Eine kleine Geschichte

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen, meine Freunde. (Primär darum, weil ich wieder mal nicht schlafen kann und ich lieber euch was erzähle als den Fischen. Die hören mir nie zu.) Der erste Mann, der mich in meinem Leben enttäuscht hat, war ein Schiffskoch.

Als ich ein Kind war, sind meine Eltern mit uns im Sommer ans Marmarameer gefahren, was großartig war, allein schon wegen dem Wort. Sagt das bitte ein paar Mal hintereinander:
Marmarameer
Marmarameer
Marmarameer
Marmaramarmaramarmarameer…

Wunderbar, oder? Ein Wort wie ein Schnurren.

Wir haben im Ferienclub viel, viel Zeit damit verbracht, nach Michi zu suchen, der Grad seine kleinkindliche Fluchtphase hatte uns im Hotel immer wieder entkommen ist. Ich hab kalten Apfeltee getrunken, den eine alte Frau aus Granulat aufgegossen hat, und nicht aus Teebeuteln. Wir waren in einer Teppichweberei, wo eine Frau tausend Vögel gewebt hat und immer noch nicht fertig war, und wir haben eine Seidenspinnerei besucht, in der es schwül und feucht war von den Kesseln. Jemand hat mir einen Kokon in die Hand gelegt und ich wollt ihn nicht hergeben, damit sie die Raupe darin nicht totkochen können.

Und dann war da eben die Sache mit dem Schiffskoch. Meine Eltern haben eine eintägige Bootstour gebucht, die die schönsten Buchten der Umgebung anfuhr, wo wir schnorcheln und schwimmen konnten und seltsame Felsen bewundern. Den Rest der Zeit hatten wir brav an Deck zu sitzen und den Möwen zuzuschauen, was mich natürlich Nüsse interessiert hat. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit hab ich mich unter Deck geschlichen, um mir so ein Boot einmal genauer anzuschauen. Zuerst einmal war die Sache ernüchternd: Die Kabinen haben mich nicht besonders beeindruckt, abgesehen davon, dass sie klein waren, der Maschinenraum war verschlossen und die in meinen Piratenbüchern angekündigten Schiffskatze war auch nirgendwo zu finden.

Aber dann: die Kombüse! Wahrlich, das Klein-Sarahherz frohlockte, denn davon hatte ich gelesen. Wenn an Schiff gekocht wird, dann abentteuerlich: da gibt es dann Haifischflossensuppe* und Labskaus, steinharten Schiffszwieback und gedünstete Meerjungfrau! Ich vebrachte fast zehn Minuten damit, verborgen hinter einer Tür den Koch zu beobachten, der an einem winzigen Herd stand und recht hastig in diversen Töpfen rührte und mich zu fragen, womit man Schiffszwieback am besten würzt. Mit Zitronen, vermutete ich, um Skorbut vorzubeugen. Wär ja auch wirklich blöd, sich bei einem Tagestrip Skorbut einzufangen, oder?** Natürlich, vielleicht hatten sie auch Sauerkraut dabei, das kam in meinen Büchern auch vor, das…

Eine Hand im Schlaffittchen unterbrach sämtlichen kulinarischen Überlegungen – meine Mutter hatte mich aufgespürt und sie war not amused. Anscheinend stellt es einen gewissen Stressfaktor dar, wenn die Tochter auf einem großen Boot auf hoher See spurlos verschwindet. Ich lies ihre Gardinenpredigt lammfromm und mit einem seligen Lächeln über mich ergehen, denn ich wusste ja, welche kulinarischen Abenteuer auf uns warteten. Ich allein konnte mir schon vor dem Mittagessen ausmalen, wie ich daheim meinen Freunden von den Entbehrungen des zitronisierten Schiffszwieback berichten würd und von der Haifischflossensuppe, in der echte Haifischzähne schwimmen würden, weil sich das so gehört. Ich würde als Entdeckerin gefeiert, als Feinschmeckerin der wilden, stürmischen See!

Und dann gab es leicht angekohltes Hühnchen mit Reis. Wahrlich, Freunde, von der Enttäuschung hab ich mich bis heute nicht ganz erholt.

*Hey, ich war elf. Die Erkenntnis, dass Haifischflossensuppenverzehr einen ganz definitiv als Oberschurken deklariert, hatte ich erst ein wenig später.
**Elf, okay?
Meine Eltern hatte eine eintägige Bootstour gebucht, auf dass wir ein w Ich bin natürlich genau

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2 Antworten zu Eine kleine Geschichte

  1. Mountfright schreibt:

    Apfeltee aus Granulat… auch so ein Erinnerungsauslöser für mich. 🙂
    Durftest Du den Koch denn wenigstens stilecht kielholen?

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