Von Schafen und Moor

Die letzte Woche auf einer kleinen Halbinsel in der Nähe der Hebriden verbracht, wo es genau a) Schafe und b) Schafe gibt.

Okay, das ist ein wenig gelogen. Es gab dort Schafe und Hirsche und Baummarder und Mäuse und Möwen und Krähen und kleine grauweiße Vögel mit wippenden Schwänzen und einem ewig fragenden Gesichtsausdruck. Das Häuschen, in dem wir gewohnt haben – ein altes Schulhaus – definiert im übrigen Meerblick neu: etwa zehn Meter vom Ufer entfernt und die gesamte Wand des Vorzimmers besteht nur aus Fenster. Ich hab fast meine gesamte Zeit dort verbracht, geschrieben und auf die Wellen geschaut.

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Abb. 1. Sonnenuntergang, vom Sofa aus. Ja, ernsthaft, vom Sofa.

Wir haben jeden Tag darauf gewartet, dass sich ein Sonnenuntergang wiederholt, einfach deshalb, weil es gar nicht soviel Sonnenuntergangsvarianten geben KANN. Müsste man zumindest meinen, aber stattdessen haben wir jeden Tag ein komplett anderes Schauspiel geboten bekommen, einmal sanfte Lavendeltöne über einem petrolfarbenem Meer, ein anderes Mal schrilles Rot über einer glühenden See, ein drittes Mal eine endlose Nebellandschaft, in die irgendjemand einfach so Säulen aus goldenem Licht gestellt hat.
Mamas besonderen Lieblinge waren die Hausgäste – die Schafe, denen der Gartenzaun komplett egal war und die schon gerne einfach einmal direkt vor dem Fenster ein Nickerchen gemacht haben, und die Vögel, die manchmal kaum gegen den stürmischen Seewind angekommen sind. Ihr absoluter Favorit war aber der Baummarder, für den sie jeden Abend einen Teller Marmeladenbrot auf die Terrasse gestellt hat. (Warum ein Baummarder Marmeladenbrot mag? Keine Ahnung, aber die Besitzerin der Hütte hat uns sogar schriftlich darauf hingewiesen, dass es ihn gibt und zu welcher Urzeit man ihn eben damit versorgen könne.) Mütterlein ist dann bis spät in die Nacht auf der Lauer gelegen und zweimal haben wir ihn tatsächlich gesehen – einmal sogar in Gesellschaft seiner Freundin. („Hey, Schatz, gemma essen? I kenn da ein super Lokal. Die Bedienung ist zwar österreichisch, aber dafür ist die Marmelade bio.)

Hin und wieder hab ich mich dann doch vom legendären Sofa-mit-der-besten-Aussicht-Europas-und-mitgelieferter-Wildtiershow wegbewegt und habe dabei mehrere Dinge über die schottische Highland-Landschaft gelernt.

A) Wandern in einem schottischen Hochmoor ist gleichzeitig faszinierend und anstrengend. Faszinierend, weil man aus der Ferne glauben würde, dass man es mit eintönigem Gras und Schilf zu tun bekommt und dann nach und nach merkt, was für eine absurde Vielfalt an Pflanzen es hier gibt. Jeder Stein ist mit einer anderen Art von Flechte bewachsen, jeder Untergrund bringt eine andere Art von Gras hervor, und vom Panoptikum an Moosen und Farnen will ich gar nicht anfangen. Vater, Michi und ich waren mehrere Stunden lang unterwegs und trotzdem hat alle paar Minuten einer von uns geschrien: „Kommt’s her, das MÜSST ihr euch anschauen!“
Anstengend wiederum deshalb, weil der Untergrund eben so extrem variabel ist und man Teilweise auf einer Matratze marschiert, die aus Schichtweise dreißig Zentimeter Gras, zehn Zentimetern Moos und einem Untergrund aus Torf oder Kalkstein besteht.
Das ganze Gebildet federt, es gibt nach, es hat Löcher, wo man keine Löcher erwartet, es versteckt Steine, wo man keine Steine erwartet, und ist allgemein darauf aus, einem die Knöchel zu brechen. Abgesehen davon versteh ich jetzt absolut, warum man in solchen Mooren absaufen kann – diese Schlammlöcher sind international geprüfte Tarnungsexperten.

B) Die Steinformationen an der Küste dort sind der glorioseste Kletterpark, den ein Mensch sich nur wünschen kann. Als hätte irgendein Gott sich einen riesigen Lego-Kasten genommen und gebaut und gebaut und gebaut, bis ihm die Steine ausgegangen sind, und das ganze noch mit ein bisschen Flechten verziert. Merke jedoch wohl: wenn diese Steine trocken sind, hat man wunderbaren halt darauf und fühlt sich wie eine Bergziege. Wenn sie feucht sind, dann sind sie rutschiger als die eingeseifte Glatze eines Bananenschalenkobolds und man landet unschön auf dem Hinterteil.

C) Es ist fast unmöglich, beim Laufen entlang einer endlosen geraden Küstenstraße die Entfernungen korrekt einzuschätzen. Ich hatte mehrmals den Gedankengang: „Oh, ein paar Meter noch zu dem Felsvorsprung da vorne…“ um eine Dreiviertelstunde und mehrere Kilometer später keuchend vor selbigem zusammenzubrechen.

So, morgen und übermorgen legen wir noch ein bisschen Edinburgh ein (das tatsächlich eine meiner absoluten Lieblingsstädte auf diesem Planeten sein könnte), dann geht es zurück in die Heimat.

(Apropos Edinburgh – mir fällt grad auf, dass ich den Gitarristen noch gar nicht erwähnt hab. Letzte Woche hat es uns mehr oder weniger aus Zufall in das Konzert eines jungen Mannes mit Gitarre verschlagen, in dem außer uns vielleicht noch zehn andere Leute gesessen sind. Fringe-Festival eben. Und dann haben wir eine Stunde Musik von solcher Schönheit gehört, dass wir alle wie tumbe Toren gefühlt haben, die aus versehen über ein ganzes Warenlager voller heiliger Grale gestolpert sind. Der Künstler wiederum schien recht überrascht von solchem grenzenlosen Enthusiasmus aus der ersten Reihe Rechts – meine Mutter hat ihn die ganze Zeit dermaßen angestrahlt und mit solchem Nachdruck applaudiert, dass er sie danach umarmt und sich für ihre die Wärme bedankt hat.)

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