Ein kleiner Tobsuchtsanafall gegen rosa Püppchen

What’s worse, research suggests the state of gender-based toy segregation has created a generational shift. According to a survey conducted by Global Toy Experts, moms have noticed a 25% drop in the number of gender-neutral toys their daughters play with now compared to the toys moms played with during their own childhoods.
http://www.policymic.com/articles/87379/30-photos-that-challenge-the-harmful-stereotypes-toy-companies-sell-you

Jupp, das kann ich bestätigen. Neulich hat es mich wieder mal in eine Spielzeughandlung verschlagen, auf der Suche nach einem Geschenk für befreundetes Kleinvolk, aber ich bin mit leeren Händen wieder abgezogen. Hauptsächlich deshalb, weil ich zwanzig Minuten nur damit verbracht hab, vor der Playmobil-Abteilung zu stehen und zu schäumen wie ein tollwütiger Chihuaha. Zu meiner Zeit – und das ist jetzt grad mal fünfzehn, zwanzig Jahre her – war Playmobil eine Unisexveranstaltung. Ja, es war schon irgendwie vage bewusst, dass Barbies theoretisch eher für Mädchen* und Playmobil theoretisch für Buben war, was aber mir, meiner Cousine und meinen Brüdern herzlich wurscht war. Zu Weihnachten hat uns mein Vater trotzdem allen gemeinsam eine riesige Burganlage gebaut gebaut, die wir abwechselnd mit unseren blutrünstigen Plastikhorden verteidigt/gestürmt/in die Luft gejagt haben, und was wir mit dem Westernsaloon aufführen, das mag ich gar nicht wiedergeben, für den Fall, dass hier sensible Wesen mitlesen. Natürlich war uns allen klar, dass Playmobil Barbie bei weitem überlegen war – aber nicht, weil das eine (Pfuipfuipfui!) für Mädchen war und das andere nicht, sondern weil nur Playmobil uns Zugriff auf einen saumäßig großen Drachen ermöglicht hat.

Jetzt hat Playmobil offensichtlich eingesehen, das dieser selige Zustand offensichtlich eine Zumutung für Kinder allerorten ist und hat eine eigene Linie für XX-Chromosome eingeführt, extra in einem eigenen Eck des Regals, knallpink, und mit dem Vermerk ‚für Mädchen‘ versehen, sicherheitshalber, falls jemand die Botschaft noch nicht bekommen hat. Das an sich ist ja schon mal verdächtig genug, aber was mich wirklich zum schäumen gebracht hat, das war die Motivwahl. Bei den Knaben gibt es also Dinosaurier und Steinzeitleute und Ritter und Römer und Vulkaninseln und Piraten und Bauernhöfe und die Arche Noah und Drachen (ja, fucking DRACHEN) und Westernsaloons und Zoos und Raumstationen und…und… und…
Und bei den Mädchen? Eissalon, Schönheitszentrum, Kleiderboutique, Einkaufszentrum, Ponyhof, Tierarztpraxis und ausgesprochen rosafarbene Feeninseln mit Glitzer obendrauf. Oh, und eine Küche gibt es natürlich auch. Vergessen wir ja nicht auf die Küche, damit wiederum die lieben Kleinen nicht vergessen, wo sie hingehören. Ernsthaft jetzt, wenn es bei uns jemals ein Weihnachten gegeben hätte, bei dem Jo eine Vulkaninsel mit Geheimgang und Opferaltar gekriegt hätte und ich eine Kleiderboutique, dann wäre Blut geflossen.

„Ja, aber Sarah“, könnte jetzt jemand von euch einwenden (traut euch nur!): „Es hindert ja weiterhin keiner die kleinen Mädchen dran, sich die Drachen und Raumfahrer zu wünschen, so das ihr Wille ist!“
Worauf ich sage: doch. Mich vielleicht nicht, weil ich gloriose Eltern habe, die sich lieber beide Hände abgeschnitten hätten, als mich in vorgefertigte Geschlechterklischees zu drängen. Als ich mir mit drei eine Puppe zu Weihnachten gewünscht hab, war das wunderbar – und genau so wunderbar war es, als ich ein Jahr später lieber einen Werkzeugkasten für Kinder haben wollte. Niemand, NIEMAND hat mich je gefragt: „Bist du sicher?“ oder „Das ist doch was für Buben!“ Mir war nicht einmal klar, dass ich mit dem Wunsch nach Hammer und Säge eigentlich gegen irgendetwas verstoße, und das war auch verdammt richtig so.
Aber nicht jeder kann mit solchen Altvorderen gesegnet sein. Es wird die Mütter geben, die sagen: „Ah, willst du nicht lieber was von dem Stapel dort drüben? Das würd doch besser passen?“ Es wird wird die Großeltern geben, die hören, dass Klein-Susi sich zu Weihnachten Playmobil wünscht und ihr dann lieber was Rosafarbenes** schenken, wo das doch schon so hübsch markiert ist. Und es wird die kleinen Mädchen selbst geben, die sich von der Werbung erklären lassen, dass das genau das ist, was sie auf ihren Christkindzettel zu setzen haben. Und dann, viele Jahre später, wenn sie vor der Berufswahl stehen und ihnen jemand sagt: „Bist du sicher? Das ist doch eher was für Männer“, dann wird sie ihr gesamtes bisheriges Leben darauf vorbereitet haben, diesen Müll zu glauben.

