Von Grizzlybären und verwunderten Postbeamten

WordPress teilt mir gerade mit, dass heute der dritte Geburtstag dieses Blogs ist. Tragischerweise habe ich keinen speziellen, besonders geistreichen, tiefschürfenden und allgemein oh-mein-gott-wie-gscheid!-en Post, der an die Abgründe der Seele rührt und euer Leben für immerdar verändert.

Stattdessen hab ich einen Muskelkater, aber das ist ja auch schon was.

Der Muskelkater kommt daher, dass ich aus Sicht meines Körpers diese Woche einige grobe Fehlentscheidungen getroffen hab. Sieben Stunden lang das Vorzimmer zu streichen war laut ihm nur das letzte meiner Vergehen – mindestens so unverzeilich wie die Aktion, bei der ich vorvorgestern mein Eigengewicht in Lautsprecherboxen von der Post heimgeschleppt hab.

Man imaginiere die Szene bitte wie folgt:
Postbeamter liest den Zettel, den der Briefträger in meinem Postkasten gelassen hat, weil er das Paket nicht reingebracht hat. Verschwindet im Lagerraum. Kommt wieder. Murmelt: „Mysteriös, mysteriös.“ Verschwindet wieder. Kommt erneut. Fragt: „Könnt das Paket größer sein?“
Sarah: „Zwei Pakete, ja, könnten größer sein.“
Er geht wieder ab. Kommt zurück.
Er: „WIRKLICH groß?“
Ich: „Uhm… ja?“
Er: „Kommen’S mal mit.“
Er führt mich in den Lagerraum, wo zwei riesige Pakete stehen, die mir jeweils bis zur Brust reichen.
Er: „Haben’S ein Auto da?“
Ich: „Nö. Wird schon gehen.“
Postbeamter mustert Sarah von Kopf bis Fuß und ist offenbar von ihrer Tragekapazität wenig beeindruckt.
Er: „Naja…“
Ich: „Ich ruf ein Taxi.“
Er: „Sind Sie sicher?“
Ich: „Klar. Nur, um… könnten’S mir helfen, die Dinger bis zur Filialentür zu kriegen?“
Er mustert noch einmal mich. Dann die Pakete. Dann noch einmal mich.
Er: „Ich ruf noch einen Kollegen dazu, gell?“
Der Kollege kommt, wirft einen Blick auf das Paket und strahlt mich an: „Canton?“
Ich: „Yup.“
Kollege: „Aus der Chrono-Serie?“
Ich: „Yup.“
Kollege: „Ma, die sind super. Da werden’s a Freud haben dran.“
Kurze Pause, in der auch er mich mustert und wenig beeindruckt scheint.
Kollege: „Also, wenn Sie’s heimbringen.“

Die zwei Herren haben mir die Pakete dann bis zur Tür geschleppt und sich noch einmal erkundigt, ob ich mir eh wirklich ein Taxi rufe. Das hab ich geschworen und hätt es auch wirklich getan, wenn ich nicht draußen festgestellt hätte, dass mein Handyakku leer ist. Und dass weit und breit kein Taxi zu sein scheint. Und dass es ja außerdem bis zu mir heim eh nur ein halber Kilometer ist, und wenn ich immer eines der Pakete ein paar Meter weit schleppe, dann das zweite hole, dann wieder das erste nehme… das müsst doch eigentlich gehen, nicht wahr?
Eine halbe Stunde und geschätzte fünfzehn Meter weiter hab ich dann beschlossen, dass ich vielleicht doch die Straßenbahn nehm – was auch prima funktioniert hätt, wenn nicht beim Aussteigen eines der Pakete sich so zwischen Straßenbahntür und Treppe verklemmt hätte, dass die Tür nicht mehr aufgehen wollte. Und dann war ich plötzlich zwei Stationen zu weit und weiter von meinem Ziel entfernt denn je.*
Im Endeffekt hab ich dann für die fünfhundert Meter ziemlich genau anderthalb Stunden gebraucht, aber die Lautsprecher haben’s schadlos überstanden.

Die dritte und fatalste Fehlentscheidung auf der Muskelkaterebene fand aber schon am Sonntag statt, als meine Brüder und ich bei Verwandten am Swimming-Pool herumlagen und zum schluss kamen, wir könnten doch wieder einmal Unterwasser-Rugby spielen. Das ist eine sehr vergnügliche und sehr nasse Rauferei, bei der es nur sekundär um den Ball geht und primär darum, den Gegner mit möglichst großem Enthusiasmus zu ertränken. Als Kinder haben wir das geliebt und folglich sahen wir keinen Grund, uns nicht wieder einmal daran zu versuchen. Also haben wir eine gefüllte Wasserflasche zum Ball improvisiert, von den Gastgebern Taucherbrillen geschnorrt… und Michi und ich haben unseren wirklichen Denkfehler zu spät erkannt. Namentlich den, dass wir ja jetzt über einen Bruder verfügen, der gute zwanzig Zentimeter größer ist als ich und fünfundzwanzig breiter als Michi. Und dass diese differenz hauptsächlich mal aus Muskeln besteht. Dem Mann ist vielleicht ein Grizzlybär gewachsen, aber definitiv nicht seine beiden entschieden un-hühnenhaften Geschwister. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, wie die Partie ausgegangen ist.

