Haut auf Haut

Es gibt ihm Englischen ein ganz wunderbares Wort, von dem ich keine deutsche Entsprechung kenne: skinhunger. Es bezeichnet unsere tiefsitzende Sehnsucht nach Berührung, nach dem Gefühl von Haut auf Haut. Ich habe da einmal eine faszinierende Fallgeschichte gelesen, in der eine querschnittgelähmte Frau normale sensorische Reize nicht mehr wahrnehmen konnte – wenn ihr der Arzt aber über den Arm gestrichen hat, dann ist das irgendwie durchgedrungen. Man möchte fast meinen, dass das Hirn ein paar Extranervenleitungen nur für diesen Zweck angelegt hat, weil Berührung so unendlich wichtig für uns ist.

Bei Skinhunger geht es nicht um Sex, sondern um das Bedürfnis, einfach so ein anderes Wesen zu berühren und berührt zu werden – zu keinem anderen Zweck, als uns zu versichern, dass da noch jemand ist. Ein Teil unseres Primatenhirnes weiß, dass die Gesellschaft von anderen überlebenswichtig ist – die anderen bieten Schutz, sie bieten Hilfe bei der Jagd, sie bieten Wärme in einer klirrend kalten Winternacht. Ein einsamer Affe ist ein toter Affe – und das weiß unser Körper immer noch. Er weiß es noch aus einer Zeit, in der es noch keine Sprache gab, keine Worte für ‚du bist nicht allein‘. Damals haben wir uns eben gegenseitig das Fell gepflegt und uns im Dunkeln aneinandergekuschelt, haben die Wärme der anderen gespürt, haben ihrem Atem gelauscht und waren beruhigt.

Soweit wusste ich das alles theoretisch, aber wirklich begriffen, was es bedeutet, habe ich erst vor ein paar Jahren. Ich hatte damals den bis dahin schlimmsten Migräneanfall meines Lebens. Die Art von Migräne, bei der sich mein Hirn den Schädel mit zwei rostigen Eisenkugeln zu teilen scheint, bei der jeder Geruch hundertfach zu stark ist und jedes an mich gerichtete Wort körperlich wehtut.
Blöderweise war ich gerade auf einer Geburtstagsfeier in Deutschland, ohne die geringste Möglichkeit zur Flucht nach Hause. Weil es aber in den meisten Kulturkreisen als unhöflich gilt, dem Gastgeber auf den Teppich zu reihern, habe ich mich stattdessen in ein leerstehendes Arbeitszimmer verkrochen. Dort war es gnädig leise und dunkel. Ich habe mich in einer Ecke zusammengerollt und versucht, mich nicht völlig im Chaos zwischen meinen Schläfen zu verlieren. Ohne Erfolg. Die Eisenkugeln wurden einfach nur größer und größer und größer und waren irgendwann die ganze Welt.

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so gesessen bin, den Rücken an den eiskalten Heizköper hinter mir gepresst, die Hände im Teppich vergraben. Ich habe kaum mitbekommen, wie die Tür aufging, wie mich jemand ansprach. War viel zu sehr mit den Eisenkugeln beschäftigt und mit der Schwärze hinter meinen Lidern.

Was ich mitbekommen hab, war die Hand auf meinem Unterarm. Die Wärme einer anderen Person.
Plötzlich war die Welt wieder klar, als hätte jemand den Fokus einer Kamera scharfgestellt. Die Schmerz war immer noch da, aber nicht mehr überall. War nicht mehr die ganze Welt. Eine Partygästin – niemand, den ich gut kenne, einfach nur ein Mensch – saß vor mir, und wollte wissen, ob alles in Ordnung war. Die Frage war unbedeutend, aber die mitfühlende Berührung war es nicht.

Mehr hat es nicht gebraucht, um mein primitives Primatenhirn zu beruhigen: einfach nur Haut auf Haut.

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