Der Zug im Meer

(oder: womit ich mir heut zwischen St. Pölten und Wien die Zeit vertrieben hab.)

Wenn es draußen dunkel ist, dann könntest du natürlich glauben, dass der Zug gerade durch eine ganz normale österreichische Landschaft fährt, mit sanften Hügeln und laublosen Bäumen, mit Krähen, die sich in den Ästen aneinanderdrängen, die frösteln und kleine schwarze Krähenträume träumen. Du könntest glauben, dass die Lichter da draußen Tankstellen sind und Straßenlaternen und Kinderzimmerfenster.

Das könntest du jetzt wirklich glauben und keiner wird dir den Irrtum übel nehmen – ich am wenigsten, denn ich weiß ja, wie leicht dieser Fehler zu machen ist. Wenn du aber kurz darüber nachdenkst und ein Minimum an Phantasie verwendetst*, dann wird dir klar werden, dass du dich am Meeresboden befindest, irgendwo in der Nähe des Marianengrabens. Die fernen Lichter, die du für eine Stadt gehalten hast, sind in Wahrheit natürlich Schwärme bioluminiszenter Quallen. Die Kindergartenfenster sind die leuchtenden Köder, mit denen gigantische Anglerfische ihre Beute anlocken. Die vermeintliche Tankstelle hingegen entpuppt sich als ein futuristisches Unterwasserforschungslabor, in dem seit 2075 ein internationale Forschungsteam lebt und arbeitet. Sie haben sich selbst Kiemen angezüchtet und sind an den Druck gewöhnt, es würde sie umbringen, jemals wieder an die Oberfläche zurückzukehren. Aber das wussten sie schon vor dem Beginn ihrer Mission und sie bereuen nichts.
Während der Zug dahinrast, ist der Schaffner stets auf der Hut – die Überfälle von Riesenkraken sind in den letzten Jahren seltener geworden, aber von Zeit zu Zeit stürzt sich immer noch ein liebeskrankes Exemplar von die Schienen, um seinem Leben ein Ende zu bereiten. Angeblich war vor der Erfindung des Tiefseezuges ihre bevorzugte Selbstmordvariante „Tod durch Pottwal“, aber damals hielten Zoologen noch für den natürlichen Kreislauf des Lebens. Wir hatten keine Ahnung, was für sensible, schwermütige Geschöpfe diese Kalamare doch sind, bis sie begonnen haben, ihre Melancholie an unserem Verkehrsnetz auszuleben.

Heute aber ist die Strecke absolut frei von traurigen Monstern, der Zug gleitet ungestört durch die Dunkelheit und scheucht nur hin und wieder kleine Schwärme leuchtender Fische auf, die nur eine absolute Beamtenseele jemals mit Straßenlaternen verwechseln könnte.

(Wahrscheinlich ist es gut, dass auf der Strecke keine Fahrscheinkontrolle gekommen ist – wenn der Schaffner mich angesprochen hätte, während ich grad hochkonzentriert aus dem Fenster gestarrt und auf liebeskranke Riesenkranken gewartet hab, hätte das peinlich ausgehen können.)

*ich nehme normalerweise einen halben Teelöffel voll, aber es steht dir natürlich frei, die Menge nach Bedarfabzuändern

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2 Antworten zu Der Zug im Meer

  1. Brigitte schreibt:

    Ich hab dich fürchterlich gern.

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