Von einer dargebotenen Kehle

Ich wollte hier schon länger einen kleinen Ausschnitt aus meiner Magisterarbeit posten, in dem es um die mutwillige Verletzlichkeit beim Schreiben geht. Die ersten paar Absätze kennen ein paar von euch vielleicht schon, weil sie auf diesem Blog ihren Ausgang genommen haben, aber vielleicht interessieren jemanden die Ergänzungsgrübeleien auch noch.

Ich für meinen Teil habe schon viel Zeug geschrieben, bei dem ich mich sicher gefühlt hab, die reine Gedankenspiele waren, bei denen ich nichts preisgeben musste. Diese Geschichten kommen manchmal besser an, manchmal schlechter, egal. Aber sie waren immer Schauwerk, Spiegeltricks. Die wirklich gut waren, die irgendjemanden an die Seele gerührt haben… das waren unweigerlich fast immer die, zu denen ich mich gezwungen hab. Die irgendetwas enthalten, das ich im normalen Leben sorgsam verstecke: eine heimliche Liebe oder ein hinuntergeschluckter Zorn, eine alte Verletzung, eine dunkle Phantasie, eine Erinnerung an die Einsamkeit um ein Uhr morgens in der letzten U-Bahn.
Ich tarne diese Dinge dann gut, tief in den Knochen der Geschichte, eingewickelt in Lage um Lage an Metapher und Schaut-nicht-hin-ich-bin-nicht-diese-Figur, aber das ändert nichts daran, dass ich beim Schreiben dauernd das Gefühl habe, dass ich gerade vor der ganzen Welt meine Kehle entblöße. Aber gerade diese Geschichten – die, bei denen ich glaube, dass mich danach unmöglich noch jemand mögen kann, weil ich zu viel gesagt habe, weil ich mich verraten habe… das sind genau die, mit denen ich am Ende die tiefsten Verbindungen hergestellt hab. Vielleicht ist es ja so, dass Geschichten in Wahrheit Golems sind, aus Wörtern statt aus Lehm, aber Golems nichtsdestotrotz: sie haben keine eigene Seele und können nur dann leben, wenn der Autor ihnen ein kleines Stückchen von seiner eigenen gibt.

Nachdem ich vorhin schon Shakespeare erwähnt habe: ich hab zum Beispiel den Verdacht, dass der das Konzept sehr genau begriffen hatte. Wir wissen zwar nicht genug über sein Privatleben, um zu sagen: „Da hat er sich persönlich eingebracht, und da, und da!“ und können höchstens vermuten, dass einige seiner biestigeren Frauenfiguren etwas mit seiner suboptimalen Ehe zu tun hatten. Was jedoch auffällt ist die Art, wie er bewusst akzeptierte Verletzlichkeit immer wieder in seinen Stücken thematisiert – und die Wirkung, die es auf das Gegenüber hat.

Das klassische Beispiel dazu ist Richard III, der zuerst Lady Annes Ehemann umbringt und ihr dann ausgerechnet auf dessen Trauerzug einen Heiratsantrag macht. Um sie von seiner Liebe zu überzeugen, bietet er ihr sein Schwert und seine bloße Brust an: „And let the soul forth that adoreth thee, I lay it naked to the deadly stroke, and humbly beg the death upon my knee.“ Allerdings ist da von Anfang an klar, dass Richard III mit ihr spielt, dass er Lady Anne manipuliert. Er ist sich ziemlich sicher, dass er mit dem Leben davonkommen wird und dass in Wahrheit sie diejenige ist, die am Ende stirbt.

Viel stärker ist die Situation natürlich, wenn die Grenzen nicht so klar gezogen werden können. Meine absolute Lieblingsszene in Coriolanus ist die, wo der Titelheld seinem Erzfeind Aufidius seine Dienste anbietet, nachdem seine eigenen Leute ihn verstoßen haben. Wenn Aufidius seine Dienste aber nicht haben wolle, so werde sich Coriolanus kampflos töten lassen: „Then, in a word, I am also longer to live most weary, and present my throat to thee and to thy ancient malice; Which not to cut would show thee but a fool, since I have ever followed thee with hate (…) and cannot live but to thy shame, unless it be to do thee service.“

Für mich misst sich jede Inszenierung des Stücks an diesem Moment. In den schlechteren verkommt sie zu purer Theatralik, bei der der sonst bis zur Selbstzerstörung ehrliche Coriolanus plötzlich zum Manipulator wird. In den guten jedoch meint er es todernst: wenn Aufidius in diesem Moment zum Dolch greifen würde, er würde stillhalten und ihn gewähren lassen. Der große Krieger, der sich lieber besiegen lässt, als weiterzuleben – die Szene bezieht ihre Macht nicht nur aus der körperlichen Situation, der Klinge eines Feindes am Hals, sondern aus der intellektuellen und emotionalen Wehrlosigkeit, der sich Coriolanus ausliefert. Jetzt liegen alle Karten auf den Tisch, er hat dem, der ihn am meisten hasst, sein ganzes Wesen und die Tiefe seiner Verletztheit offenbart – und damit macht er seinerseits Aufidius wehrlos, berührt ihn viel tiefer, als wenn er mit Argumenten gekommen wäre, oder mit Waffen.
Wahrscheinlich projiziere ich da, aber an dieser Stelle kann ich nie anders, als zu denken, dass Shakespeare nicht nur von politischen Ränkespielen spricht, sondern auch von etwas, das eben gerade uns Geschichtenerzähler betrifft. Wer berühren will, muss seiner- oder ihrerseits zulassen, berührt zu werden, die Alternative ist Manipulation und Schattenspiel. Eine Zeit lang kann man sich wahrscheinlich durchschummeln, aber nur, wenn man mit seinem Publikum dasselbe vorhat wie Richard mit Lady Anne: „I’ll have; but I will not keep her long.“

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Eine Antwort zu Von einer dargebotenen Kehle

  1. Alexander T. schreibt:

    Thomas Pletzinger: „Man kann nur über sich selbst schreiben. Und daran scheitern“

    Oder man steigt in einen Fluss der ist sicher nie der selbe und doch bleibt es ein Fluss.

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