Oh, und bevor meine Brandrede zu einseitig wird: ich behaupte nicht, dass wir in Hinkunft nur noch Unisex-Spielzeug haben sollten, oder nur noch harrrrte, mannhafte Dinge wie testosterongebeutelte Piraten und Rittersmänner. Ich hab nicht das geringste Problem damit, dass es Feen und Ponyhöfe und Kleiderboutiquen gibt – ich reg mich nur endlos darüber auf, dass uns schon von vornherein erklärt wird, für was von beidem sich ein Kind jeweils entscheiden sollte. Abgesehen davon, dass diese strikte Unterteilung von Spielzeug in Geschlechter nicht für die eine Seite des Genpools potentiell schädlich ist. Was ist mit dem Buben, der Rosa mag und Ponys und Kätzchen? Was ist mit dem, der kochen will, dem aber gesagt wird, dass das doof ist und das er sich gefälligst an die Piraten zu halten hat? Entweder bringen wir ihm damit bei, das alles, was in die weibliche Domäne fällt, grundsätzlich mal irgendwie minderwertig ist – oder, schlimmer noch, dass alles, was ER mag und was ihm gefällt, irgendwie minderwertig ist. So etwas wie das hier http://mashable.com/2014/02/05/suicide-my-little-pony/ ist zwar ein extremes Beispiel, aber am Ende halt auch eine logische Konsequenz.

So, Tobsuchtsanfall aus.

*wir hatten auch Barbies, falls es jemanden interessiert. Allerdings trugen etliche von denen gröbere Folterspuren, weil wir mal eine Zeit lang eindeutig zu viele Kalter-Krieg-Dokus gesehen hatten und danach KGB-Barbie viel damit beschäftigt war, aus CIA-Ken die geheimen Truppenstützpunkte herauszuholen.
**Wobei natürlich Rosa als typisch weibliche Farbe auch ein rein kulturelles Konstrukt der letzten paar Jahrzehnte ist. Vor hundertfünfzig Jahren noch war Rosa die klassische Kleinbubenfarbe, weil es an das starke, männliche Rot gemahnt, während man Mädchen viel lieber in das sanftere Babyblau gewandet hat.

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2 Antworten zu Ein kleiner Tobsuchtsanafall gegen rosa Püppchen

  1. miss_polkadot schreibt:

    darf ich hierzu deinen tobsuchtsanfall noch erweitern: ich hab gedacht ich zuck aus, wie ich gesehen habe, dass es kinderbackbehelfsmittelsets (also gummihund, schneebesen, schüsserl, etc.) entweder in rosatönen oder blautönen gibt. aber selten wo in bunt. also beide dürfen kochen/backen, aber bitte nur in den geschlechterkorrekten farben. weil mädchen natürlich nur mit rosa backbehelfsmitteln arbeiten können, ist ja klar.
    man kann diesen trend aber schon sehr gut beobachten in den letzten jahren. und ich hab einige freunde mit v.a. mädchen unter zehn, und da sind auch ein paar dabei die nur rosa anziehen wollen, nur mit feen, elfen, glitzereinhornpegasi (pegasusse? pegassen? pegasa?) (und nein, ich übertreib nicht. einhorn oder pegasus ist jeweils zu wenig) und sonstigem rosa glitzerklumpert spielen wollen. auch wenn jetzt die eltern wirklich nicht auf „du bist ein mädchen, du hast dich den derzeit gängigen geschlechterrollen anpassen, sprich, du musst alles in rosa haben) sind. frustrierend, das ganze.
    oh, und du kennst dieses video, oder?: https://www.youtube.com/watch?v=-CU040Hqbas
    sehr treffend gesagt von der kleinen.

  2. Alexander T. schreibt:

    „und was wir mit dem Westernsaloon aufführen, das mag ich gar nicht wiedergeben,“
    Genau das wollen jetzt aber alle ganzgenau wissen. *FG*
    Eben so wie die fehlende fortsetzung zur deutschen Bahn *Ohrwurm *

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