Herr Inspektor, das war so…

Ich wollte ja noch bei meiner Zeugenaussage neulich berichten. Die war gerade für einen Krimischreiberling sehr lehrreich, vor allem, was die Zuverlässigkeit von solchen Aussagen angeht.

a) Bist du deppert, fragen die genau. Wir haben fast eine Dreiviertelstunde gebraucht, um ein Ereignis zu dokumentieren, dass in Realzeit (ein Idiot überholt uns bei Gegenverkehr, reiht sich hastig wieder ein und erwischt dabei das nachfahrende Auto) vielleicht dreißig Sekunden in Anspruch genommen hat. Es wird ja viel über die Polizei geschimpft, aber zumindest über den Posten Eferding kann ich sagen: die machen ihre Arbeit gründlich.

b) Erstaunlich, worauf man in einer Stressituation alles hätte aufpassen sollen. Der Beamte war so freundlich, zuvorkommend und geduldig, wie man nur sein kann – und trotzdem hatte ich dauernd das Gefühl, dass ich unvorbereitet zu einer Schularbeit aufgetaucht bin. „Nein, ich kann den ganzen Namen der Bundesstraße nicht auswendig, auf der es passiert ist.“ -„Nein, ich kann mich nicht genau daran erinnern, ob zum Unfallzeitpunkt links von mir gerade Bäume waren oder nicht.“ – „Ja, ich bin ziemlich sicher, dass es nach dem Erdbeerstand am Ortsausgang passiert ist – aber nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wann mir der Erbeerstand bewusst aufgefallen ist. Ich sitz selten im Auto und denk mir: ‚Huch, ein gut zu erkennendes Landmerkmal! Muss ich mir merken, falls mich gleich wer anfährt!'“

c) Sogar, wenn man die absolute Wahrheit sagt und der Tathergang wirklich simpel war – irgendwo widerspricht man sich trotzdem selbst, verhaspelt sich, korrigiert seine eigene Erinnerung. Das hat nichts mit böswilliger Täuschungsabsicht zu tun, sondern damit, dass das menschliche Erinnerungsvermögen beschränkt ist und sich das Hirn Tatsachen, die ihm fehlen, gerne einmal selber zusammenbastelt. So bin ich zum Beispiel automatisch davon ausgegangen, dass ich den Erdbeerstand gesehen haben MUSS, einfach drum, weil der dort auf der Strecke ist – das heißt aber nicht, dass ich ihn wirklich gesehen HABE. Wenn die das Teil justament an diesem Tag abgebaut gehabt hätten, dann hätte ich mich glatt einer Falschaussage schuldig gemacht, ohne, dass es mir jemals aufgefallen wäre.
Ist mir eine Lehre, wenn ich in Hinkunft Verhörszenen schreibe – kleine Fehler und Widersprüche heißen nicht automatisch, dass die Person lügt. Sie hat nur ihr eigenes Hirn nicht scharf genug hinterfragt.

d) 133 anrufen ist in solchen Fällen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Der Beamte war war, wie gesagt, durchgehend geduldig und freundlich – nur ein einziges Mal hat er mich wirklich streng angeschaut. Nämlich ob der Feststellung, dass wir gar nicht auf die Idee gekommen sind, schon vom Auto aus die Polizei zu rufen.

Ich paraphrasiere:

Er: „Warum nicht?“
Ich: „Ich war in dem Moment ein bisschen auf andere Dinge konzentriert. Und wir waren am Anfang nicht mal sicher, ob wir ihn überhaupt anzeigen sollen…“
Er: „Warum?!“
Ich: „Weil uns ja nichts passiert ist.“
Er: „Aber dann haben Sie entschieden, dass sie es doch tun, weil…?“
Ich: „Weil UNS zwar nichts passiert ist, aber nächste vielleicht weniger Glück hat als wir, wenn der Depp so weiterfährt.“
Er: „Eben. Und drum ist es wichtig, dass sie sowas so früh wie möglich melden. Sie haben doch ein Handy dabeigehabt?“
Ich: „Ja, aber… ich hab doch nicht die Nummer vom nächsten Komissariat eingespeichert.“
Er: „Was glauben’S, wofür die Notrufnummer da ist?“
Sie: „Die Notrufnummer!? Ich kann doch nicht die Notrufnummer für einen Lackschaden blockieren!“
Er: „Erstens – sie werden ja eh weitergeleitet, also länger als eine halbe Minute blockieren Sie gar nichts. Zweitens – doch, können Sie. Wenn jemand gemeingefährlich handelt, dann rufen’S bitte in Zukunft sofort an. Der fährt ja weiter und schießt am Ende den nächsten wirklich ab.“
Ich: „Ich werd’s weitersagen.“

Und das, oh Freunde, hab ich hiermit getan

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