Von einer erneuten akademischen Irrfahrt und einem Theatergott

Hab heute meine akademische Erfolgsserie fortgesetzt. Wir erinnern uns an die Vorlesung, die ich letzte Woche einfach nicht gefunden hab? Nun, stellt sich heraus, dass vor dem Eingang eine Baustelle ist und die Gerüste die Tür vollkommen verdeckt haben – keine Wunder, dass ich anderthalb Stunden herumgeirrt bin. Dieses Mal war ich aber schlauer und mit so präzisen Lageplänen ausgerüstet, dass sie das gesamte Institut mit Tarnfarbe streichen und im Keller verstecken hätten können und ich wär trotzdem um Punkt 15:30 vorm Vorlesungssaal gestanden.

Leider war ich auch die einzige, die dort gestanden ist. Also, ich und ein Schild: „Die Vorlesung musste verlegt werden und findet jetzt im Haupthaus statt, Hörsaal 7, Stiege 7. Leider beginnt sie dadurch schon um 15.00!“
Ich habe kurz erwogen, auf die Knie zu fallen, die Hände gen Himmel zu recken und: „NEIIIIIIN!“ zu schreien, hab mich dann aber aus Gründen der persönlichen Würde dagegen entschieden. Stattdessen hab ich mich auf den Weg in die Hauptuni gemacht, hab mich bis zum richtigen Hörsaal durchgefragt und dann gerade noch die letzte halbe Stunde der Vorlesung mitbekommen.

Die halbe Stunde hat sich aber gelohnt, weil ich gelernt hab, dass im alten Athen ursprünglich jedes Theaterstück nur ein einziges Mal aufgeführt wurde, als Opfer an den Theatergott Dyonisos. Das ist mir irgendwie nahe gegangen, was vielleicht dran liegt, dass Jürgen vorhin Fotos vom Bühnenabbau in Dachsberg gepostet hat. Das war zwar nach einundzwanzig Vorstellungen und nicht nach einer, aber trotzdem bleibt diese seltsame Wehmut. Das Gefühl des Dernierenabends unterscheidet für mich das Theater mehr vom Film als alles andere: der Film steht dann auf DVD ewig und unveränderlich in der Landschaft, die Inszenierung verschwindet nach dem letzten Vorhang im Nichts. Wie ein Sandmandala, ein Rauchopfer, ein Kartenhaus – der Wert liegt in der Flüchtigkeit. Darum nimmt der Theatergott das Opfer an: weil er weiß, dass diese Geschichte nie wieder auf genau dieselbe Art erzählt werden wird. Die Unsterblichen schätzen wahrscheinlich gerade das, was unwiederbringlich ist.

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