Grauzonen

Navigiere gerade eine ziemlich kniffelige Szene – jemand, der der Hauptfigur nahe ist, ist in Lebensgefahr, und kann durch eine bestimmte Information gerettet werden. Um an diese Information zu kommen, bräuchte es aber Folter.

Schwierig wird die Szene nicht durch ihren Inhalt per se – Verhördialoge gehören zu den einfachsten überhaupt, weil die Rollenverteilung so erschreckend klar ist. Nein, die Schwierigkeit kommt aus der Entscheidung, wie weit meine Figur gehen darf, wo die Grauzonen sind, wo die absoluten moralischen Grenzen. Wie grausam KANN meine Figur überhaupt sein, bevor das Publikum sich entsetzt von ihr distanziert? Auf der anderen Seite – wie sehr darf sie sich zieren, bevor sich der Zuschauer denkt: „Himmelarsch, xy verröchelt sonst, hau endlich zu!“

Dazu kommt, dass man in solchen Fällen dezidiert nicht die „Was würde ich in der Situation tun?“-Regel anwenden darf, weil mein persönlicher moralischer Kompass in dieser Causa wahrscheinlich nicht unbedingt hauptsendezeittauglich ist.

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4 Antworten zu Grauzonen

  1. Mountfright schreibt:

    Das ist doch meist keine Frage der Grausamkeit, sondern der Identifikation. Sind die Motive Deiner Figur sympathisch, kann der Zuschauer sich gut mit ihr identifizieren und ist der Antagonist als bösartiger Mensch mit schlechtem Charakter aufgebaut, werden die Zuschauer Dir ein wenig Folter verzeihen. Mach aus dem Antagonisten einen Arrogantling mit Macht und aus Deinem Helden ein frustriertes und verzweifeltes Wrack mit edlen Absichten, und sie werden Dir sehr viel Folter verzeihen, sie womöglich gar herbeisehnen.

    Ich werbe ja hier normalerweise nicht für meine Bücher, aber wie Du weißt, habe ich im aktuellen eine Figur, die tagelang mit großem Genuss foltert – und zwar aus nur begrenzt nachvollziehbaren Motiven. Der Kerl ist ein Monster, soll eins sein und nach dem bisherigen Feedback erkennen die Leser ihn auch als solches. Dennoch können sie sich mit ihm identifizieren. Das geht.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Dass es geht ist nicht die geringste Frage – ich mein, ich kenn Sergej. Es ist nur in dem spezifischen Strang heikel, weil wir da dauernd mit Gut-Böse, Richtig-Falsch-Themen jonglieren und drum genau den richtigen ton treffen müssen.

    • Mountfright schreibt:

      Hmmm… warum zerbrichst Du Dir den moralischen Kopf Deiner Zuseher? Da wirst Du eh welche haben, die sagen: „Vielleicht sollten sie gemeinsam ein Lied singen, dann wird alles gut.“ Und andere werden vor dem Fernseher sitzen und brüllen: „Jetzt reiß ihm endlich den Bauch auf und zeig ihm seine Eingeweide, bis er redet!!!!“ Die wirst Du beide nur begrenzt erziehen können.

      Die Frage ist doch – was würde Deine Figur tun.

  3. Pingback: Kleines Janus-Trivia am Rande | Der Guppy war's und nicht die Lerche

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