Von zwei Kindheiten

Frau Doktor D. ist um die achzig, rasiermesserscharf in ihrer Beobachtung und ein scheinbar unerschöpflicher Quell von Anekdoten über Aschach und seine Historie. So jemand kann natürlich nicht ewig in Frieden leben, ohne das früher oder später eine kleine rothaarige Drehbuchautorin vor ihrer Haustür steht und um Geschichten bettelt. Das ist einfach der unvermeidliche Lauf der Dinge, fürchte ich.

Heute morgen hat sie sich liebenswürdigerweise gleich mehrere Stunden Zeit für mich genommen und ich hab viele, viele gloriose Dinge über meinen Heimatort erfahren – inklusive der Tatsache, dass das Auto, in dem in Sarajevo ein gewisser Thronfolger erschossen wurde, ursprünglich aus Aschach stammt.* Was mein Schreiberlingshirn aber wirklich zum Prickeln gebrach hat, das war, dass ihr Vater ebenfalls der Aschacher Gemeindearzt war, genau so, wie der meine es heute ist. Wir sind also am selben Ort aufgewachsen, beide als Tochter eines Landarztes – nur eben um zwei Generationen versetzt. Mit einem Mal hatte ich ein Fenster in meine eigene Kindheit, wie sie vor fünfzig, sechzig Jahren ausgesehen hätte. Ihr könnt euch vorstellen, wie hochgradig fasziniert ich war – und dass ich in absehbarer Zeit wieder vor Frau Doktor D.s Tür stehen werd, mit gezücktem Notizbuch und meiner besten hoffnungsvollen Erzählen-Sie-mir-was?-Mine.
(Wichtigster Unterschied: ruhigere Silvesterabende, weil die Leute damals mehr Respekt vor Böllern hatten und folglich nicht um 00:01 die ersten Vollidioten mit fehlenden Fingern vor der Tür standen. Auf der anderen Seite bin ich herzlich dankbar dafür, dass Papa heute sich nicht mehr im tiefsten Winter stundenlang mit Pferden und Schlitten zum nächsten Patienten durchkämpfen muss. Hat alles so sein Für und Wider.)

*Um genau zu sein: Aus dem Besitz von Franz Graf von Harrach, der hier sein Sommerschlösschen hatte. Anscheinend hatten die Habsburger selbst keine Autos, weil mal eines die Kutschpferde von Franz-Joseph erschreckt hatte und der seitdem einen gewissen Anfraß auf alles mit Motor hatte. Als es dann nach Sarajevo ging, sagte der eine Franz zum anderen Franz: „Du, Franz, mein Papa Franz mag keine Autos, könntest du mir mal eben deines leihen? Kriegst es eh gleich wieder.“ Das war dann zwar gelogen, aber damit konnte ja nun wirklich keiner der Fränze rechnen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Von zwei Kindheiten

  1. J. R. Hermes schreibt:

    hi!

    da hatte ich doch was darüber gelesen… aja, hier war das: http://www.datum.at/artikel/moerderkarre/

    aber tolle geschichte mit dem blick in die Vergangenheit. klingt nach vergnüglichen stunden.
    j.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s