Von Allmacht und Himbeermarmelade

Letztes Wochenende war ich bei meinen Eltern in Oberösterreich und musste wieder einmal meine Hände beschäftigen – was zuerst in dreiundzwanzig gemeinsam mit meinem Vater gepflückten Kilo Himbeeren gemündet hat und dann in Himbeermarmelade. Letztere ist, wenn ich mich diesem Moment der Unbescheidenheit hingeben und Zeugenaussagen glauben darf, recht erfreulich geworden. Zumindest bin ich am nächsten Morgen in die Küche gekommen und fand meinen Vater vor, der das Zeug mit sichtlichem Enthusiasmus pur gelöffelt hat, mit den Worten: „Normalerweise ess ich ja keine Marmelade zum Frühstück.“
Und ich sag euch was: die Marmelade hat er sich auch bitter verdient, und zwar durch eine Erziehungsentscheidung zwanzig Jahre früher.

Als kleines Kind hat mich die kuriose Alchemie von Küche und Herd zutiefst mich fasziniert. Später kamen die Eine-Emanzipierte-Frau-Herd-nichts-Verloren-Verwirrungen meiner frühen Teenagerjahre und etwas später die Eine-Dicke-Frau-Die-Sich-mit-Nahrung-auf-Genussvoller-Ebene-Beschäftigt-ist-Unzulässig-Körperimageprobleme der Pubertät und Postpubertät, aber als Kind hab ich gerne gekocht.

Was nicht sagen will ‚gut‘. Eine entfesselte Siebenjährige in der Küche kann erstaunliche kulinarische Gräueltaten begehen, sogar dann, wenn sie noch keine Herdplatten bedienen darf. Und diese Verbrechen gegen den guten Geschmack dann noch der Welt präsentieren, als wären sie haute cuisine. Ich hatte einmal eine Phase, in der ich mehrmals die Woche eine Eigenkreation aus zermantschten Bananen und unmengen Zucker fabriziert habe – ich hatte sogar irgendeinen klangvollen Namen dafür, deucht mich – oder eine andere, in der ich mich ernsthaft an der Herstellung von Gemüsesuppe versucht und daran auf fast epische Weise gescheitert bin. (Memo: selbst der geduldigste Brokkoli erträgt keine halbe Teetasse Nelkenpulver.)

Und hier gibt es jetzt mehrere Möglichkeiten, wie Eltern reagieren können. Sie können dem Kind erklären, dass es noch nicht alt genug ist für so etwas. Sie können das angebotene Gericht dankend und lobend annehmen und dann bei der ersten Gelegenheit im Müll verschwinden lassen.

Oder sie können sich wie mein Vater verhalten, der das Ego seiner Tochter auf jeden Fall schonen wollte und alles, aber auch wirklich alles, mit absoluter Todesverachtung aufgegessen hat. Und dann noch so getan hat, als sei ihm da ein gerade ein Haubenmenü auf silbernen Tellern dargeboten worden.*

So etwas sitzt tief. Ganz, ganz tief. Denn egal, was mich in den nächsten Jahren am Kochen gehindert hat, sei es etwas unausgegorener Frühfeminismus oder Probleme mit mir und meinem Spiegelbild oder schlichter Zeitmangel – die Idee, dass ich es unter irgendwelchen Umständen nicht können könnte, die hat nie dazu gehört.

Danke, Papa.

*Genau so ist er im übrigen auch mit meinen ersten Schreibversuchen umgegangen, meinen ersten Zeichnungen („Krieg ich das? Ich bin Kunstsammler und brauch es für meine Sammlung.“) oder meinen Versuchen, in seiner Werkstatt große Erfindungen zu machen und die Welt damit zu revolutionieren. Bis zum Alter von sieben oder acht war ich komplett von meiner eigenen Allmacht überzeugt – ein Geisteszustand, den ich allen Kindern nur wärmstens Empfehlen kann.

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6 Antworten zu Von Allmacht und Himbeermarmelade

  1. Leonardo schreibt:

    Genialer Papa.
    Hoffe, ich bin ähnlich im Umgang mit meinen Kindern. Bemühe mich jedenfalls.

    Apropos kochen: Gibt es schon ein SOKO-Drehbuch mit kulinarischem Plot?

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Nope, gibt es nicht, wieder aus einem drehtechnischen Grund: anscheinend ist es in Wien fast unmöglich, Caféhäuser und Restaurants zum Drehen zu bekommen. Ich wollte schon vor Jahren mal eine Leiche in einer Tortenvitrine platzieren, direkt zwischen die Cremeschnitten. Quasi Schneewittchen mit Kuchen drumherum.

  3. dschidschei schreibt:

    Deine Himbeermarmelade hat bereits fast zu Familienzwistigkeiten geführt, weil Flora sie … direkt aus dem Glas gelöffelt hat. (Und das tut sie sonst nicht.) „He, Flora, wir möchten auch noch was!!“

  4. Alexander T. schreibt:

    Gregor Seberg im Taucheranzug mit Flossen -Eine Unterwasser Verfolgung von Froschmann gehört her !!!! „SOKO FROSCH “
    Wenn der Räuber Hotzenplotz lieber die Marmelade nimmt statt der greislichen Kaffemühle *g*
    Und wirkliche Donau Piraten hatten wir glaub ich auch noch nicht dabei haben wir so gar eine Au zum verstecken.

    • Alexander T. schreibt:

      Und damit es weniger Kinder wärden in Wien : Wien hat einen Wasserspielplatz !
      Wenn sie davor nicht Schwimmen können können sie es nacher auch nicht und man hat eine Kinderleiche für die SOKO Frosch

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