Von scharfen Dingen

Ich mache wenig Geheimnis daraus, dass ich eine gewissen Vorliebe für Messer hege. Sie verbinden nun einmal gleich zwei von meinen Lieblingskategorien von Gegenständen, nämlich solche, die in der Küche nützlich ist und solche, die potentiell einmal mit der Aufschrift „Beweisstück 76B“ in einem Gerichtsakt aufscheinen könnten.*

Seit längerer Zeit – oder genauer gesagt: seit der letzte Manufactum-Katalog im Postkasten gelandet ist – treibt mich nun ein zu arger Schmachter nach einer bestimmten Art von handgeschmiedeten japanischen Küchenmesser um. Erstens, wegen ihrer Formschönheit, zweitens, weil sie wesentlich dünner sind als die klassischen Europäischen und mit einem höheren Kohlenstoffgehalt – das macht sie anfälliger auf Rost, verleiht ihnen aber auch eine unglaubliche Schärfe.

Den Dingern im Manufactum-Katalog konnte ich bisher widerstehen, hauptsächlich, weil sie so saumäßig teuer sind, dass ich die Anschaffung einfach mit keinem noch so guten „Aber das ist Recherche! Ehrlich!“-Argument vor mir selber hätte rechtfertigen können. Allerdings bin ich auch nur ein Mensch und dann hatten Jacob und ich heute unsere Besprechung auch noch im Café Nil und neben dem Café Nil wiederum liegt das Messerfachgeschäft Lorenzi und die hatten wiederum genau diese japanischen Klingen in der Auslage, nur zu einem wesentlich schreiberlingsbudgetgemäßem Preis und… nun ja. Was soll ich sagen?

Das Geschäft ist gefühlte fünf Quadratmeter groß, aber unglaublich gut sortiert und von ganz offensichtlichen Liebhabern betrieben, die mir etwa dreißig Minuten lang mit Geduld und Enthusiasmus die Unterschiede zwischen den einzigen Damast-Herstellungsarten erklärt haben. Dann hab ich noch eine kleine Einführung ins richtige Messerschleifen bekommen, sowie einen kleinen Abriss über die Firmengeschichte verschiedener Messerhersteller. Wenn ich nicht danach hätte Arbeiten müssen, dann wär ich wahrscheinlich stunden lang dort drin gestanden und hätte ihnen einfach zugehört.
Nach langem hin- und her hab ich mich schließlich für zwei Klingen entschieden: ein Fleisch- und ein Allzweckmesser, beide aus kleineren Manufakturen.
Ersteres fällt durch einen Griff im europäsichen Stil auf – anscheinend ist das in Japan gerade modern, genau so, wie bei uns japanische Messer im Trend liegen. Die Klinge ist allerdings traditionell japanisch, was das Messer in meinen Augen zu einem wunderschönen Stück Fusionskunst macht. Das zweite Messer ist eine Allzweckklinge, stammt aus einem kleinen Drei-Personen-Familienbetrieb und ist so scharf, dass ich damit vorhin eine Mandarine samt Schale in millimeterdünne Scheibchen filetiert hab, ohne auch nur Widerstand zu spüren. Besagter Familienbetrieb hat allerdings momentan Lieferschwierigkeiten – anscheinend haben sich da Onklen und Neffe furchtbar zerkracht und reden nicht mehr miteinander, geschweige denn, dass sie gemeinsam Klingen machen. Was zwar auf der einen Seite schade ist – auf der anderen Seite allerdings dazu führt, dass ich jetzt ein Messer mit dazugehöriger tragischer Familiengeschichte besitze, was, wie ihr euch vorstellen könnt, für mich den Reiz der ganzen Sache noch einmal extrem erhöht.

Der einzige, der von der ganzen Veranstaltung nicht sooo begeistert war, das war Jacob. Mein Herr Co-Autor war schon im Vorfeld vom Plan „Sarah bekommt neues Dinge, mit denen sie sich aus Versehen wehtun kann“ nur bedingt angetan war und ist dann irgendwann im Lauf des Verkaufsgesprächs dazugestoßen.

Jacob: „Bist du wirklich sicher, dass ich dir das nicht ausreden kann? Wirklich?“
Sarah: „Nope.“
Jacob, zur Verkäuferin: „Sie haben nicht zufällig auch was Stumpferes? Vielleicht für Kinder?“
Verkäuferin: „Wieso? Man tut sich mit scharfen Messern viel weniger weh.“
Verkäufer: „Und es heilt schneller.“
Jacob: „Ich mach mir nicht Sorgen, dass es langsam heilt – ich mach mir Sorgen, das nichts mehr da ist, was heilen KANN!“
Sarah: „Bitte, ich hab eine erstklassige Unfallversicherung, die geht nach Fingern.“
Jacob: „Das beruhigt mich jetzt grad unheimlich.“
Sarah: „Gell?… Ui, schau mal das da, mit der Damaszermusterung!“
Jacob: *tiefes Seufzen*

Schließlich hat Jacob dann aufgegeben und im Café auf mich gewartet, während ich meine Einkauf vollendet hab. Den Verkäufer haben wir mit dem ganzen Dialog allerdings ziemlich amüsiert, denn normalerweise sind es laut ihm immer die Frauen, die den Männern die scharfen Messer ausreden wollen, und nicht umgekehrt. Also hab ich in einem Aufwischen schöne Schnibbeldinger erworben UND ein Geschlechterklischee gebrochen – und mehr kann ich von einem guten Tag eigentlich kaum verlange, oder?

*Weil das nämlich heißt, dass ich mir gleichzeitig ein Erdbeermarmeladenbrot machen UND seriöse und absolut unabdingbare Recherche betreiben kann, ein Luxus, den nicht viele Berufsgattungen außer dem Krimischreiberling haben.

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