Von bissigen Postlern und Boris

Ich gehe also heute zur Post, um meine Wahlkarte* abzuholen und sehe mich mit einem ungewohnten, fast verstörendem Anblick konfrontiert: einer leeren Filiale. Keine Menschenmasse, keine Schlangen, keine alten Damen, die nur schnell einen Brief an ihre Enkelin aufgeben wollen und dafür so lange brauchen, dass man in der Zwischenzeit hinter ihnen die Liebe seines Lebens finden, heiraten, Kinder großziehen, Kinder auf die Universität schicken, eine Midlife-crisis bekommen, sich scheiden lassen, nach Timbuktu ziehen, dort eine Ziegenfarm gründen und mit dem gereiften Ziegenkäse zurück in die Filiale kommen könnte. Nicht davon.

Ich bin so verblüfft, dass ich auf der Stelle stehen bleibe. Ist das eine Falle? Ein Hinterhalt? Ich erwäge kurz, sicherheitshalber hinter dem Stand mit Postmarken mit Wienmotiven in Deckung zu gehen, aber – zu spät! Der rundgesichtige junge Postbeamte bei Schalter 1 hat mich erspäht! Er strahlt breit und winkt mich zu sich.

Postbeamter: „Kommen’s ruhig, ich beiß heut nicht.“
Sarah: „Was heißt ‚heute‘? Sonst schon?“
Postbeamter: „Von Zeit zu Zeit.“
Sarah: „Ah. An welchen Wochentagen denn?“
Postbeamter: „Immer Montags.“
Sarah: „Gut zu wissen. Das heißt, am Montag geb ich hier besser keine Post auf.“
Postbeamter: „Hm-hm. Außer nächsten Montag, da hab ich frei, da können Sie also kommen!“
Sarah: „Das sagen Sie! Aber was, wenn die einen Ersatzbeißer bestellt haben?“
Postbeamter: „Gute Frage – für Vertretungen ist die Versandabteilung zuständig, soll ich nachfragen?“
Sarah: „Machen Sie sich bitte wegen mir keinen Aufwand. Ich schau einfach auf der Homepage nach, da wird’s ja wohl einen Ersatzbeißervermerk geben.“
Postbeamter: „Ja, das ist wahrscheinlich am einfachsten. Das macht dann im übrigen Einsneunzig.“

In other news: für’s heutige Abendessen war eigentlich ein Orangen-Fenchel-Brokkoli-Salat geplant. Daran, dass das jetzt sehr nachdrücklich ein Orangen-Fenchel-kein-Brokkoli-Salat geworden ist, liegt daran, dass der Brokkoli schon mit Vorbesitzer gekommen ist. Der heißt Boris und sitzt jetzt vorläufig in einem Marmeladenglas, natürlich mit Luftlöchern im Deckeln und dem Gutteil vom Brokkoli zur Gesellschaft. Gut, zugegeben, ich hab keine Ahnung, ob Boris wirklich sein Name ist – auf Nachfragen reagiert er nicht, und Ausweis hatte er keinen dabei – aber wenn er schon mein Abendessen ursupiert***, dann kann er gefälligst auch Boris heißen, wenn mir danach ist. Das Googleorakel identifiziert ihn als Kohlweißlingsraupe – aber bei meinem Glück ist er wahrscheinlich in Wirklichkeit der erste Gesandte einer außerirdischen Rasse, die genau so lange in Frieden gekommen ist, bis so ein Dolm betreffenden Gesandten in ein Marmeladenglas mit Brokkoli gesperrt hat.

Wir werden ja sehen.

*bin während der EU-Wahl nicht im Land, aber ich werd einen Teufel tun, durch Nichtwählen dem rechten Dreckspack in die Hände zu spielen. (Kleine Bemerkung am Rande: ich habe für Nichtwähler sehr, sehr wenig Verständnis. Nichtwählen ist nur dann ein politisches Statement, wenn man alle Parteien gleich miserabel findet und/oder die Wahl an sich unzulässig, weil beispielsweise von vornherein von Wahlbetrug auszugehen ist. Bei einer halbwegs gesichtert demokratischen Wahl jedoch, bei der zwischen den einzelnen Parteien eindeutige Unterschiede auszumachen ist… nun, dann sieht die Sache anders aus. Dann ist es meine verdammte Bürgerpflicht, das kleinstmögliche Übel zu wählen, selbst, wenn ich nicht mit allen Positionen einverstanden bin – ansonsten vergebe ich nämlich meine Chance, der dem größtmöglichen Übel** zumindest ein kleines bisschen zu schaden.)

**und seine wir ehrlich, wir wissen alle, wer das ist.

*** Ja, ja, ich weiß – je nach Perspektive könnte man gut argumentieren, dass in Wahrheit ICH die bin, die SEIN Abendessen klauen wollte. Aber was soll man machen, Geschichtsschreibung ist immer irgendwie parteiisch.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Von bissigen Postlern und Boris

  1. Mountfright schreibt:

    Es ist echt ein Phänomen – selbst wenn Du in einem Nichtmalzwanzigzeiler den Flirt* mit einem Postmenschen beschreibst ist das interessanter als komplette Liebesromane anderer Leute.

    Was das Nichtwählen betrifft – ich war auch immer dagegen, gerate aber immer häufiger in Versuchung, wenn ich sehe, dass mit einer Ausnahme alle Parteien in unserem (also deutschen) Bundestag die selben Interessen vertreten, und sich nur in der Rethorik unterscheiden. Die eine Ausnahme vertritt jedoch nicht meine Interessen und die Kandidaten für „fast ins Parlament geschafft“ sind einfach nur grauenvoll. Selbstverständlich werde ich trotzdem wählen – wir haben neben der Europawahl auch Kommunalwahlen vor der Brust, und wenn man mit Wahlen überhaupt irgendetwas bewirken kann, dann an diesen beiden Stellen. Aber ich werde mir diesmal die angeblich Chancenlosen und die lokalen Parteialternativen sehr genau anschauen.

    *Doch, das war ein Flirt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.