Wenn also das Endziel der letzten Tage ein Mangel an Autsch, Muskelkater und blauen Flecken gewesen wäre (so, wie mein Körper behauptet, das Weichei), dann wäre das Ergebnis deprimierend. Nachdem ich es allerdings mehr auf bunte Wände, wohlklingende Musik und viel halbertränktes Gelächter abgesehen hatte, bin ich willens, die Woche als vollen Erfolg zu verbuchen.

Wenn also das Gesamtziel

*Fußnote für die FPÖ: beim Ein- und Aussteigen in und aus diversen Bahnen hab ich niemals um Hilfe fragen müssen, weil der Anblick einer Sarah, die grad versucht, ein Paket knapp unter Sarah-Größe von der Straße hochzuwuchten, einen automatischen Reflex in Passanten auszulösen scheint. Der besteht daraus, mir das Ding möglichst schnell abzunehmen, bevor ich die Straßenbahn, die Straße oder die Stadt Wien damit kaputt mache. Von den fünf Leuten, die mir in dieser Facon bei irgendeinem Streckenabschnitt behilflich waren, waren zwei dunkelhäutige Herren mit schwerem Akzent, die laut der fpö-lichen Parteilinie eigentlich gar keine Zeit für sowas haben dürften, weil sie viel zu sehr mit sozialschmarotzen beschäftigt sind. Mysteriös, mysteriös.

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9 Antworten zu Von Grizzlybären und verwunderten Postbeamten

  1. uli geidl schreibt:

    Wenn du uns auch den „oh-mein-gott-wie-gscheid!-en Post“ vorenthältst, möchte ich deinem Blog „ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG“ wünschen. Also mir versüßt er so manche Tage – genau wie dein Adventkalender ( Wenn auch spät – Herzliches Danke! Du weißt ja gut Ding braucht Weil und überhaupt für Mathematiker, für die Unendlichkeit ja immerhin fast etwas alltägliches hat :-)!
    Schönen Sommer und denk auch an deine Wirbelsäule!
    Uli

  2. Mountfright schreibt:

    Herzlichsten Glückwunsch zum Bloggeburtstag! 🙂

    Ach ja – und es ist erlaubt, schon beim Bestellen einer Ware zu überlegen, wie man sie transportieren kann. Für die nächste Party Unterwasserrugby schlage ich folgende Taktik vor:

    1.) Warte damit noch 5 bis 7 Jahre.
    2.) Lade die Zwillinge zu einem zwanglosen Sommerkurzurlaub nach OÖ ein.
    3.) Suche mit ihnen und Deinen Brüdern einen Pool auf.
    4.) Raune dann dem männlichen Zwilling zu: „Jetzt ist der Moment gekommen, in dem Du Dich für die vielen kostenlosen Schachlektionen revanchieren kannst.“
    5.) Raune nun dem weiblichen Zwilling zu: „Wenn Du jeden hetzt, der weglaufen will, flechte ich Dir nachher wieder Deine Haare.“
    6.) Rufe laut: „UNTERWASSERRUGBY!!!“

  3. Brigitte schreibt:

    Alles Gute, lieber Blog. Ich bin sehr froh, dass es dich gibt. Wegen weitweit weg und so wärs nämlich ohne dich viel schwieriger, dem Wassermairschen Leben zumindest lose zu folgen. Es ist aber ein sehr folgenswertes.
    Btw, folgen: bin ausgesprochen bald in Wien- du auch, liebe Sarah?

  4. Sarah Wassermair schreibt:

    Dearest, wenn du dich ankündigst, dann drängt es mich natürlich auch gen Hauptstadt! Bzw. Ich bin momentan sowieso die meiste Zeit in Wien, muss nur gelegentlich terminlicherweise nach OÖ, meist zu Wochenende hin.
    Sprich genauer und erfreu mein herz: was ist ‚ausgesprochen bald‘?

  5. Moritz Luft schreibt:

    Wow. Canton Chrono sind wirklich super – Der Sound ist zwar nicht zu fokussiert, aber bei dem Platz, den du in deiner Wohnung hast, fällt das gar ned auf. Gratuliere zur Kaufentscheidung sowie nachträglich zum Geburtstag deiner Privatkolumne hier 😉

  6. Sarah Wassermair schreibt:

    Ad Punkt 1: ah, dann hält auch fachkundige Stelle die Wahl für gut. Ich bin entzückt.
    Ad Punkt 2: merci!

  7. Pat Lind schreibt:

    bitte ruf mich das nächste mal einfach mich an bevor du dich heimkämpfst…ich hab ein auto und kann dich und deine großen boxen gerne transportieren 🙂

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