Welcome to Ukrainia

Es ist seltsam, auf der einen Seite den Pomp und Trubel in Sotschi* zu beobachten, auf der anderen die Straßenschlachten in Kiew. Ich war gemeinsam mit einigen Studienkollegen vor ein paar Jahren in beiden Ländern, nicht lange, grad genug, um ein wenig von der Stimmung mitzubekommen.

Russland war beklemmend, vor allem Moskau mit dem endlos breiten Straßen und finsteren Minen, kaputten Straßenlaternen und der überall anwesenden Polizei. Nicht, dass wir jemals mit denen Schwierigkeiten bekommen habe, aber sie waren immer da – egal, wo man sich umgedreht hat, irgendwo stand sicher ein Typ mit sichtbarer Waffe und lächerlich kleinem Käppi. Die Ukraine verbinde ich dagegen das pulsierende Pandämonium eines Wochenmarktes, eine junge Pastetenverkäuferin, die mir mit Händen und Füßen den Inhalt einer Pastete zu erklären versucht hat** und ein Rudel streunender Katzen, dass plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht ist, als ich gerade dringend Gesellschaft gebraucht hab. Chaos und Verfall, aber dabei… wohlmeinend? Ein seltsames Wort dafür, ich weiß – aber wir hatten gerade zwei Wochen Russland hinter uns, und es war schwer, nicht einfach nur dankbar zu sein, wenn einen die Leute von Zeit zu Zeit anlächeln.

Am besten bringt aber den Unterschied, wie wir die zwei Länder wahrgenommen haben, die Anekdoten von unserem Grenzübertritt auf den Punkt. Wir sind nachts mit dem Zug unterwegs und verhältnismäßig guter Dinge – was viel mit einer Flasche Wodka zu tun haben könnte – aber eine Sache macht uns doch Sorgen. Einer von uns ist gebürtiger Südamerikaner und sein Visum vor zwei Tagen abgelaufen, vermutlich dank eines Rechenfehlers in der Botschaft. Wird man uns deswegen Schwierigkeiten machen? Wir wissen es nicht, können aber auch nichts tun, also lassen wir stattdessen den Wodka kreisen und diskutieren darüber, wie man einem russisch-ukrainischen Grenzbeamten möglichst taktvoll Bestechungsgeld anbietet.
Mitten in der Nacht hält der Zug dann an der Grenze – und zwar am freien Feld irgendwo in der tiefsten Einöde. Draußen herrscht die Dunkelheit, die entsteht, wenn man sich fern von jeder Zivilisation aufhält und der Mond auch gerade etwas Besseres zu tun hat. Die ersten paar Minuten passiert gar nichts, wir lauschen nur, hören Schritte in der Ferne, harsche Stimmen.
Dann wieder: Stille.
Und dann: eine Hand schlägt gegen unser Fenster, dann noch eine. Das Licht aus unserem Abteil reicht nicht aus, um die dazugehörigen Körper und Gesichter zu erhellen, also sind es einfach nur körperlose Hände, die da gegen unsere Scheibe hämmern. Später finden wir heraus, dass das einfach Bauersfrauen aus der Umgebung sind, die sich eine Kleinigkeit dazuverdienen, in dem sie Erfrischungen an Reisende verkaufen, und die dafür auch mal mitten in der Nacht auf die Züge warten. Das wissen wir aber zu dem Zeitpunkt noch nicht, sondern hoffen einfach darauf, dass die Hände wieder verschwinden.
Das tun sie schließlich auch, dafür kommen vier russische Grenzposten in unser Abteil. Nachdem ich nur ungefähr drei Worte Russisch kann, bin ich gezwungen, den folgenden Dialog so wiedergeben, wie er rein phonetisch auf uns gewirkt hat. Kann genau so gut sein, dass sie uns die ganze Zeit einen guten Tag und eine schöne Weiterfahrt gewünscht haben, aber irgendwie hat es nicht danach geklungen.

RUSSEN: „WAWARRR! GRRR! PASSKOWITZ HERGEBSKI! GRRRR!“
WIR: „Uhm…bitte schön…“
RUSSEN: „GRRR!“

Sie nehmen die Pässe, verschwinden damit. Eine Minute Stille. Zwei Minuten Stille. Dann wird die Tür wieder aufgerissen, die russischen Grenzposten kommen wieder, wedeln mit unseren Unterlagen.

RUSSEN: „GRRRR! DROHUNGSKI!“
WIR: „Uhm… tut uns leid, wir verstehen Sie nicht.“
Ein Russe gestikuliert zu unserem Kollegen mit dem fehlerhaften Visum.
RUSSEN: „NOCHMEHROVA DROHUNGSKI!“
WIR: „Ähm, ja, genau, das ist unser Chilene und den würden wir gerne behalten, wenn’s Recht ist?“
RUSSEN: „GRRR! KNURROWITSCH!“
Sie marschierten wieder ab. Aufgeregte Stimmen in der Ferne. Unser armer Chilene wird bleich und bleicher. Schritte näher sich wieder. Dann Die ganze Szene wiederholt sich noch einmal, bei dem die Grenzposten uns Fragen stellen und wir die nicht beantworten können, weil wir nicht mal wissen, was da gerade gefragt wird.

Dann: Stille.
Stille.
Stille.

Und dann wird die Tür aufgeschoben, und ein einzelner Mann tritt ein. Ein kleiner dicker Mann mit Uniform und breitem Lächeln. Das war die erste Person über fünfundzwanzig, die uns in den letzten zwei Wochen überhaupt angelächelt hatte, ganz zu schweigen von einem Uniformträger. Er reicht jedem von uns – Chilene inklusive – seinen Pass zurück, strahlt uns an und verkündete mit ansteckendem Enthusiasmus: „Hello and Welcome to Ukrainia!“
Das war der Moment, in dem wir kollektiv beschlossen haben, das wir die Ukrainer mögen.

Was will ich mit der Geschichte erzählen, angesichts der momentanen politischen Lage? Wo ist da die tiefere Moral? Ich weiß es nicht.

Ich weiß es wirklich nicht.

*Mal ganz abgesehen von der grundsätzlichen moralischen Wäh-igkeit der
** Kraut

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