hause, wo ich mich auf der Couch an sie kuscheln durfte und Prinzessin Kunigunde vorgelesen bekam. Socken haben wir an diesem Tag keine gekauft.

Wieso genau erzähl ich euch das? Das fragt ihr euch doch, oh Freunde, nicht wahr: warum kommt die jetzt mit diesem uralten Dings daher, das nur beweist, dass sie schon als Kind einen Knall hatte, und sonst gar nichts? Nun, deshalb:

http://www.ots.at/presseaussendung/OTS_20121020_OTS0054/korun-auch-vierjaehriger-unbegleiteter-bub-wurde-von-burgenland-nach-traiskirchen-geschickt

Schon im Juli wurde
ein vierjähriger, unbegleiteter Bub im Burgenland ohne Eltern
aufgegriffen und von den Behörden anschließend nach Traiskirchen
geschickt – wie auch in der heutigen Zib1 berichtet wurde.

Ich erinnere mich noch heute dran, wie panisch ich mit vier Jarhen war, als ich mal meine Mama für nur zwanzig Minuten verloren hab – und als jeder Mensch in meiner Umgebgung dringlichst bemüht war, mir zu helfen. Ich will einfach nicht wissen, wie es diesem armen Zwerg geht, der auf der Flucht von seinem Vater getrennt worden ist, in einem Land, das fremd ist und viel größer als ein Einkaufszentrum, in einem Land, wo keiner seine Sprache spricht – und den die Leute nicht eingefangen haben, um ihm zu seinen Eltern zurückzubringen, sondern, um ihn in ein Lager einzusperren.

Wer immer dafür verantwortlich ist, welcher hirnverbrannte, herztechnisch gehandicappte Beamtenvollkoffer: hoffentlich bekommt er oder sie nie wieder in seinem oder ihrem Leben auch nur eine einzige Nacht ruhigen Schlaf. Und nur noch kratzige Socken.

*Meine kleinkindliche Antipathie allem Sockigen gegenüber zu erklären würde zu viel Zeit und eine tiefgreifende Analyse meiner damaligen Psyche erfordern. Also erwähnen wir einfach die Wörter ‚kratzig‘ und ‚juckig‘ und belassen es dabei.
Mittlerweile haben sich das Konzept Socke und ich weitgehend ausgesöhnt, ja, es gibt sogar Socken, die ich nachgerade schätze. Die flauschige, wollige Variante beispielsweise, mit denen man an kalten Oktobertagen herumspazieren kann, ohne blaue Zehen zu bekommen. Oder die grellbunte mit Streifen, die man so wunderbar zu Hexenstiefeln tragen kann. Aber von solchen Erkenntnissen war ich damals eben noch weit entfernt.

*** Prinzessin Kunigunde war Hardcore. Die hatte mehrere Drachen als Haustiere, hat lästige Prinzen von Türmen gestoßen und in Drachen verwandelt und ist außerdem auf einer Harley durch die gegend gebrettert. Sowas muss man respektieren, besonders, wenn man vier ist.
**und eine Etage höher mit der panischen Suche nach ihrer Tochter beschäftigt, aber das wusste ich ja nicht

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6 Antworten zu Socken und Traiskirchen

  1. Pat schreibt:

    einfach nur: Danke!

  2. fred schreibt:

    Ich habe schon lange nicht so gelacht

  3. J. R. Hermes schreibt:

    hi!

    kenn den fall leider nur zu gut… da waren viele details dabei, die natürlich keinen platz in einer pressemitteilung haben. dazu noch weitere unmöglichkeiten, aber scheinbar kümmern sich zumindest die grünen um diese mißstände.

    lg.
    h.

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    Wenn du mit dem Fall zu tun hattest – weißt du zufällig, was aus dem armen Pimpf geworden ist? Ist der mittlerweile bei seine Familie?

    Lg,
    S.

    • J. R. Hermes schreibt:

      hi!

      das letzte, das ich mitbekommen habe, war, dass der vater ebenfalls nach traiskirchen „geschickt“ wurde, damit er sein kind wiedersieht.
      zumindest das sollte den bub wieder etwas vertrauen in die welt gegeben haben… wenns sonst schon nicht wirklich rosig aussieht. ob beide noch dort sind oder bereits abgeschoben oder untergetaucht, entzieht sich meiner kenntnis.

      lg
      h.

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