Prag, Prag, pragiges Prag

Also, etwas verspätet, der pragige Kurzbericht inklusive Beweisfotos.

*Von der Hinfahrt kann ich nicht viel erzählen, weil ich die gesamten viereinhalb Stunden lang selig gedüstelt hab. Eva dagegen hatte viel Freude mit dem Herren uns gegenüber – der verbrachte die Fahrt nämlich mit mit dem Hören von sehr lautem Techno und gelegentlichem Mitklatschen. Mir wurde anschließend mitgeteilt, dass ein normalsterblicher Mensch das eigentlich gar nicht verschlafen KANN und dass meine Verschlafungsfähigkeit von technohörenden Sibiriern ans fast Übermenschliche grenzt. Eva hat mir allerdings versichert, dass sie, wenn sie ihn ermordet hätte – und die Option stand ganz offensichtlich im Raum – mich zumindest zum gemeinsamen Leichenverstecken aufgeweckt hätte.

*In Prag angekommen haben wir es dann zuerst einmal geschafft, beim Geldwechseln über’s Ohr gehaut zu werden und das viel zu spät zu merken. Touristendeppenlehrgeld, was soll man machen. Erneut stand Mord und anschließende Leichenbeseitigung im Raum, wir haben uns dann stattdessen dafür entschieden, unser Wochenende NICHT in einem tschechischen Gefängnis zu verbringen.

*Als nächstes haben wir gelernt, dass in Prag PragU-Bahnstationen ausschließlich aus ausrangierten Daleks hergestellt werden. Fanden das leicht beunruhigend.
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*Im Hotel gerade großer Umbau. Vielmalige Entschuldigung vom Personal, dass man uns leider in ein anderes Zimmer verlegen muss, sehr betreten. Grad, dass sie nicht auf die Knie fallen. Zimmer ist gigantisch und Badewannenrand geht einer sitzenden Sarah weit über die Schultern. Wir finden es in uns, dem Hotel zu verzeihen.

*Prag hat Brücken. Viele Brücken. Mit Gelichter im Hintergrund. Mit viel, viel Gelichter.
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*Alchemistenmuseum. Ist mir von meinem letzten Pragbesuch noch in Erinnerung, also zerre ich die leicht skeptische Eva dorthin. Sie erwartet schuld und Kitsch, ist aber schnell bekehrt – obwohl winzig, ist es immer noch eines der charmantesten Museen aller Zeiten.
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*Im dazugehörigen Gespenster-von-Prag-Museum lerne ich eine absolut hinreißende Geisterlegende. Es geht darin um eine Prostituierte, die vor ein paar hundert Jahren in der Stadt gelebt und gerne ein bisschen provoziert hat. Eines Tages sieht sie einen Priester auf der Straße und denkt sich: „Mei, den schreck ich!“ Sie hupft also vor ihn auf den Weg und entblößt ihre Brüste, weil es für einen Priester damals ganz offensichtlich nichts Schlimmeres gab das weibliche Obergehänge. Der Priester kriegt daraufhin so einen Schreck, dass er ihr mit dem Kreuz eines überzieht, um ihr den Teufel auszutreiben – blöderweise kompensiert er in seinem Busenschock ein wenig über und erschlägt die Dame. Er ist darüber NOCH schockierter und stirbt an Ort und stelle an einem Herzinfarkt.
Und seit jener Zeit, die Legende, wandern die beiden Gemeinsam durch die Straßen: er will immer vor ihr fliehen und entkommt ihr doch nicht, während sie ihn mit wollüstig entblößten Brüsten verfolgt. Hat definitiv was von einem Monty Python-Sketch, muss ich sagen.

*Natürlich sind wir nächtens in eine Absinthbar. Ist ja sonst nicht Prag. Nur, dass wir uns von der Kellnerin beraten haben lassen und dabei eventuell der Satz: „Well, tell us what
Sagen wir mal so: der Absinth im französischen Stil, den man hierzulande (wenn auch mit einiger Mühe, wenn man Wert auf Qualität legt) bekommt, das ist im besten Falle eine euphorisierende Symphonie aus Anis- und Fenchelnoten, eine wahre Fee von Likör, ein grüner Hauch aus Kräutern, Zucker und Alkohol.
Tschechischer Absinth dagegen ist, als würden ein Öltanker und ein mit Wermut beladenes Apothekerschiff in diesem Moment auf deiner Zunge kollidieren und dann in Flammen aufgehen. Wir haben natürlich eine Flasche gekauft, aber sie steht jetzt ganz, ganz hinten in meiner Hausbar, damit arglose Gäste nicht ohne Vorwarnung daran nippen können. Bei der Zubereitung ist Feuer involviert – viel, viel Feuer – und beim Trinken werden die Lippen taub. Das ist die Art von Getränk, von der man in einer Nacht nur ein einziges Glas trinkt, und zwar vorzugsweise vor Sex oder nach einem Duell auf Leben und Tod. Nachdem allerdings beide Betätigungen mangels geeigneter Teilnehmer nicht wirklich machbar ist, wandern wir stattdessen über den Wenzelsplatz und machen Selfies.
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*Das Museum für Karel-Zeman-Filmspezialeffekte wirkt wirkt so unglaublich touristig, dass wir beschließen, dass es irgendein Geheimnis bergen muss, weil NICHTS ohne Hintergedanken so touristig sein kann.
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Fünf Minuten später beben wir beide vor Empörung, weil uns der Mann in unserem gesamten Filmstudium komplett verheimlicht worden ist. Mit Eisenstein uns einem dem verdammten Panzerkreuzer haben sie uns in jeder zweiten Vorlesung gefoltert und dem Neorealismo wären wir nicht mal ausgekommen, wenn wir uns unter den Tischen versteckt hätten – aber niemand, NIEMAND hat es für nötig befunden, uns diesen Pionier von Animationstechnik und Perspektive auch nur zu erwähnen?! Folglich sehen wir uns gezwungen, im Museumsshop einen ganzen Stapel DVDs zu erwerben, wobei wir die ganze Zeit: „Keiner hat was gesagt… keiner… dämlicher Panzerkreuzer…“ vor uns hinmurmeln. Wir beschließen, dass es unsere Pflicht – ja, unser heiliger Bildungsauftrag – ist, in absehbarer Zukunft möglichst viele Leute mit Karel-Zeman-Filmabenden zwangszubeglücken. Im Notfall fessel ich sie auf meine Couch.

