Über Freundschaft

Einer der Blogs, die ich täglich lese, ist ‚Myth and Moor‘ von Terry Windling – sie schreibt dort über das Schreiben, analysiert Kunst und Mythen, und sagt gelegentlich extrem lebenskluge Dinge. Heute ist da dieser wunderschöne Essay über Freundschaft und die Frage, warum die im Vergleich zu anderen Verbindungen – Familie, romantische Liebe – so viel weniger in Film und Literatur behandelt wird.
wird.http://windling.typepad.com/blog/2013/10/friends.html

Im ersten Moment hab ich gedacht: „Blödsinn, es gibt doch hundert Bücher über Freundschaft! Zum Beispiel…“ Und dann bin ich minutenlang dagesessen, während mir nur Kinderbücher und Jugendserien eingefallen sind. Und das ist wirklich seltsam, denn während die romantische Liebe und Familie uns extrem prägt – so tun es Freundschaften mindestens genau so. Vielleicht nicht die beiläufigen „Treffen wir uns mal auf einen Kaffee“-Freundschaften, aber die tiefen, die über Jahre und Kilometer hinweg anhalten? Die, bei denen es egal ist, dass man sich grad drei Monate nicht gesehen hat, weil man sich gar nicht mehr fremd werden kann? Die, wo man sich im Gespräch nicht zensieren kann, weil man alles, wirklich alles sagen kann und genau weiß, dass man dafür angenommen wird?

Über romantische Liebe ist sicherlich eine großartige Sache, aber es irritiert mich immer, wenn sie in den Medien als das eine wahre Gefühl hingestellt wird, nach dem wir alle streben sollten und ohne das wir unvollständig sind. Mein Erfahrungsschatz in diesen Dingen ist zu klein, um das ‚unvollständig‘ wirklich zu beurteilen – aber über das ‚einzig wahre‘ hab ich eine sehr vehemente Meinung.
Ich hatte bisher immer das Glück, mit exzellenten Freunden gesegnet zu sein. Ohne sie wäre ich eine andere, schwächere Person oder hätte mich gleich schon vor Jahren umgebracht. Diese Leute haben mich geprägt, angetrieben, mich zu Dingen gebracht, für die ich eigentlich viel zu feig bin. Durch ihre Augen schaff ich es manchmal, mich selber ganz okay zu finden, was bei meiner Tendenz zur Selbstzerfleischung ein echtes Wunder ist. Und wenn ich mich komplett übernommen hab und in zerfalle, dann setzen sie mich ein ums andere Mal aus den Sarah-Scherben wieder zusammen, mit Whisky, Tee und Worten. Manche von ihnen haben das schon so oft getan, dass sie den emotionalen Superkleber eigentlich in Industriegebinden kaufen könnten.

Stellen wir uns vor, dass morgen früh der absolut ideale Y-Chromosomträger bei mir vor der Tür stehen würde, mit einem Korb Kätzchen in der einen und den abgeschlagene Kopf einer gewissen Politikerin* in der anderen Hand, mit rauchblauer Stimme Neruda zitiert und sich danach aus Liebe bereit erklärt, meine Steuererklärung für mich zu machen. Und gehen wir weiter davon aus, dass ich ihn hereinlassen und behalten darf – aber nur unter der Bedingung, dass ich dafür den Kontakt zu meinen Freunden abbreche.

Der Knabe würd so schnell wieder unten auf der Straße stehen, so schnell kann er gar nicht schauen.

*mit einer Schleife drum herum. Und einer weißen Rose zwischen den Zähnen.

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3 Antworten zu Über Freundschaft

  1. Brigitte schreibt:

    Einer der gründe, warum die hexenbücher von pratchett so erstaunlich sind – die beschreibung einer freundchaft zwischen zwei älteren (!) frauen (!), die zwar lang etabliert und eingespielt ist, deren bedingungen und grenzen aber doch immer wieder neu verhandelt werden müssen. Fast als wär so eine freundesbeziehung was genauso kompexes, emotionales und von äußeren und inneren umständen beeinflusstes ding wie eine paarbeziehung…
    ( mir fällt gerade auf, dass ich kein wort parat habe, mit dem ich eine klassische „beziehung“- beziehung bezeichnen kann, ohne mich selbst vor den kopf zu stoßen. eine „liebesbeziehung“ hab ich zu meiner familie, einigen meiner freunde und immer wieder mal zu einem stück oder einer besonders spannenden sache, eine „romantische beziehung“ kann von einem getauschten blick bis zu einer ehe alles sein, bedingt aber weder sex noch partnerschaft, eine „partnerschaft“ klingt nach firmenschild, und eine „paarbeziehung“ schränkt alles auf zwei personen ein. falls eine/r von den schreiberlingen da eine lösung parat hat, werd ich dankbar sein…)
    bücher mit großartigen freundschaften außerdem: die „thursday next“ romane (meta- meta- meta: kann man mit sich selbst bzw. mit einer fremdwahrnehmung von sich selbst befreundet sein oder muss da ein arbeitsgemeinschaftlicher waffenstillstand reichen)

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Stimmt – die Hexenromane! Wie konnte ich die nur vergessen! Die Freundschaft zwischen den zwei ist sicher einer der größten Gründe dafür, warum mir die Reihe von allen Pratchett-Büchern am liebsten ist. (Der andere Grund hat schönes Haar und einen hervorragenden Charakter – ich bin immer noch der Meinung, dass Agnes realistischte, best-charakterisierteste dicke junge Frau ist, die jemals von einem dünnen alten Mann geschrieben wurde.)

  3. Mountfright schreibt:

    Man hat die Freunde, die man hat, nicht zufällig, meine Beste. 😉

    Stephen Kings „Es“ ist ein sehr schönes Buch über Freundschaft.

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