Von jungen Leuten und rosa Umschlägen

„Restlicher Criminalebericht kommt morgen“, sagt Schreiberling.

Und geht dann zwei Tage auf Tauchstation, zuerst, weil sie in Linz auf einem Konzert ist* und dann gestern den ganzen Tag in Besprechungen hängt. Verzeiht.

Also, was ist sonst noch von der Criminale zu berichten? Nun, wirklich erzählenswert war vor allem ein kurzer Moment beim Tango Criminale, der Abschlussveranstaltung der ganzen Geschichte.

Dort wird nämlich unter anderem der Glauser-Preis verliehen und diese Verleihung hat zutiefst mein Herz erfreut. Nicht so sehr wegen der Preisträger – die sicher alles liebreizende Menschen sind, ich kenne sie nur allesamt nicht und kann drum schwerlich für sie jubilieren – sondern wegen der Jury des Jugendbuchpreises. Die bestand aus einem Grüppchen etwa 14-16-Jähriger, die kein Problem damit hatten, sich vor einen ganzen Saal voll Würdenträgern hinzustellen… und den Preisträger nicht sofort bekannt zu geben. Stattdessen haben sie sich mit einem kleinen präzise formulierten Vorwort an die anwesenden Verleger gewendet, dass sich (paraphrasiert) auf die folgenden beiden Punkte zusammen fassen lässt:

a) Bitte, bitte spart euch diese rosafarbenen Umschläge mit den Kringeln und Herzchen drauf. Wir haben die überbordende Aufteilung in Buben- und Mädchenliteratur gründlich satt. Wir brauchen keine Umschläge, die uns sagen, welches Geschlecht welche Bücher lesen darf – was wir lesen wollen, das suchen wir uns nämlich lieber selbst aus, herzlichen Dank.
b) Nehmt uns bitte ernst. Wir merken, wenn bei einem Buch am Lektorat gespart worden ist. Nur weil wir 14 sind, sind wir nicht blöd und fühlen uns von einem fehlerstrotzenden Text in unserer Intelligenz genau so beleidigt wie jeder andere Leser auch.

Ich bin nicht sicher, ob es von der Veranstaltung eine gibt – aber wenn, dann dürfte man unter dem tosenden Jubel des Publikums auch mein hemmungsloses Jauchzen hören. Ich muss wohl kaum erklären, warum mich beide Aussagen so begeistert haben – war nichts dabei, was ich nicht selber seit Jahren (mit gelegentlichem Schaum vorm Mund) predige. Ich hab später ein wenig mit zwei der Jugendlichen aus der Jury geplaudert und ihnen sowohl zu den klugen Kritikpunkten gratuliert, als auch zum Mut, sie in so einem Rahmen vorzubringen. Die haben mir dann erzählt, dass ihre Lehrer ihr Bestes getan haben, die Aktion zu verhindern – und dann am erbitterten Widerstand ihrer Schüler gescheitert sind.

Respekt, meine Damen und Herren. Großen, großen Respekt.

*Chick Corea. Schad, dass der Typ Scientologe ist, spielen könnt er nämlich fein. Nicht ganz mein bevorzugter Stil von Klaviermusik – ich bin halt so ein Fan von Chopin der wie Chopin klingt – aber durchaus fein. Wobei der faszinierendste Teil sicherlich der war, als er ins Publikum gefragt hat, ob nicht irgendwer mit ihm improvisieren will. Nach anfänglichem zögern hat sich tatsächlich ein Herr gemeldet und hat sich zu ihm ans Klavier gesetzt. Die zwei haben sich ein, zwei Minuten lang gegenseitig mit vorsichtig angeschlagenen Akkorden beschnuppert – und danach das schönste, vielschichtigste Stück des ganzen Abends hingelegt. Ich gestehe, das gemeinsame improvisieren ist etwas, dass ich den Musikern neide. Autoren können zwar gemeinsam Ideen spinnen, uns austauschen, brainstormen – aber das ist selten so unmittelbar, so gemeinsam. Bei uns sind immer noch Wörter dazwischen, ausformulierte Gedanken – bei den Musikern ist da einfach nur eine Melodie, die beide in den Raum spinnen, die aus sich selbst heraus zu entstehen scheint. Für mich hat das fast etwas von Magie.

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Eine Antwort zu Von jungen Leuten und rosa Umschlägen

  1. Leonardo schreibt:

    Ich improvisiere zuweilen – in der Kirche. Ich spiele dort nämlich Orgel und Klavier.
    Wenn ich improvisiere, bin ich manchmal selbst über mich überrascht. In der Regel kann ich mich danach nicht mehr erinnern, was ich gerade gespielt habe. Und schon gar nicht kann ich es reproduzieren. Wiewohl manches Wert wohl wäre aufgeschrieben zu werden.
    Wenn ich improvisiere, ja das könnte man Magie nennen, wiewohl es für mich nicht magisch ist. Ich sage ganz schlicht, dass es ein Wirken des Heiligen Geistes ist.

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