*Weil alles andere fad wär, sind wir am nächsten Tag natürlich noch einmal in eine weitere Absinthbar gewandert, die sich etwas großspurig als ‚Absinthmuseum‘ bezeichnet. Der Museumsteil besteht aus einer einzigen Wand voller Absinthflaschen, was uns wenig beeindruckt hat. Viel interessanter war dagegen der Absinth auf Met-Basis und das dazugehörige Ritual, bei dem im frazösischen Stil langsam Wasser darübergeträufelt wird – nur, dass in diesem Wasser eine gröbere Menge Trockeneis ist, mit dem Ergebnis, dass es über den Tisch wallt und nebelt wie drei Monate Herbstwetter.

Eva approves.
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Eva REALLY approves.
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*Falls euch jemand fragt: nein, sie kann nach einem Glas Absinth auf leeren Magen NICHT mehr Karten lesen. Ich kann es nicht einmal nüchtern. Das Ergebnis war erstaunlich viel Desorientiertheit und Herumgewander in Prag, an dessen Ende wir durch reinen Zufall zwar nicht in das Angestrebte Kaffee, dafür aber in die beste Teestube Prags gefunden haben. Ernsthaft, die haben da nicht nur sieben verschiedene Assams und gießen den Tee in der richtigen Temperatur für die jeweilige Sorte auf, sie bringen auch eine Thermoskanne mit heißem Wasser für den zweiten Aufguss auf den Tisch. Wir hatten viel, viel, viel Freude und waren am Ende fast wieder ansatzweise halbwegs nüchtern. Und im Besitz von Tee.

*Der Trdelník ist gleichermaßen eine wunderbare kulinarische Erfindung – und phonetische Schwerstarbeit. Empfehle den Verzehr wärmstens, nicht aber die Aussprache.
http://de.wikipedia.org/wiki/Trdeln%C3%ADk

*Erneute Entschuldigung vom Personal, sie müssen uns noch einmal verlegen. Concierge erwägt wahrscheinlich rituellen Selbstmord auf der Karlsbrücke, um seine Ehre wieder reinzuwaschen. Wir vergeben erneut, als sie uns dieses Mal nicht in ein Zimmer, sondern in eine Suite stecken, die größer ist als meine alte Wohnung.

*Es gibt in Prag ein winziges Geschäft, kaum größer als ein Schuhkarton, das nach Terry Gilliams Socken benannt ist und ausschließlich alte Filmplakate verkauft. Erwerbe ein tschechisches Plakat vom Schatz am Silbersee für meine Mutter und eines vom Braven Soldaten Svejk für meinen Bruder.

*Ich ignoriere die Zeitumstellung und stelle den Wecker eine Stunde zu früh. Was weniger blöd wäre, wenn ICH ihn dann nicht komplett verschlafen würde und stattdessen Eva zehn Minuten lang fluchend durchs Zimmer irrt, um mein Handy zu finden und zum schweigen zu bringen. Sie ist kaum wieder eingeschlafen, als mein ‚Hallo, heute sind wir in Prag!“-Alarm losgeht, den ich ebenfalls selig verbüsle. (Okay, ja. Vielleicht sollt ich mich langsam wirklich wieder um diesen Eisenspiegel kümmern. Ahem.)

*Eva kann mir den Weckerzwischenfall allerdings nicht besonders lang vorhalten, weil sie später am Tage den Gedankengang ‚Hm, wir haben noch fünf Minuten bis zum Zug, da kann ich locker noch in dieses Teegeschäft schauen, Sarah liest da hinten eh in aller Ruhe‘ hegt, der dazu führt, dass wir exakt vier Minuten später panisch über den Prager Hauptbahnhof hetzen wie zwei hochgradig hysterische Perlhühner. Wir befinden, dass das angemessen absurd und damit der ideale Abschluss für einen auch sonst sehr erfreulichen Wochenendtrip ist.

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