Schottland

Sitze grad in Edinburgh in einem Hotelzimmer und erwäge ernsthaft ein Nickerchen. Ich bin einfach nicht für Frühflüge geschaffen. Bin die nächsten zwei Wochen mit meiner Familie in Schottland, zuerst ein paar Tage hier in der Stadt, dann ganz oben in Norden, in einer kleinen Hütte mit Meerblick. Zu Entspannungszwecken und um größere Mengen Whisky zu verkosten. Und, um vielleicht ein besonders hartnäckiges Buch fertig zu bekommen, falls an der Sache mit Meer und Isolation und Einsamkeit was dran sein sollte.

Bisherige Denkwürdigkeiten waren…

– Die Ruine der Burg, in der Mary, Queen of Scots zur Welt gekommen ist. Sehr beeindruckendes Gemäuer, inklusive Geisterstory bei der dazugehörigen Kirche. Da hat offensichtlich ein Geist dem König Jacob IV beim Gebet gesteckt, dass er sich die Schlacht von Flodden besser sparen sollte. Der hat allerdings blöderweise nicht auf das Gespenst gehört und dafür eine der verheerendsten Niederlagen der schottischen Geschichte eingesteckt, mit etwa 10.000 toten Schotten auf der einen Seite und einem exzessiv schadenfrohen englischen Heer auf der anderen.

– Auch leicht schief gegangen ist das Manöver jenes älteren Herren, der in den verschlungenen Gängen des alten Gemäuers seinen Kindern einen Streich spielen wollte und mit einem lauten ‚Buh!‘ aus der Deckung gehüpft ist – nur, um sich nicht seiner Brut, sondern einem österreichischen Schreiberling gegenüberzufinden. Wir haben uns einen Moment lang beide völlig verblüfft angeschaut und sind dann in haltloses Gelächter ausgebrochen – als seine Familie und mein Vater ein paar Minuten später aufgetaucht ist, haben wir immer noch gekichert.

– die Tatsache, dass hier alle Schottisch reden, was definitiv einer der hinreißendsten Akzente des ganzen Planeten ist. Ich bin dauernd versucht, Wildfremde auf der Straße in ein Gespräch zu verwickeln, nur um ihnen dabei zuzuhören, wie sie sich mit Hingabe jedem Konsonanten einzeln widmen. Die klingen hier ALLE wie David Tennant und das ist sehr erfreulich.

-Noch hinreißender ist aber, wie überfordert meine Eltern von dem Dialekt sind. Vor allem unser innig geliebter Vater, dessen Englisch sich nun einmal mehr durch Enthusiasmus denn durch besondere Vokabelfestigkeit auszeichnet – was ihn allerdings noch nie an irgendwas gehindert hat.
Sarah: „Und, hast du gefragt, wo der Autoverleih ist?“
Vater: „Uhm… ja. Er hat was von einem Meeresfrüchterestaurant gesagt. Da hinten. An dem müssen wir vorbei.“
Spricht’s und marschiert zielstrebig davon, in eine Richtung, in der es weder nach Meeresfrüchten, noch nach Verleih ausschaut. Michi und ich tauschen einen Blick und schauen dann hoch zum Schild über unseren Köpfen, auf dem „Car Rental“ steht und auf dem ein Pfeil und die Gegenrichtung deutet.
Sarah: „Du denkst, was ich denke, oder?“
Michi: „Ja. Er wollte wahrscheinlich nach dem Verleih fragen und rausgekommen ist ‚Entschuldigen Sie, wo gibt’s die beste Paella in Edinburgh?'“
Sarah: „Kann passieren.“
Mama: „Sollen wir ihm nicht was sagen?“
Sarah: „Lass nur. Wenn er sich ein bisschen müde läuft, dann folgt er nachher besser.“

– Wir waren heut Nachmittag in einem Café, in dem es eine Limekey Pie gab, was wunderbar war. Ich wollt das Zeug immer schon mal kosten, weil es da diese Dexterfolge gibt, in der er jemand mit einer Limekey Pie liquidiert. War allerdings nicht an einem ganzen Stück interessiert, weil es ja eher um den Süßsspeisen-Morbiditätsfaktor als um den Zuckerschock ging. Folglich hab ich die männlichen Familienmitglieder gezwungen, sich so ein Teil zu bestellen, damit ich kosten kann. War… interessant. Interessant ist definitiv ein gutes Wort in dem Zusammenhang.

– Es ist kühl. Kühl, kühl, kühl, windig, wolkig. Ich werde jetzt einen Pullover anziehen und warme Socken und mir einen Tee machen. Nach den letzten Monaten nahe am Schmelzpunkt könnte mir gerade nichts angenehmer, willkommener, ja: elysischer sein als das schottische Wetter.

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